Schlieren
Die Stadt Schlieren bereitet ihre eigene Energiewende vor

Mit dem neuen Schlieremer Energieplan wird das Gas an Bedeutung verlieren, die Fernwärme an Bedeutung gewinnen. Doch nicht alle Hausbesitzer haben Freude daran: Denn neu können sie gezwungen werden, sich einem Energieverbund anzuschliessen.

Bettina Hamilton-Irvine
Merken
Drucken
Teilen
Der Gasometer zeugt von Zeiten, als Gas in Schlieren das höchste der Gefühle war.

Der Gasometer zeugt von Zeiten, als Gas in Schlieren das höchste der Gefühle war.

Tabea Wullschleger

Das Gaswerkareal ist der unübersehbare Beweis: Schlieren ist, historisch gesehen, eine Gasstadt. Doch die Energieversorgung ist – nicht nur in Schlieren – im Umbruch. Welche Strategie man in Bezug auf die Gasversorgung in Zukunft fahren wird, war in Schlieren lange Zeit nicht klar. «Man wusste nicht recht, soll man das Gas schnell oder langsam beerdigen», sagte Peter Voser, Präsident des Hauseigentümerverbands (HEV) Schlieren, am Dienstagabend.

Doch: Beerdigt wird das Gas noch lange nicht. Das wurde schon 2009 klar, als der Stadtrat plante, das Gasnetzwerk zu verkaufen und nach einem Entrüstungssturm aus der Bevölkerung wieder davon abkam. Doch es wurde auch am Dienstagabend im Stürmeierhuus nochmals klar. Dorthin hatte der HEV zu einem Informationsabend eingeladen, an dem es um den neuen Schlieremer Energieplan ging. Dieser soll den aktuellen Plan von 2004 ersetzen; genehmigen muss ihn das Parlament, was voraussichtlich im August oder September der Fall sein wird.

Nachhaltigkeit ist nicht freiwillig

Als Referenten eingeladen hatte der HEV einerseits Stadtrat Markus Bärtschiger (SP), der dem Ressort Bau und Planung vorsteht und andererseits Roger Gerber, den städtischen Abteilungsleiter Werke, Versorgung und Anlagen. Das Ziel müsse sein, dass die Energieversorgung langfristig günstig, sicher und gut sei, sagte Bärtschiger. Und unter «gut» verstehe er vor allem eine Energieversorgung, die möglichst umweltverträglich sei. Bärtschiger wies darauf hin, dass die Nachhaltigkeit keine freiwillige Aufgabe ist, sondern sogar in der Bundesverfassung festgehalten ist – unter anderem mit dem Satz: «Nachhaltige Entwicklung ist ein Staatsziel.»

Keine utopische Vorgabe

Um dieses Ziel zu erreichen, will Schlieren bis 2035 den Komfortwärmeverbrauch um 35 Prozent senken. Der Anteil der erneuerbaren Energien und Abwärmenutzung am Gesamtwärmebedarf hingegen soll von aktuell 12 Prozent auf 60 Prozent steigen – eine Vorgabe, die Bärtschiger als «nicht utopisch» bezeichnete. Heute werden 45 Prozent der Wärmeversorgung durch Heizöl abgedeckt, 36 Prozent durch Erdgas.

Eine Herausforderung dürfte sein, dass die durchschnittliche Wohnfläche, die ein Schlieremer braucht, und die heute bei relativ tiefen 40 Quadratmetern liegt, mit den vielen Neubauten steigen wird. Damit erhöht sich auch der Wärmebedarf. Ein «riesiges Potenzial an Energiesparmöglichkeiten» habe Schlieren dafür im Bereich der Gebäudesanierungen, sagte Bärtschiger – weil heute noch ein Grossteil der Gebäude aus der Zeit zwischen 1920 und 1970 stammt.

Eines der ersten Ziele ist es, die enorme Menge an ungenutzter Abwärme der Kehrichtsverbrennungsanlage der Limeco zu nutzen. Auch die Abwasserreinigungsanlage Werdhölzli produziert viel Abwärme, wovon erst 10 Prozent genutzt werden. Tiefere Priorität haben Gas, Energieholz, Grünabfälle, Solarthermie und Umgebungsluft.

Stadt darf Vorschriften machen

Um festzulegen, wo welche Energiequelle ideal ist, hat der Stadtrat im neuen Energieplan drei Gebiete definiert: Im Prioritätsgebiet entlang der Eisenbahnlinie zwischen Badenerstrasse und Bernstrasse ist der Energieverbund Mülligen Rietbach geplant. Dort kann die Stadt Eigentümern verbindlich vorschreiben, welche Energiequelle sie brauchen müssen. In den Eignungsgebieten – dazu gehören das Gaswerkareal und das Zelgliquartier – macht die Stadt Empfehlungen, während im Optionsgebiet Voraussetzungen für einen künftigen Wechsel geschaffen werden. Dazu zählt das Spitalquartier.

«Der Hausbesitzer ist auf verlorenem Posten»

Gerber betonte, dass das Gas nicht verdrängt werde, sondern vielmehr «Stammspieler im Energieversorgungsteam» bleibe. Der andere Stammspieler im Team ist neu der Energieverbund der Elektrizitätswerke Zürich (EWZ), in dessen Portfolio Schlieren der grösste Kunde ist, wie Gerber sagte. Er legte auch dar, dass die Fernwärme bisher nicht auf Kosten der Gasversorgung eingeführt worden sei, sondern vor allem im Neubaugebiet. Heute hat das Schlieremer Gasnetzwerk laut Gerber noch eine Restnutzungsdauer von rund 35 Jahren. Der Gastarif wird jedoch um 10 Prozent steigen, damit das Netz langfristig finanziert ist.

Dass der neue Energieplan auch verunsichert, wurde am Dienstagabend klar. So sagte ein Zuhörer, er würde es begrüssen, wenn das Parlament den Stadtrat beim Aushandeln des Konzessionsvertrags für den Energieverbund mit den EWZ unterstützen würde. FDP-Gemeinderat Andreas Geistlich sagte: «Der Hausbesitzer ist auf total verlorenem Posten.» So werde er einerseits von der Stadt gedrängt, sich dem Energieverbund anzuschliessen und stehe andererseits einem Monopolisten gegenüber.