Schlieren
Die Stadt lenkt ihren Blick nach innen

Auf das erste Entwicklungsinstrument folgt das nächste – nun rückt das bewohnte Gebiet in den Fokus. Dabei soll die Bevölkerung eine aktive Rolle spielen.

Florian Niedermann
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Die Überbauung am Rietpark ist eine der Blüten, die das Stadtentwicklungskonzept in Schlieren trieb.

Die Überbauung am Rietpark ist eine der Blüten, die das Stadtentwicklungskonzept in Schlieren trieb.

Florian Niedermann

Das Ausmass des Wachstums, das die Stadt Schlieren in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat, sucht schweizweit Seinesgleichen. Fast 5000 Bewohnerinnen und Bewohner sind seit 2003 in die Stadt gezogen – vor kurzem begrüsste die Stadt die achzehntausendste Schlieremerin. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass diese Entwicklung von Raumplanern in der ganzen Schweiz positiv kommentiert wird, bildete ein Stadtentwicklungskonzept, das 2005 rechtskräftig wurde (siehe Box unten).

Nun will der Stadtrat an diese Erfolgsgeschichte anknüpfen: Im Verlauf dieses Jahres soll ein neues Strategiepapier entstehen, mit dem er bis zirka 2030 die weitere städtebauliche Entwicklung Schlierens steuern wird. Für die Erarbeitung des Stadtentwicklungskonzepts 2 hat die Exekutive Ausgaben in der Höhe von 175 000 Franken bewilligt. Es wird die Grundlage für die Revision der Bau- und Zonenordnung bilden, welche das Konzept auch baurechtlich verbindlich macht. Erstellt wird das neue Konzept vom renommierten Frankfurter Planungsbüro Albert Speer & Partner, das mit Städtebau- und Architekturprojekten weltweit Bekanntheit erlangte (Artikel unten).

«Werkstatt» dient als Plattform

Ein elementarer Unterschied zum ersten Entwicklungsinstrument liegt in seiner Entstehung: Während das Parlament vor zehn Jahren ein Konzept bewilligte, das vor allem in Zusammenarbeit von Planern und Politikern entstanden war, soll die Bevölkerung nun konsequent eingebunden werden. Im Rahmen einer sogenannten Aktivwerkstatt sammelt Albert Speer & Partner Ideen, Vorschläge, Fragen sowie Bedenken von Vertretern der Schlieremer Bevölkerung und verschiedener Interessengruppen.

Der erste Anlass soll bereits nach dem Schlierefäscht im September stattfinden. Dann erstellen die Planer anhand der Erkenntnisse aus diesem Austausch Konzepte, die sie in einer zweiten Werkstatt mit Behörden und Bevölkerung diskutieren. Nach der Bereinigung der Entwürfe wird das Stadtentwicklungskonzept 2 schliesslich vorgestellt und öffentlich aufgelegt.

Auch die Ausgangslage für die Erarbeitung des Strategiepapiers ist eine andere als vor zehn Jahren: Nachdem sich die Stadt Schlieren in den letzten zehn Jahren vor allem auf Industriebrachen und zuvor unbebautem Terrain ausgebreitet hat, sind die meisten solchen Landreserven heute aufgebraucht. Für die kommenden 15 Jahre wird sich die Stadt nun vor allem mit Fragen im Zusammenhang der inneren Verdichtung des Siedlungsraums und damit mit bereits bewohntem Gebiet befassen müssen, sagt Bauvorstand Markus Bärtschiger (SP). Denn: «Mit der geplanten Limmattalbahn ist ein weiterer Zuzügerschub zu erwarten. Fertig gebaut ist die Stadt noch nicht.» Weil in den letzten Monaten immer wieder auch Stimmen aus der Bevölkerung laut wurden, die dem Wachstum und der Verdichtung kritisch gegenüberstehen, sei es wichtig, die Schlieremer jetzt, bei der Entstehung des neuen Stadtentwicklungskonzepts, ins Boot zu holen.

In den Aktivwerkstätten werden laut Bärtschiger unter anderem folgende Themen und Herausforderungen diskutiert werden müssen:

Verdichtung: Die übergeordneten kantonalen und regionalen Richtplanungen geben vor, dass der Siedlungsraum im Limmattal besonders entlang der SBB-Linien und der geplanten Limmattalbahn verdichtet werden muss. «Wir haben daher nur einen begrenzten Gestaltungsspielraum», sagt der Bauvorstand. Eine Frage, die mit der Bevölkerung aber geklärt werden soll, sei, wo und wie hoch auf Stadtgebiet Hochhäuser gebaut werden dürfen.

Öffentliche Räume: Diese werden im Zuge der Verdichtung immer wichtiger. «Wir werden daher sicher darüber reden müssen, wo wir öffentliche Freiräume bewusst bewahren und Geld darin investieren», erklärt Bärtschiger. Damit verbunden sei die Frage, ob die Stadt weiterhin nur über ein gesellschaftliches Zentrum verfügen wird, oder ob Orte wie der Kesslerplatz zu weiteren Begegnungszentren ausgebaut werden sollen. Der Kulturplatz, für den die Firma Halter AG 2014 im Rahmen eines partizipativen Verfahrens erfolglos den Bau einer grossen Eventhalle vorschlug, wird bei den Aktivwerkstätten aber kein Thema sein: «Diesbezüglich läuft bereits eine Testplanung mit Architekten, um abzuklären, welche Nutzungen nebeneinander funktionieren könnten», so Bärtschiger.

Naherholungsgebiete: Die Bevölkerung soll auch ihre Einschätzung dazu abgeben, ob Naherholungszonen wie Limmatufer und Schlierenberg ausreichend erschlossen sind.

Verkehr: Zwar wird das Stadtparlament bald über den revidierten Verkehrsplan befinden. Dennoch sei der Verkehr ein Thema, das in einer Stadt wie Schlieren bei der Stadtentwicklung nicht ausgeklammert werden könne, sagt Bärtschiger. So etwa die Frage, welche Prioritäten dem Langsam- und motorisierten Verkehr im Stadtkern zukommen sollen.

Situation des Kleingewerbes: Der zunehmende Internethandel und die steigenden Bodenpreise für Betriebe könnten dazu führen, dass das Kleingewerbe immer mehr aus dem Zentrum verdrängt wird, sagt der Schlieremer Bauvorstand. Daher gehe es bei den Bevölkerungsanlässen im Herbst auch darum, ob und wie öffentliche Hand und Investoren dafür sorgen sollen, dass sich die Situation dieser Unternehmen verbessert.

Auch wenn sich die thematische Ausrichtung des Stadtentwicklungskonzepts von jener der ersten Ausgabe unterscheidet, etwas wird sich nicht ändern: Die Umsetzung wird Schlieren wachsende Ausgaben im Bereich Infrastruktur bescheren. Bärtschiger sagt dazu: «Wir werden weiter investieren müssen, wenn sich die Stadt entwickeln soll.» Allerdings stehe nun vermehrt der Tief- und nicht mehr der Hochbau im Zentrum.

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