Eine «bewusste Missachtung des Gemeinderats- und damit des Volkswillens» nannte FDP-Gemeinderat Philipp Müller in einer Interpellation die Weigerung des Dietiker Stadtrats, aus der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) auszutreten. Den Erklärungen des ehemaligen Sozialvorstands Johannes Felber, Dietikon könne durch verstärkte Mitsprache im Gremium langfristig mehr erreichen als durch einen Austritt, traute Müller nicht: Er vermutete hinter Felbers Beteuerungen, sich um Einsitz zu bemühen, «wohlklingende, jedoch amtsträge Worthülsen».

Das Schicksal will es nun, dass der Vorstoss, der den Austritt forderte, just von der Person kommt, die heute zu Müllers Vorwürfen Stellung nehmen muss: vom damaligen SVP-Gemeinderat Roger Bachmann, der heute Sozialvorsteher der Stadt mit der höchsten Sozialhilfequote des Kantons ist. Doch Bachmann hat Glück gehabt: Müllers Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Seit dem 22. Mai ist die Leiterin der Dietiker Sozialabteilung, Liliane Blurtschi, nämlich tatsächlich im Skos-Vorstand vertreten, wie aus der stadträtlichen Antwort hervorgeht. Zudem hat Bachmann selbst seit kurzem Einsitz in der kantonalen Sozialkonferenz.

Seiner Skepsis gegenüber der Skos tut das zwar keinen Abbruch. «Ich bin immer noch kritisch», sagt Bachmann, «doch wir sollten der Institution noch eine Chance geben.» Zuversichtlich stimmt ihn der kürzlich erfolgte Personalwechsel im Präsidium des Fachverbands. Von der neuen Spitze habe er den Eindruck erhalten, dass sie auf Sorgen und Bedürfnisse der Gemeinden stärker eingehen will: «Man will mehr mit der Basis zusammenarbeiten.»

Nur eine von rund 50 Stimmen

Die Sozialabteilungs-Leiterin Lilian Blurtschi ist überzeugt, dass ihr Einsitz im Vorstand «einen guten Schritt für Dietikon» darstellt. «Wir haben nun die Möglichkeit, uns einzubringen, haben besseren Einblick in die Prozesse, bekommen Informationen früher als zuvor.» Sie gibt jedoch auch zu bedenken, dass ihre Stimme nur eine von rund 50 im Vorstand sei. «Es ist wichtig, dranzubleiben, und sich hartnäckig für die Gemeindeanliegen einzusetzen», sagt sie. Doch nur schon der Fakt, dass sie Einsitz erhielt, erachtet sie als positives Zeichen: «Die Skos zeigt damit, dass Dietikon wahr- und ernst genommen wird.»

Bachmann hofft zudem, dass die Skos künftig sensibler kommuniziert, als es der ehemalige Präsident Walter Schmid im Fall Berikon getan hatte. Dieser hatte sich damals positiv über den Bundesgerichtsbeschluss geäussert, der einem «renitenten Sozialhilfebezüger» rückwirkend Beiträge zusprach, die ihm die Gemeinde verweigert hatte. «Seine Äusserungen haben der Sozialhilfe geschadet», ist Bachmann überzeugt. Doch er ist «zuversichtlich, dass der Vorstand seine Lehren daraus gezogen hat».

Weiterhin infrage stellt Bachmann jedoch das 2005 eingeführte Anreizsystem der Skos, das auf dem Prinzip «Arbeit statt Sozialhilfe» beruht. «Ob das heutige Bonussystem wirklich Sinn macht, ist eine Grundsatzfrage, mit der sich die Skos auseinandersetzen und sich bald klar positionieren muss», sagt er. Nicht zuletzt erachtet er das als nötig, weil sich die Sozialhilfe dringend von ihrem schlechten Ruf befreien muss: «Die Sozialhilfe beruht auf dem Solidaritätsprinzip. Je mehr der Unmut in der Gesellschaft über deren Handhabung wächst, umso weniger kann sie eine positive Wirkung entfalten.»

Wichtig ist Bachmann, dass die Skos-Richtlinien, die im Kanton Zürich verbindlich sind, einheitlicher umgesetzt werden. «Da gibt es Riesenunterschiede, etwa zum Aargau, der eine viel strengere Praxis kennt als der Kanton Zürich», so Bachmann. Gerade im Spezialfall Dietikon mit seinen 7,2 Prozent Sozialhilfequote würde der Sozialvorstand die Möglichkeit eines härteren Durchgreifens willkommen heissen. «Besonders bei den situationsbedingten Leistungen, die über die materielle Grundsicherung hinausgehen, besteht Handlungsbedarf», sagt er.

Mehr Kontrollen, mehr Arbeit

Andererseits sieht er auch bei der Stadt selbst noch Verbesserungspotenzial. So soll künftig mehr Gewicht auf den Bereich Controlling gelegt werden. Nur: Vermehrte Kontrollen bedingen eine engere Fallführung, während die Ressourcen auf der Dietiker Sozialabteilung heute schon knapp sind. Zurzeit erarbeite man bei der Budgeterstellung Szenarien, wie das Controlling mit vorhandenen Ressourcen verstärkt werden könnte, so Bachmann. «Durchaus vorstellbar ist auch, dass Stellen in diesem Bereich aufgestockt werden.» Klar ist für ihn hingegen, dass der Bereich Beratung/Betreuung nicht ausgebaut wird.

«Wir haben und hatten Fälle, in denen ein Missbrauchsverdacht besteht. Dort müssen wir ansetzen und auch härter durchgreifen», sagt Blurtschi. Im Betreuungsbereich abzubauen, um mehr Kontrollen zu ermöglichen, erachtet sie aber nicht als richtigen Weg: «Man muss das differenziert betrachten. In vielen Fällen würde eine stärkere Kontrolltätigkeit ohne begleitende Betreuung gar nichts bringen.» Vielmehr müsse man beide Stränge kombinieren und ein gutes Gleichgewicht finden.

Klar ist, dass es dauern wird, bis Resultate sichtbar werden. «Man darf keine Wunder erwarten», so Blurtschi. Zudem würden Massnahmen der Sozialabteilung nur einen kleinen Teil im Problempuzzle Soziallasten ausmachen: «Die hohe Falldichte hängt mit dem Bevölkerungsmix zusammen. Und es wäre illusorisch, zu erwarten, dass Dietikon sich von heute auf morgen in eine andere Stadt verwandelt.»

«Hoffe, sie machen guten Job»

Ein Austritt aus der Skos kam für sie nie infrage. «So etwas setzt vielleicht für ein paar Wochen ein politisches Zeichen, doch langfristig bringt ein Austritt keine Vorteile: Man wäre lediglich vom Prozess ausgeschlossen», sagt sie – und müsste sich ja trotzdem an die kantonalen Gesetze halten, die sich an den Skos-Richtlinien orientieren.

Gemeinderat Müller, der seine Interpellation eingereicht hatte, bevor Blurtschi und Bachmann in den Gremien vertreten waren, ist vorläufig besänftigt. «Ich bin der Skos gegenüber zwar immer noch kritisch, aber grundsätzlich begrüsse ich jeden Schritt hin zu einer grösseren Einflussnahme Dietikons.» Nun hoffe er, dass die beiden Vertreter «einen guten Job machen und den schwierigen Standpunkt unserer Stadt einbringen werden». Im Hinblick auf die neue Ausgangslage ist für ihn ein Austritt aus der Skos vorläufig vom Tisch. Er behält sich aber vor, einen erneuten Anlauf zu starten, sollten Resultate innert nützlicher Frist ausbleiben. «Wenn wir in drei Jahren noch am selben Punkt stehen, muss man sich die Frage schon noch einmal stellen.»