Limmattal
Die Solidarität des Limmattals reicht bis Tschechien

Solidarität wird im Limmattal grossgeschrieben. Viele Gemeinden unterstützen auf unterschiedliche Weise finanzschwache Berggemeinden. Dietikon verbindet gar eine Freundschaft mit dem tschechischen Kolín.

Sandro Zimmerli
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Schalns ist die Partnergemeinde von Geroldswil

Schalns ist die Partnergemeinde von Geroldswil

Limmattaler Zeitung

«Ina relaziun che ha teniu 40 onns e che ha perspectivas da tener aunc gitg», heisst es auf der Einladung zur grossen Feier. Oder auf Deutsch: «Eine Beziehung, die 40 Jahre lang gehalten hat und hoffentlich noch lange hält.» Die Gemeinde Morissen ist nächstes Wochenende im Festfieber. Vor 40 Jahren hat Unterengstringen die Patenschaft für das kleine Bergdorf in der Val Lumnezia übernommen. Dieses Jubiläum gilt es, gebührend zu begehen. Deshalb ist die Unterengstringer Bevölkerung kommenden Sonntag ins Bündnerland geladen, um mit den Einwohnern von Morissen auf die langjährige partnerschaftliche Beziehung anzustossen.

Seit Bestehen der durch die Schweizerische Patenschaft für Berggemeinden vermittelten Zusammenarbeit, hat die Limmattaler Gemeinde ihren Bündner Partner mit insgesamt 895000 Franken unterstützt. Geld, welches das Dorf, das Anfang der 1970er-Jahre noch als «eine der finanzschwächsten Gemeinden von Graubünden» galt, dringend benötigte, um seine Infrastruktur aufzubauen.

So wurde beispielsweise in den Jahren 1975/76 die Wasserversorgung erstellt. Jüngstes Projekt, das mit der Unterstützung aus Unterengstringen realisiert werden konnte, war der Bau zweier Zweifamilienhäuser in den Jahren 2008/2009. Diese werden Einheimischen oder Zuzügern zu günstigen Mietkonditionen überlassen, um die Abwanderung zu stoppen.

Wie andere Gemeinden in den bäuerlich geprägten Regionen Bündens hatte auch Morissen Mühe, mit der in den 1950er-Jahren einsetzenden rasanten Modernisierung Schritt zu halten. Oft fehlte das Geld, um dringend benötigte Projekte, wie den Ausbau der Strassen oder Schulen, finanzieren zu können.

Patenschaft zwischen Berg und Tal

Unterengstringen ist nicht das einzige Limmattaler Beispiel für eine Patenschaft zwischen Berg und Tal, zwischen wirtschaftlich benachteiligten Regionen und Wirtschaftszentren. Eine Reihe anderer Limmattaler Gemeinden pflegen schon seit Jahrzehnten Partnerschaften mit Berggemeinden. Ausnahmen sind Aesch, Oetwil und Urdorf, die keine Patengemeinde haben.

Ebenfalls im Bündnerland, in der Surselva, liegt Schlans, die Patengemeinde von Geroldswil. Die Freundschaft zwischen den beiden Gemeinden geht auf das Jahr 1984 zurück, als eine Lawine die Maiensässe von Schlans verwüstete. Theo Quinter, damaliger Geroldswiler Gemeindepräsident, ergriff daraufhin die Initiative zur Patenschaft. Auch dort konnten im Folgenden verschiedene Projekte dank der finanziellen Unterstützung der Patengemeinde realisiert werden. Zudem haben Helfer aus Geroldswil unzählige Stunden mit Freiwilligenarbeit in Schlans verbracht. Später ist aus dieser Partnerschaft der Verein Pro Schlans hervorgegangen. Wie Unterengstringen zu besonderen Gelegenheiten begrüsst auch Geroldswil immer wieder Delegationen aus ihrer Patengemeinde im Limmattal. Jeweils am Weihnachtsmarkt ist Schlans mit einem Stand auf dem Dorfplatz vertreten.

Dieser Markt war auch Schauplatz einer besonderen Solidaritätsbezeugung. Am 16. November 2002 geriet Schlans erneut wegen einer Naturkatastrophe in die nationalen Schlagzeilen. Damals, nach heftigen Unwettern, teilte eine Rüfe das Dorf in zwei Teile. Die Massen aus Schlamm, Wasser und Steinen rissen mehrere Gebäude mit sich, darunter auch ein Wohnhaus. In Geroldswil wurde daraufhin am Weihnachtsmarkt eine Sammelaktion gestartet. Insgesamt wurden 65000 Franken gespendet. Nach und nach wurden die Gelder bis ins Jahr 2009 für die Möblierung des Gemeinschaftsraumes, für die Sanierung des Dorfladens und die Rüfenverbauung eingesetzt.

Positive Nachrichten

Die jüngsten Nachrichten aus Schlans sind wieder positiv. Im April dieses Jahres haben die Stimmberechtigten die Fusion mit der Nachbargemeinde Trun beschlossen. Spricht sich das kantonale Parlament ebenfalls für das Zusammengehen der beiden Gemeinden aus, dürfte die Fusion auf den 1. Januar 2012 rechtskräftig werden.

Aus einer Fusion ist die Schlieremer Patengemeinde Donat im Bündner Bezirk Hinterrhein hervorgegangen. Sie entstand auf den 1. Januar 2003 hin aus der Vereinigung der bis dahin selbstständigen Gemeinden Donath und Patzen-Fardün. Die Patenschaft Schlierens besteht jedoch schon seit Jahrzehnten, wie Stadtschreiber Hansruedi Kocher auf Anfrage erklärt. Schlieren unterstützte die Gemeinde Donat mit jährlichen Beiträgen von 20000 Franken, die in der Regel projektbezogen ausgerichtet würden. «Zudem bestehen regelmässige persönliche Kontakte zwischen den Behörden von Schlieren und Donat. Alle zwei bis vier Jahre finden gegenseitige Besuche statt», so Kocher.

Der nächste Besuch aus Graubünden sei für das Schlierefäscht geplant, welches vom 2. bis 11. September stattfindet. Dort werde Donat am Herbstmarkt vom 3. September mit einem Informationsstand präsent sein. Gleichen Tags sei der Gemeindevorstand von Donat Gast des Stadtrates Schlieren. Neben einem gemeinsamen Nachtessens sei der Besuch der «Kleinen Niederdorfoper» geplant. «Zudem wird unsere Patengemeinde am Festumzug vom Sonntag, 4.September, mitmachen», sagt Kocher.

Eine Fusion sowie weitere Gründe führten in Oberengstringen an der Gemeindeversammlung vom 23. November 2009 dazu, die Partnerschaft mit Ascharina aufzulösen. Die Gemeinde im Prättigau war zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren mit St. Antönien fusioniert. Der Oberengstringer Gemeinderat kam damals zur Einsicht, das Werk zur Unterstützung der Patengemeinde abgeschlossen zu haben. Begonnen hatte die Patenschaft für Ascharina im Jahr 1971.

Im Jahr 1987 hiess die Gemeindeversammlung dann den gemeinderätlichen Antrag auf Genehmigung eines jährlich wiederkehrenden Kredites von 80000 Franken für die finanzielle Hilfe an Schweizer Berggemeinden gut. Abgesehen von vereinzelten Beiträgen für Katastrophenhilfen floss das Geld nach Ascharina. Jahr für Jahr wurden so in einzelnen Etappen umfangreiche Projekte für Alpsanierungen, Strassenbau und Meliorationen finanziert. «In dieser Zeit fand auch ein regelmässiger Austausch zwischen den Gemeinden statt», erklärt Oberengstringens Gemeindeschreiber Peter Menzi. So seien beispielsweise Vertreter aus der Patengemeinde an den Gewerbeausstellungen präsent gewesen. Zudem habe der ehemalige Käseladen im Zentrum Produkte aus Ascharina in seinem Sortiment geführt.

Brinzauls ist die Partnergemeinde von Birmensdorf

Auf der Sonnenterrasse Mittelbündens, zwischen den beiden Regionalzentren Davos im Osten und Lenzerheide im Westen, liegt Brienz/Brinzauls. Seit fast 30 Jahren ist sie die Patengemeinde von Birmensdorf. Der Kontakt entstand 1981 über den damaligen Zürcher Stadtpräsidenten Sigmund Widmer. Es folgte ein Besuch einer Birmensdorfer Dreierdelegation, darunter der langjährige Gemeindeschreiber Rudolf Jetter, beim damaligen Brienzer Gemeindepräsidenten Fridolin Quinter. Im darauffolgenden Jahr beschloss die Gemeindeversammlung Birmensdorf die Übernahme der Patenschaft. Dank namhaften Beträgen aus dem Limmattal konnten drei für Brienz wichtige Projekte – der Bau eines Schulhauses, eines Gemeindehauses und eines Gemeindewohnhauses – verwirklicht werden. Seit Bestehen der Patenschaft fand fast alljährlich ein Treffen in Brienz oder in Birmensdorf statt. Letztmals weilte eine Brienzer Delegation vor zwei Jahren im Limmattal, um Rudolf Jetter zu verabschieden.

Den Kanton Graubünden verlassen muss, wer die Bergdietiker Patengemeinde Hospental besuchen will. Die Patenschaft geht auf das Jahr 1982 zurück. Federführend beim Zustandekommen der Beziehung zwischen der Limmattaler Gemeinde und dem Bergdorf im Urserental war der Bergdietiker Alt-Gemeindeammann Georges Häfliger. Er besuchte damals verschiedene Dörfer, um herauszufinden, welche Gemeinde Hilfe nötig hätte. In Hospental, das er vom Militärdienst kannte, wurde er vom Regierungsrat und dem Gemeindepräsidenten empfangen und bewirtet. Zuerst spendete Bergdietikon Beiträge an die Renovation des Schulhauses, später an den Bau des Mehrzweckgebäudes. Auch eine Gemeinderatsreise führte ins Urnerland. Im Verlauf der Jahre entstand ein reger Briefwechsel. Zudem nahmen die beiden Schützenvereine Kontakt auf.

Ins Ausland zieht es Besucher der Dietiker Partnerstadt Kolín. Die rund 31000 Einwohner zählende Stadt liegt knapp 60 Kilometer östlich von Prag. Entstanden ist die Partnerschaft 1994. Gefördert wurde die Beziehung bis vor einigen Jahren durch einen Jugendaustausch. Jugendliche aus der tschechischen Partnerstadt weilten jeweils zwei Wochen in der Schweiz. Eine davon verbrachten sie in Dietikon, die andere meist in den Bergen. Im Gegenzug erhielten Jugendliche aus Dietikon die Möglichkeit eines Aufenthalts in Tschechien. Weil das Interesse an diesem Austausch geringer wurde, sei er mittlerweile eingestellt worden, sagt Dietikons Stadtschreiberin Karin Hauser.

Jährlich, jeweils am Weihnachtsmarkt, wird dafür eine Delegation aus Dietikons Schweizer Patengemeinde Braggio empfangen. Die Beziehung zum kleinen Dorf im Calancatal besteht seit 1987. Die Stadt unterstützt die Gemeinde bei der Umsetzung von verschiedenen Projekten oder dringend notwendigen Anschaffungen. Diesen Winter beispielsweise wurde ein Betrag an eine neue Schneefräse gesprochen.

Eng verbunden

Keine eigentliche Patengemeinde kennt man in Uitikon. Dennoch ist man dort mit verschiedenen Ortschaften teilweise seit Jahren eng verbunden. Oft entstanden diese Beziehungen durch persönliche Kontakte. Jedes Jahr spendet Uitikon ein halbes Steuerprozent für gute Zwecke. 55 Prozent davon gehen an Berg- und Entwicklungshilfe, der Rest ins Ausland.

Auf die 1970er-Jahre zurück geht die Partnerschaft mit Versam in der Surselva. Neben finanzieller Unterstützung hat die Limmattaler Gemeinde über die Jahre auch mit Büchern aus der Bibliothek oder Feuerwehkleidung ausgeholfen, sagt Uitikons Gemeindeschreiber Bruno Bauder. Über die Jahre hätten viele Treffen stattgefunden. Unter anderem sei der Theaterverein von Versam in Uitikon aufgetreten.

Seit Mitte der 1990er-Jahre bestehe zudem ein enger Kontakt zur Fribourger Gemeinde Jaun. Im Wallis wurde Eggerberg lange unterstützt. Dort haben unter anderem Uitiker Gemeinderäte privat in ein Hotel investiert. Seit geraumer Zeit wird die ebenfalls im Wallis liegende Gemeinde Saas-Balen unterstützt. Sämtliche Beziehungen gehen laut Bauder auf persönliche Kontakte zurück.

Ein ähnliches Vorgehen wie Uitikon kennt Weiningen. Auch dort gibt es keine Patengemeinde. «Lange vor meiner Zeit hat die Gemeindeversammlung beschlossen, dass wir jährlich 10000 Franken für die Bergbauernhilfe spenden können», sagt Gemeindepräsident Hanspeter Haug. In letzter Zeit arbeite man mit der Patenschaft für Berggemeinden und der Schweizer Berghilfe zusammen.