Oberengstringen
«Die Seltsamen»: Leseabend begeistert Jung und Alt

Der Zürcher Jungautor Stefan Bachmann las in der Bibliothek aus seinem Buch «Die Seltsamen». Er stellte sich geduldig den Fragen und signierte anschliessend Buchexemplare.

Sebastian Schanzer
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Alt und jung versammelten sich, um Stefan Bachmanns Buchpräsentation zu hören.
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Der junge Schriftsteller gibt ausführliche Antworten auf Fragen aus dem Publikum.
Gerne signiert er Buchexemplare.
Bibliothek
«The Peculiar» erschien 2012 in Amerika und wurde dort zum Bestseller.

Alt und jung versammelten sich, um Stefan Bachmanns Buchpräsentation zu hören.

Sebastian Schanzer

Gespannt sitzt der zehnjährige Robin auf der Treppe in der Bibliothek in Oberengstringen. Zusammen mit über 30 weiteren Personen wartet er auf den jungen Autor Stefan Bachmann, der an diesem Abend aus seinem Buch «The Peculiar» vorlesen und sich den Fragen der Zuhörer stellen will. Der kleine Robin möchte selbst Schriftsteller werden und schreibt bereits kleine Geschichten, die er weiterverschenkt. Es könnte sich ihm also keine bessere Gelegenheit bieten, einem Autor über die Schultern zu schauen, als bei Bachmanns Leseabend. Denn auch dieser, heute 21 Jahre alt, startete früh mit dem Schreiben. Im Alter von 16 Jahren begann er mit seinem Debütroman.

«The Peculiar» erschien 2012 in Amerika und wurde dort zum Bestseller. Die Fantasy-Geschichte über einen Mischlingsjungen — halb Mensch, halb Fee — auf der Suche nach seiner entführten Schwester faszinierte dort Alt und Jung. Die «New York Times» bezeichnete den Roman als ein «Muss für jeden jungen Fantasy-Fan». Die deutsche Übersetzung kam im März dieses Jahres unter dem Titel «Die Seltsamen» auf den Markt. Mittlerweile ist in Amerika mit «The Whatnot» bereits ein Fortsetzungsroman erschienen. Dessen deutsche Übersetzung, «Die Wedernoch», soll Ende September mit einer Startauflage von 30 000 Exemplaren auch in der Schweiz erscheinen.

Von der Mutter unterrichtet

Bachmann wurde 1993 im amerikanischen Bundesstaat Colorado geboren. Seine Mutter ist Amerikanerin, der Vater ist Schweizer. Er war noch ein Kleinkind, als die Familie nach Adliswil zog, wo sie bis heute in einem alten Holzhaus lebt. Bachmann ging nicht zur Schule, sondern wurde — wie es in Amerika durchaus üblich sei — von seiner Mutter zu Hause unterrichtet. Mit elf Jahren ging er ans Konservatorium Zürich, heute studiert er Filmkomposition an der Zürcher Hochschule der Künste. Der Beruf, den Bachmann anstrebt, ist nicht der des Autors. Viel lieber will er Filmmusik schreiben. Die Musik zum Buchtrailer von «Die Seltsamen» stammt bereits aus seinem Kopf.

Bei so vielen Talenten und dem grossen Erfolg in seinem bescheidenen Alter kommt auch an der Lesung in Oberengstringen immer wieder die Frage auf, ob Bachmann denn ein Wunderkind sei. Er verneint und weist stets darauf hin, dass jeder fähig sei, ein Buch zu schreiben. Man müsse nur selbst viel lesen und schreiben und eine Menge Geduld und Durchhaltevermögen mitbringen. Auch die Frage nach der Herkunft seiner Ideen und den vielen fantasievollen Bildern im Buch beantwortet Bachmann nüchtern mit dem Hinweis auf eher handwerkliche Aspekte: «Ich habe in diesem Buch nicht viel erfunden, ich habe nur bereits bestehende Elemente zusammengefügt», sagt er. «Man muss sich aber gut überlegen, wie diese Welt im Buch genau funktioniert.»

Bachmann verbindet in seinem Debütroman Elemente aus der mystischen Welt der englischen Folklore mit Science-Fiction-Elementen und versetzt die Handlung in das viktorianische Zeitalter des 19. Jahrhunderts. So stecken zum Beispiel in den altmodischen Strassenlaternen kleine Flammenfeen, die mit Libellen gefüttert werden müssen, damit die Laternen leuchten. Oder mechanisch angetriebene Vögel, wie auf dem Buchumschlag zu sehen, fliegen durch die Lüfte Englands. Diese Mischung aus Science-Fiction und Retro-Ästhetik erinnert an die Harry-Potter-Romane und hat als Genre bereits einen Namen, wie Bachmann weiss: Steampunk. In seinen eigenen Worten beschreibt er diese literarische Strömung als «Science-Fiction aus der Vergangenheit». Das Genre sei im englischsprachigen Raum schon seit einiger Zeit sehr beliebt.

Sei seltsam!

Ein weiteres Merkmal dieser fantastischen Welt im Roman ist die bedrückende Atmosphäre, die ihre Protagonisten umgibt. Die beiden Hauptpersonen sind Mischlinge, werden als hässlich wahrgenommen und ausgestossen. Sogar der Vater habe sie verlassen, erinnert sich die Gesprächsleiterin Gaby Beusch. Noch bevor sie zur eigentlichen Frage ausholen kann, kommt ihr Bachmann zuvor: «Und sie dachten, das sei autobiografisch?» Sie scheint entlarvt und lacht mit den anderen Zuhörern. «Nein», entwarnt Bachmann, «ich hatte eine sehr schöne Kindheit.»

Dass er, anders als die meisten Kinder, nicht zur öffentlichen Schule ging, sieht er positiv. «So kann man seinen Fähigkeiten entsprechend gebildet werden.» Einzig in der deutschen Sprache sei er deswegen noch nicht ganz zu Hause. Es falle ihm sogar schwer, sein eigenes Buch auf Deutsch zu lesen. Auf soziale Kontakte habe er aufgrund der Privatschulung aber nicht verzichten müssen. Ohnehin ist er der Überzeugung: «Niemand muss sich aufgrund seiner Eigenart schämen. Die Leute sollen sich trauen, anders zu sein.»