Birmensdorf/Altstetten
Die seltene Schlingnatter liebt verwilderte Grasnarben

Ökologe Manuel Frei sucht am Bahndamm zwischen Birmensdorf und Altstetten regelmässig nach Reptilien.

Thomas Mathis
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Diese junge Schlingnatter wohnt in der Nähe von Brugg neben dem Gleis. Ihre Artgenossen leben auch zwischen Altstetten und Birmensdorf.

Diese junge Schlingnatter wohnt in der Nähe von Brugg neben dem Gleis. Ihre Artgenossen leben auch zwischen Altstetten und Birmensdorf.

ARCHIV

Im Gras sitzt noch die Taunässe, als sich Manuel Frei bei sommerlichem Wetter auf seinen Rundgang begibt. Mit festen Schuhen ausgerüstet sucht der Ökologe den Bahndamm nach Reptilien ab. Sein geschulter Blick streift zügig über Steine und Hecken. «Reptilien lieben strukturreiche Umgebungen», sagt Frei. Das sind eine Mischung aus Steinhaufen, überständigem Gras und offenen Böden. Bahndämme seien eine der wenigen Orte im Mittelland, wo es noch solche Strukturen gibt. «In der Schweiz werden Grünflächen aufgeräumt und regelmässig geschnitten, obwohl das der Artenvielfalt schadet», sagt er. In Nachbarländern sehe die Situation diesbezüglich besser aus.

Bahndämmen wird in Fachkreisen deshalb eine grosse Bedeutung beigemessen. Die Böschungen bilden Korridore, die Lebensräume miteinander verbinden. Das ist der Grund, warum Frei den Bahndamm regelmässig abklappert. In der Nähe der Gleise zwischen Altstetten und Birmensdorf hat er zwanzig Platten ausgelegt, unter denen sich Reptilien verstecken können oder auf denen sie sich sonnen. «So lassen sich die gut getarnten Tiere einfacher aufspüren», sagt der Forscher und hebt eine der ausgelegten Platten an. Darunter ist verwelktes Gras zu sehen, aber kein Reptil. Auch in der näheren Umgebung der Platte ist nichts zu sehen.

Blindschleichen und Eidechsen

An diesem Morgen hat Frei kein Glück. Er findet nur Ameisen, Mäuse und eine Erdkröte. «Es ist nicht selten, dass ich fast keine Reptilien antreffe», sagt er. Die Tiere sind Beute vieler anderer Arten und verstecken sich deshalb oft. Zudem stehen über drei Viertel der 15 heimischen Reptilien auf der Roten Liste. Doch dann erspäht er doch etwas: eine männliche Zauneidechse. Wie viele Reptilien wärmt sie sich in der Morgensonne und verharrt dabei regungslos.

Heute versteckt sich keine Schlingnatter unter den ausgelegten Platten.

Heute versteckt sich keine Schlingnatter unter den ausgelegten Platten.

Thomas Mathis

Relativ häufig findet Frei Blindschleichen und Eidechsen. Seltener beobachtet er Schlangen, was ihn jeweils besonders freut. «Zwischen Altstetten und Birmensdorf leben Schlingnattern, die äusserst selten sind. Nur an wenigen Standorten im Kanton sind sie noch zu beobachten», sagt er. Das sei mit ein Grund, warum er diese Strecke für seine Studien ausgewählt hat. Bereits im vergangenen Jahr betreute er das Projekt «Natur neben dem Gleis», an dem 60 ehrenamtliche Helfer beteiligt waren. Die Untersuchung zeigte nicht nur, wie häufig Reptilien am Bahndamm zu finden sind, sondern bestätigte auch, dass sich die seltene Schlingnatter immer noch dort aufhält.

Aufwertungen sind geplant

Im Nachgang an diese Studie sind einige Aufwertungsmassnahmen geplant. «Bestimmte Steinhaufen entlang des Bahndamms wurden vor ein paar Jahren neu erstellt, um reptilienfreundliche Lebensräume zu schaffen. Das hatte Erfolg, wie die aktuelle Untersuchung zeigt», sagt der Forscher, der nun ein Folgeprojekt initiiert hat. Bis Oktober wird er sich regelmässig auf die Suche nach den Tieren machen.

Unterstützt wird er dabei von drei ehrenamtlichen Helfern aus der Region und einem finanziellen Beitrag des Kantons Zürich. «Ich finde es toll, dass die lokalen Naturschützer mitmachen», sagt er. Sein Nachfolgeprojekt sei auch deshalb wichtig, weil es das Bewusstsein für die Ansprüche der Reptilien schafft. «Mein Wunsch ist es, dass lokale Naturschutzvereine vermehrt Projekte zugunsten von Reptilien in Angriff nehmen», sagt er.

Es gibt kaum noch geeignete Orte

Auf den insgesamt 300 Begehungen haben die Helfer der ersten Studie lediglich siebenmal eine Schlingnatter entdeckt. Das zeigt, dass es Glück braucht, um ein Exemplar zu beobachten. «Grundsätzlich ist der Bahndamm nicht der angestammte Lebensraum für die Schlangen», sagt Frei. Es gebe im Mittelland kaum noch geeignete Standorte. Umso wichtiger sei es, die Böschungen so zu bewirtschaften, dass die Schlingnattern bleiben können. Zudem sollen die Böschungen nicht unnötig betreten werden, um die Tiere in Ruhe zu lassen.

«Für die Spaziergänger besteht keine Gefahr, weil die kleinen Schlangen nicht giftig sind», sagt Frei, dessen Faszination für Reptilien mit der Suche nach Schlangen begann. «Auf Familienwanderungen bin ich mit den Tieren in Kontakt gekommen. Seither haben sie mich nicht mehr losgelassen», sagt er. Dass den Reptilien mehr Lebensräume zur Verfügung stehen, können auch Gartenbesitzer beitragen. Verwilderte Flächen und Steinhaufen bieten den Tieren Schutz vor Hitze und Kälte sowie vor Fressfeinden. «Viele Grünflächen haben noch Potenzial, zum Beispiel Grasnarben, die nicht gemäht werden», sagt er. Das treffe auch auf die Bahndämme zu. Von solchen Massnahmen würden nicht nur Reptilien, sondern viele Arten profitieren.