Unterengstringen
Die Schwertkämpfer tauchen jede Woche ins Mittelalter ab

In Unterengstringen trainieren mittelalterliche Kämpfer für die Meisterschaften. Doch die Schwertkämpfe sind mehr als eine Sportart.

Lydia Lippuner
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Lydia Lippuner

Der Schweiss fliesst in kleinen Rinnsalen über die Stirn, doch die Schwertkämpfer auf dem Spielplatz in Unterengstringen denken nicht ans Aufhören. Sie haben sich statt in die erfrischende Limmat in gefütterte Jacken, sogenannte Gambesons, und Handschuhe, gestürzt. Die ganze Ausrüstung ist dem 14. Jahrhundert nachempfunden: «Kannst du mir noch die Rüstung festschnallen?», fragt Anja Vinzens. Der Trainer ist zur Stelle und bindet die sperrigen Lederbänder der jungen Kämpferin zusammen. Die Eisenschoner klappern in unregelmässigem Rhythmus, während sich die Kämpfer in den bis zu 30 Kilo schweren Rüstungen für das Training aufwärmen.

«Ich kannte die mittelalterliche Schwertkampfkunst von Polen», sagt Emil Szygula. Als er in die Schweiz kam, wollte der gelernte Mechaniker auch hier weitertrainieren. So gründete er den Verein Bojnar Schwertkampfkunst in Weiningen. «Doch in der Schweiz ist der Sport noch nicht so stark verbreitet», sagt er. Es gibt hierzulande erst fünf Vereine. Szygula, der, seit er 15-jährig ist, mit dem Schwert kämpft, ist nun Trainer der siebenköpfigen Gruppe. «Einmal in der Woche machen wir Softtraining in der Turnhalle und einmal trainieren wir in der vollen Rüstung», sagt er.

Sie holten die Goldmedaille

Das Historical Medieval Battle (HMB) kommt aus Russland und verbreitete sich in den 90-er-Jahren immer mehr in den westlichen Staaten. «Ich hörte zum ersten Mal an einem Mittelaltermarkt davon», sagt Vinzens. Sie habe sich vom Mittelalter-Fieber anstecken lassen und gehört mittlerweile fest zur Gruppe. Gemeinsam reisen die Kämpfer an nationale und internationale Turniere. Etwa an den Europa-Cup, der in zwei Woche im österreichischen Kaprun stattfindet.

«An den Wettkämpfen sahnte ich dieses Jahr bereits drei Goldmedaillen ab», sagt Szygula. Es geht um Zeit und Punkte: Gewonnen hat der Spieler, der innert einer Minute am meisten Schläge ausführte. «Die Technik ist eine Mischung aus dem, was man auf alten Bildern sieht und dem, was praktisch erprobt und machbar ist», sagt Szygula.

 Neben dem Spielplatz in Unterengstringen: Die Kämpfer in mittelalterlicher Rüstung stehen zum Kampf bereit.
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 Gegeneinander Kämpfen miteinander trainieren: Eine Kämpferin hilft dem Trainer, Emil Szygula, in die Rüstung.
 Sie liess sich zu stark abdrängen: Stürze und kleine Verletzungen gehören zur Sportart dazu. Zum Glück dauert eine Sequenz nur eine Minute.
 Mehr als ein eine Sportart: Eine Kämpferin konnte wegen einer Verletzung nicht mittrainieren. Sie stickte an einer Tasche für ihr Mittelalter-Kleid.
 Der nicht ganz vollständige Verein "Bojnar Schwertkampfkunst": Zwei Kämpfer konnten nicht am Training teilnehmen.

Neben dem Spielplatz in Unterengstringen: Die Kämpfer in mittelalterlicher Rüstung stehen zum Kampf bereit.

Lydia Lippuner

Draussen im Schatten kämpfen die Mittelalter-Begeisterten nun gegeneinander. Frau gegen Mann – Mann gegen Mann. «Wir sind zu wenige, als dass wir nach Geschlechtern aufteilen könnten», sagt Szygula.

Das Schwert von Pawel Paszkos, einem weiteren Mitstreiter, knallt gegen Szygulas Rüstung. Die vergangenen Trainings haben die beiden zu aufeinander abgespielten Kämpfern gemacht. Geschickt weicht Paszko den Schlägen des Kämpfers aus. Da drängt Szygula ihn mit dem Schwert zurück. Nacken und Kniekehle sind tabu, den Rest attackiert er mit dem langen Eisenschwert. Szygula weicht auch dem nächsten Schlag von Paszko aus und pariert ihn mit dem Schild. Es zählen die nicht abgeblockten Schläge; stechen gilt nicht. «Machen wir Pause», sagt Szygula und greift zur Wasserflasche. Zum Trinken zieht er den Helm mit dem briefkastengrossen Schlitz aus und lehnt an den Baum.

Die Mittelalterkämpfer betreiben Vollkontaktsport, das heisst, der Schlag wird nicht abgebremst und es gibt keine Pause nach einem Treffer. «Ich merkte bei meinen ersten Kämpfen, dass es gar nicht so weh tut, wenn man sich mit dem Schwert auf die Rüstung schlägt», sagt Szygula. Mittlerweile hat er trotzdem einige Narben vom Sport und den Wettkämpfen. «Doch das gehört dazu», sagt er und zuckt mit den Schultern. Für ihn gehören der Sport, das Wiederbeleben der mittelalterlichen Kunst und die Gemeinschaft am Lagerfeuer zusammen. «Es ist ein Lebensgefühl», sagt er.

Wenn er auf alle Probleme in der Welt sieht, kommt er zum Schluss: «Ich würde lieber im 14. Jahrhundert leben, obwohl es natürlich auch da auf den Stand ankommt, in dem man leben würde.» Für Frauen sei dies ein wenig anders. Vinzent meint, sie möchte eher doch nicht als Frau im Mittelalter leben.

Stickerei für das Mittelalterkleid

Die Sportart ist aber für alle Teilnehmer mehr als ein nebensächliches Hobby: Eine Kämpferin kann wegen einem Handgips nicht mitspielen, trotzdem ist sie beim Training dabei. «Geh in die Grundstellung», sagt sie zu Vinzens, die sich in der Hitze des Gefechts zurückdrängen lässt. Nach diesem Ratschlag widmet sich die unfreiwillige Zuschauerin wieder der Stickerei auf ihren Knien. Aus dieser nähe sie eine Tasche für das Kleid, das sie jeweils an den gemeinsamen Treffen trage, sagt sie, die ansonsten als Fachangestellte Gesundheit arbeitet.

Die Zeltlager und Mittelaltermärkte, die es mittlerweile an vielen Orten gibt, gehören ebenso zum Lebensstil wie die Kämpfe. Nach dem offiziellen Turnier ziehen sich die Ritter und Mittelalterdamen jeweils Kleider an, die an die Serie «Game of Thrones» erinnern. «Es ist eine gute Gelegenheit, vor dem Alltag zu fliehen. Zudem macht es einfach Spass, gemeinsam am Feuer zu sitzen und zu reden», sagt Szygula. Er möchte die Fotos zeigen, die er von sich in ritterlichem Gewand postete. Doch in der Rüstung hat es keine Tasche für elektronische Geräte. «Wo ist mein Handy?», fragt er in die Runde und beamt sich so mit einem Schlag wieder zurück ins 21. Jahrhundert.