Zwei Mädchen mit orangen Kindergarten-Bändeln warten auf der Mittelinsel der vierspurigen Badenerstrasse darauf, dass die Ampel auf Grün springt. Vor ihnen donnern die Autos und Lastwagen mit 60 Kilometern pro Stunde vorbei. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite stehen Marcel Weller, der stellvertretende Chef der Stadtpolizei Schlieren, und David Giger, der städtische Verkehrsinstruktor. Beide werfen lange Schatten auf den Asphalt. Es ist Mittwochmorgen, Viertel vor acht Uhr. In 25 Minuten beginnt der Unterricht im Schulhaus Reitmen. Grün. Die Mädchen marschieren an den uniformierten Polizisten vorbei. Eines mustert sie von den schwarzen Stiefeln bis zur Sonnenbrille und grüsst schüchtern. Weller lächelt und erwidert: «Sali mitenand.»

Jährlich beziehen alle sich im Dienst befindenden Stadtpolizisten in den ersten zwei Wochen nach den Sommerferien morgens Posten vor den Schlieremer Schulhäusern. Ihr Auftrag: Präsenz markieren und die Schulwege überwachen. An diesem Morgen sind damit auf Stadtgebiet sechs Polizisten beschäftigt. «Dieser Knabe ist mit dem Trottinett über den Fussgängerstreifen gefahren», sagt Weller und deutet zur Kreuzung. Giger setzt sich in Bewegung: «Ich spreche mit ihm.» Als der Schüler den Polizisten bemerkt, hält er an. Ruhig erklärt ihm Giger, dass er vom Trottinett abzusteigen habe, wenn er eine Strasse überquere. Der Getadelte wirkt verschreckt, er hält den Blick gesenkt.

Weller kommentiert: «Eltern missbrauchen uns oft für die Erziehung. Sie sagen ihren Kindern, ‹wenn du nicht anständig bist, kommt dich der Polizist holen›.» Diese Angstmacherei vor der Polizei sei falsch. Angebracht sei stattdessen Respekt. Dieser würde aber vor allem den älteren Schülern fehlen. «Haben Sie nichts Besseres zu tun», bekommt Weller ab und an zu hören. Ein ganz anderes Szenario böte sich mit den jüngeren, «herzigeren» Schülern: «Wir werden oft von Kindern umringt und mit Fragen bestürmt», erzählt er. Sie wollen wissen, was die Polizisten hier machen, wie sie heissen, wie alt sie seien, ob sie Bussen verteilen. Die häufigste Frage: Ist das eine Pistole? «Die Schulwegüberwachung ist sehr sinnvoll. Wir können damit schon die Kleinsten sensibilisieren», sagt Weller.

Erwachsene sollten Vorbild sein

Um acht Uhr flaut die Schülerwelle ab. Vereinzelte Nachzügler, in Gruppen oder von ihren Eltern begleitet, hasten Richtung Schulhaus. Dieser Morgen war vergleichsweise ruhig, sagt Weller und erklärt: «Beim Schulhaus Reitmen ist die Verkehrssituation mit den Ampeln nicht gerade kompliziert.» Hingegen sei sie etwa beim Schulhaus Hofacker viel unübersichtlicher. Giger wirft ein: «Bei allen Schlieremer Schulhäusern bestehen keine grossen Gefahren.» Die Querungen der Hauptstrassen seien zwar etwas anspruchsvoller, da dort mehr Verkehr herrsche und die Fahrzeuge mit 50 Kilometern pro Stunde fahren. Auf den Nebenstrassen um die Schulhäuser gelte jedoch ein Tempo-30-Regime. Zudem seien sie mit weiteren verkehrsberuhigenden Massnahmen ausgerüstet.

Gefährlich werde es für Kinder und Jugendliche auf ihrem Schulweg nur, wenn sie sich nicht an die Strassenverkehrsvorschriften halten, sagt Giger weiter. Gleiches gelte für die anderen Verkehrsteilnehmer: «Die Erwachsenen haben eine Vorbildfunktion. Bemerken die Kinder, dass sie sich nicht an die Regeln halten, erschwert dies die Arbeit des Verkehrsinstruktors.» Dann hält Giger eine Velofahrerin an, die gerade, das Fahrverbot ignorierend, aus einer Querstrasse geradelt kommt. Diesen Morgen hat er noch weitere Personen auf Zweirädern zurechtgewiesen: Sie fuhren auf dem Trottoir, hatten Kopfhörer auf oder missachteten die Einbahnsignalisation. «Velofahrer sind wie Wasser. Sie nehmen den Weg des geringsten Widerstandes», so Giger.

Ein grosses Problem seien die Elterntaxis. Dies, obwohl die Schule bereits seit 2013 an Infoabenden über die davon ausgehenden Gefahren unterrichtet. Den Anstoss dazu hatte ein Postulat von Gemeinderat John Daniels (FDP) geliefert. Weller beschreibt die Problematik wie folgt: «Einige Eltern verstopfen die Zufahrten der Schulhäuser, indem sie an den dümmsten Orten parkieren. Dadurch gefährden sie andere Schüler.» Den Eltern empfehle er, ihre Kinder zu Fuss zu begleiten. Gerade hält ein schwarzer Kombi weiter vorne am Strassenrand. Mit drei Schritten ist Weller beim Auto. Am Steuer sitzt eine Frau, auf dem Beifahrersitz ein Knabe.

Weller navigiert sie zu einem Parkplatz und schenkt ihr einen Notizblock mit dem Slogan «Rad steht. Kind geht.» Der Spruch der Schulweg-Kampagne des TCS, der Beratungsstelle für Unfallverhütung und der Polizei begegnet einem derzeit auf Plakaten in ganz Schlieren. Die Einsatzzeit der Stadtpolizisten ist wesentlich kürzer. Nach Beginn der ersten Schulstunde ziehen sie wieder ab. Die Tagesbilanz der Überwachungsaktion vor dem Schulhaus Reitmen: Einige Rügen wurden ausgesprochen, keine Bussen verteilt. Weller sagt dazu: «In der ersten Woche sind wir kulant. Nächste Woche werden wir die Massnahmen härter durchsetzen.»