Schlierefäscht
Die Schlieremer Weintradition lebt neu auf – darauf kann man am Schlierefäscht anstossen

Rita und Paul Burkhard haben einen Rebberg in Schlieren geschaffen. Am Schlierefäscht schenken sie erstmals ihren Weisswein aus.

Sibylle Egloff
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Schlieremer Wein
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Schliermer-Wii Der Rebberg im Gebiet Steiacher weist eine Fläche von 2500 Quadratmetern auf.
Schliermer-Wii 2016 setzten Rita und Paul Burkhard mithilfe der Familie 1100 Johanniter, verteilt auf 40 Reihen.
Schliermer-Wii «Man sagte mir, du spinnst, in Schlieren gibt es keinen Südhang. Und heute sind die Weinstöcke samt Trauben ein schöner Beweis für das Gegenteil. Der Steiacher ist der einzige Südhang in Schlieren», sagt Paul Burkhard.
Schliermer-Wii Da die Burkhards bereits seit über 30 Jahren einen Rebberg in Malcantone im Tessin betreiben, wollten sie es auch in der Heimat versuchen.

Schlieremer Wein

Colin Frei

Grashüpfer springen bei jedem Schritt durch die Wiese zur Seite. Es ist drückend heiss auf dem Schlieremer Berg. Der Blick reicht über die Dächer von Schlieren bis nach Bergdietikon. Zwei Hunde verschwinden im üppigen Grün. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich auf der Anhöhe ein Rebberg. «Schau mal, die kommen gut», sagt Rita Burkhard und zeigt auf die zart grünen Trauben an den Rebstöcken. «Die Trockenheit hat ihnen etwas zugesetzt, aber ich dachte, es ist schlimmer», sagt ihr Mann Paul Burkhard und zupft ein paar dürre Blätter von einem Weinstock.

Das Ehepaar hat hier auf dem Gebiet Steiacher auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern einen Rebberg geschaffen. 2016 setzten sie mithilfe der Familie 1100 Johanniter, verteilt auf 40 Reihen. Ausgelacht habe man ihn, als er den Steiacher als perfekten Standort für einen Weinberg bezeichnet habe, erzählt Paul Burkhard. «Man sagte mir, du spinnst, in Schlieren gibt es keinen Südhang. Und heute sind die Weinstöcke samt Trauben ein schöner Beweis für das Gegenteil. Der Steiacher ist der einzige Südhang in Schlieren.»

Ein schönes Hobby und ein guter Ausgleich

Die Familie des 65-Jährigen besitzt Land auf dem Schlieremer Berg. Da die Burkhards bereits seit über 30 Jahren einen Rebberg in Malcantone im Tessin betreiben, wollten sie es auch in der Heimat versuchen. «Es ist ein schönes Hobby und ein guter Ausgleich. Ich bin ein Bürolist», sagt Paul Burkhard. Er führt eine Zimmerei in Roggwil im Thurgau, die er bald seinen Kindern übergibt. «Die Arbeit in den Reben hat etwas Meditatives, ich kann abschalten und muss an nichts anderes denken.»

Pro Monat verbringen die Burkhards etwa 45 Stunden im Schlieremer Rebberg. Zur Arbeit gehört das Mähen, Auslauben und eben auch die Weinlese samt Umtrunk nach dem Einsatz. Bereits 2017 rechneten die Hobby-Winzer damit, Trauben ernten zu können. «Doch es gab einen Frühlingsfrost und wir mussten die Reben nochmals ganz zurückschneiden», so Rita Burkhard. Dieses Jahr habe man Glück gehabt, sagt die 62-Jährige. «Es herrschten ein paar eiskalte Tage im April. Es hätte nicht viel gefehlt und die Knospen wären erfroren», ist sich Paul Burkhard sicher. Das sei eben die Natur.

«Durch das Winzern habe ich den Wert des Produkts zu schätzen gelernt. Jetzt weiss ich wie viel Arbeit und Zeit in einer Flasche Wein steckt.» Wenn er die Zeit nochmals zurückdrehen könnte, würde er das Winzern zu seinem Hauptberuf machen. Ihm gefalle es, draussen in der Natur zu arbeiten. Die einen gingen ins Fitnessstudio, er gehe auf den Rebberg. «Es ist toll, so alle vier Jahreszeiten bewusst zu erleben», findet Rita Burkhard.

Das Ehepaar freut sich, dass es durch sein Engagement die Schlieremer Wein-Tradition wieder aufleben lassen kann. «Bereits vor 100 Jahren baute man auf dem Steiacher Reben an. Aber wie überall zu jener Zeit wurden sie Opfer der Reblaus», erzählt Paul Burkhard.

Fast 1000 Flaschen fürs Schlierefäscht

Vom Resultat der ersten Wümmet im vergangenen Herbst können nun bald alle Schlieremerinnen und Schlieremer kosten. Der Schlieremer Weisswein ist pünktlich zum Schlierefäscht trinkreif. Rita und Paul Burkhard betreiben am zehntägigen Stadtfest die Schliermer-Bar und bieten dort ihren Wein an. «Wir haben nicht ganz 1000 Flaschen und hoffen, dass das reicht», sagt Paul Burkhard.

Zum lokalen Tropfen serviert Rita Burkhard Apéro-Brettchen. «Die Trauben haben viel Sonne gehabt, man darf auf eine sehr gute Qualität hoffen», sagt Paul Burkhard. Er trinke gerne lokalen Wein, egal wo er sei. «Aber dass ich in meinem Geburtsort mit dem eigenen Wein anstossen kann, ist schon etwas Besonderes.»

Schon vor 40 Jahren kam der Wunsch nach einem Rebberg auf

Wenn die Besucherinnen und Besucher am Schlierefäscht an der Schliermer-Bar von Rita und Paul Burkhard den Schliermer-Wii geniessen, dann ist das ein besonderer Moment. Es ist das erste Mal seit langem, dass wieder ein Schlieremer Weisswein ausgeschenkt wird. Dabei war der Rebbau in Schlieren, wie auch in den anderen Limmattaler Gemeinden, einst eine wichtige Einnahmequelle. Noch vor 200 Jahren waren 20 Hektaren des Schlieremer Gemeindegebiets mit Reben bepflanzt. Doch ab 1880 setzte die Reblaus dem Rebbau im Limmattal immer stärker zu und liess ihn allmählich verschwinden. Ausser in Weiningen, dem letzten verbliebenen Rebbaudorf im Bezirk, sind die Rebstöcke im Limmattal fast komplett aus dem Landschaftsbild verschwunden. Dank Rita und Paul Burkhard hat Schlieren im Steiacher nun wieder einen kleinen Rebhang.

Schon Ende der 1970er-Jahre gab es Bemühungen, dort Reben anzupflanzen und so an die einstige Rebbautradition zu erinnern, wie der mittlerweile verstorbene alt Stadtpräsident Heiri Meier im Schlieremer Jahrheft von 2008 schreibt. Der Steiacher wurde in den 1960er-Jahren als potenzielles Gebiet für eine Einfamilienhaus-Zone ins Auge gefasst. Viele Eigentümer hofften auf eine Einzonung. Doch 1976 entschied der Gemeinderat, den Steiacher im «übrigen Gemeindegebiet» zu belassen.

In Heiri Meier keimte nun die Idee auf, dort «den am besten geeigneten Teil in einen Rebberg zurückzuverwandeln». Ihm schwebte eine Fläche von mindesten 50, maximal 80 Aren vor. Meier lud den kantonalen Rebbaukommissär ein, sich vor Ort ein Bild zu verschaffen. «Er beurteilte danach die Lage als durchaus vergleichbar mit den Weininger Rebbergen», so Meier. Allerdings brachten Gespräche mit den Landbesitzern im Steiacher nicht den erhofften Erfolg. Ein «Roter oder Weisser vom Steiacher» blieb in Schlieren vorerst ein Traum.

Auch in anderen Limmattaler Gemeinden gibt es heute wieder kleinere Rebhänge, die vom einstigen Wirtschaftszweig zeugen. Etwa in Oberengstringen. Dort wurden in den 1950er-Jahren die letzten beiden Rebhänge aufgehoben. Die heutigen Reben am Kirchweg wurden erst im Jahr 1973 angelegt. Grundlage war ein Gemeindeversammlungsbeschluss von 1969. Die Stimmberechtigten bewilligten damals einen Kredit für den Bau eines neuen Rebbergs. Ab 1976 begann die Gemeinde dann damit, den Wein – Riesling×Sylvaner und Klevner – an die Bevölkerung zu verkaufen. Bis 2003 bewirtschaftete sie den Rebhang. Dann wurde er von Urs Zweifel von Zweifel Weine Höngg gepachtet.

Etwas jünger ist der Uitiker Rebberg in der Gätteren. Seine Geschichte geht auf das Frühjahr 1978 zurück. Der damalige Primarlehrer Rolf Seidl unterbreitete dem Gemeinderat die Idee, in der Gätteren einen gemeindeeigenen Rebberg zu errichten. Am 14. November 1979 erteilte der kantonale Rebbaukommissär die Bewilligung, das zwischen Ringlikon und Waldegg gelegene Grundstück am Sonnenhang mit Reben zu bepflanzen. Mitte Mai 1980 wurden die ersten Riesling×Sylvaner-Reben gepflanzt. Bewirtschaftet wird er seit Beginn von der Kadervereinigung der Feuerwehr Uitikon, dem heutigen Feuerwehrverein. Der Ertrag wird hälftig zwischen Gemeinde und Kadervereinigung aufgeteilt. Ausgeschenkt wird der Gätterewy an Anlässen wie der Bundesfeier oder am Neujahrsapéro.