Schlieren
Die Schlieremer Kirche muss die Nachtruhe einhalten

Der Stadtrat pocht auf die Lärmschutzverordnung –noch ist offen, ob die Kirchenglocken ganz schweigen

Florian Niedermann
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Die reformierte Kirche Schlieren muss leiser bimmeln in Zukunft.

Die reformierte Kirche Schlieren muss leiser bimmeln in Zukunft.

Florian Niedermann

Grosse Erleichterung bei den Anwohnern der reformierten Kirche Schlieren, die sich an den nächtlichen Glockenschlägen stören. Der Schlieremer Stadtrat hat an seiner Sitzung vom Montag beschlossen, dass das Glockenspiel der Kirche nicht gegen die Lärmschutzverordnung der Stadt verstossen darf. «Es freut mich, dass die Stadtregierung nun für Ruhe sorgt», sagt Erwin Holzer zum Entscheid.

Er und rund 20 Nachbarn der Kirche haben schon vor einem Jahr beklagt, dass sie wegen der viertelstündlichen Zeitschläge und der Stundenschläge nicht durchschlafen könnten. Nachdem sich die reformierte Kirchgemeindeversammlung vor einem Jahr knapp gegen den Antrag der Kirchenpflege ausgesprochen hat, die Glocken zwischen 22 und 7 Uhr schweigen zu lassen, schritt nun die Stadtregierung ein. «Wir werden die Kirchenpflege schriftlich auffordern, die Lärmschutzverordnung einzuhalten. Ob sie die Glocken dämmt oder ganz abstellt, ist der Behörde überlassen», sagt Polizeivorstand Pierre Dalcher (SVP).

Bergdietikon probt Abschaltung

Die Debatte um die Auswirkungen der Kirchenglocken auf Anwohner ist derzeit nicht nur in Schlieren virulent. Auch in Bergdietikon hat sich die reformierte Kirchenpflege diesem Thema angenommen. Vergangenen Juni hat sich eine klare Mehrheit der Kirchgemeindeversammlung gegen eine Abschaltung des nächtlichen Glockenschlags ausgesprochen. Seit Anfang September bis Ende November führt die Kirchenpflege nun einen Testbetrieb, bei dem zwischen 22 und 6 Uhr die viertelstündigen Zeitschläge ausgesetzt und nur noch die Stunden per Glockenschlag angezeigt werden. Die technische Einrichtung zum Aussetzen der Glocken besteht in Bergdietikon – im Gegensatz zur reformierten Kirche Schlieren – bereits. An der Kirchgemeindeversammlung von kommendem Sonntag werden die Stimmberechtigten nun über die Erfahrungen und Rückmeldungen der laufenden Testphase informiert. Urs Hügli-Dambach, Liegenschaftsverwalter der reformierten Kirche, sagt, der Ausgang der Debatte sei derzeit schwierig vorherzusehen: «Die Reaktionen, die wir bisher erhalten haben, reichen von Dankbarkeit und Forderungen, die Glocken ganz abzuschalten, bis zu Reklamationen derer, die den Zeitschlag vermissen.» (fni)
Die Kirchgemeindeversammlung der
reformierten Kirche findet statt am: Sonntag, 15. November, 11 Uhr, reformierte Kirche Bergdietikon

Die reformierte Kirchenpflege will erst den schriftlichen Beschluss der Stadt abwarten, bevor sie sich mit möglichen Massnahmen befasst. Im Raum stehen sowohl eine Lärmdämmung im Glockenstuhl als auch die Abschaltung des Zeitschlags in der Nacht mittels einer elektronischen Steuerung, wie Bauvorstand und alt Stadtrat Jean-Claude Perrin sagt: «Es stellt sich für uns nicht nur die Frage der Kosten, sondern auch die nach den technischen Möglichkeiten. Wir werden also erst eine Auslegeordnung machen müssen.» Einen allfälligen Kreditantrag für die eine oder andere Massnahme wird die Kirchenpflege den Stimmberechtigten an der Kirchgemeindeversammlung im kommenden Mai vorlegen.

Für Nachbar Holzer ist klar, dass es die beste Lösung wäre, den Zeitschlag nachts ganz abzuschalten: «Warum soll man eine teure Dämmung einbauen, wenn man das Problem gleich bei der Wurzel packen kann. Auch die katholische Kirche stellt ihre Glocken ja in der Nacht ab», sagt er. Unter dem Strich sei ihm und seinen Mitstreitern aber vor allem wichtig, dass die nächtlichen Ruhestörungen aufhören.

Tatsächlich würde einiges dafür sprechen, dass die reformierte Kirche ihren Zeitschlag in der Nacht ganz abschaltet: An der kommenden Kirchgemeindeversammlung ist auch die Anschaffung einer computerbasierten Steuerung der Klimaregulierung in der Kirche samt entsprechender Mechanik für rund 60 000 Franken traktandiert. In der Software ist standardmässig auch ein Modul enthalten, mit dem das kirchliche Geläut und der bürgerliche Zeitschlag der Kirche gesteuert werden kann, wie Perrin sagt: «Es fehlt uns aber die Mechanik im Glockenturm, um etwa den Zeitschlag mit dem System aussetzen zu lassen.» Wie viel diese kosten würde, kann der Bauvorstand noch nicht abschätzen.

Bei einer Dämmung würde sich zudem die Frage stellen, wie laut oder leise der Zeitschlag überhaupt sein dürfte – in der Lärmschutzverordnung sind keine Dezibel-Grenzwerte für die Nachtruhe angegeben. Daher ist für die Kirchenpflege schwierig zu sagen, wie stark die Glocken gedämpft werden müssten, wie Perrin sagt: «Fest steht nur, dass der Zeitschlag gemäss Stadtrat nicht stören darf, und das tut er derzeit offensichtlich.»

Holzer stellte bei Messungen in seinem Schlafzimmer, das rund 169 Meter vom Kirchturm entfernt ist, bei den Zeitschlägen um Mitternacht Werte um die 65 Dezibel fest (die Limmattaler Zeitung berichtete). Gegenüber der üblichen Lärmimmission nahm der Pegel während des Zeitschlags um 32 Dezibel zu. Eine Studie der ETH und der Empa von 2011 ergab, dass es in der Nähe von Kirchen bereits bei Werten von weit unter 60 Dezibel bei vielen Versuchspersonen zu Aufwachreaktionen kommt.