Drei Tage Hoffen und Bangen, dann endlich hatte Hitomi Kutsuzawa Gewissheit – ihre Familie lebt. «Die Telefonleitungen waren zusammengebrochen. Ich konnte weder mit meiner Mutter noch mit meinem Bruder Kontakt aufnehmen», erinnert sie sich an die Tage nach dem verheerenden Erdbeben vor der Küste Fukushimas zurück. Aus den Medien musste die Mezzosopranistin und Dirigentin des Frauenchors Weiningen erfahren, wie der Tsunami grosse Zerstörung in ihrer alten Heimat anrichtete. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde die Stadt Sendai, der Wohnort ihres Bruders und vieler alter Freunde.

«Es war eine grosse Erleichterung, als ich wusste, dass meine Familie am Leben ist», sagt Kutsuzawa. Gleichzeitig habe sie aber auch erfahren müssen, dass viele ihrer Freunde umgekommen seien oder vermisst werden – bis heute. Fast so schlimm, wie der Verlust lieber Menschen sei, dass sie sich so hilflos fühle. «Ich bin weit weg von Familie und Freunden», hält sie fest. Untätig wollte sie aber dennoch nicht sein.

Und so hat Hitomi Kutsuzawa damit begonnen, Benefizkonzerte zu organisieren, um Geld für das Rote Kreuz zu sammeln. Das nächste findet kommenden Samstag in der reformierten Kirche Weiningen statt. Nebst Kutsuzawa selber treten der Frauenchor Weiningen sowie befreundete Musiker auf. Zu hören bekommen werden die Besucher unter anderem Giovanni Battista Pergolesis «Stabat Mater». «Höhepunkt sind aber die beiden japanischen Volkslieder ‹Akatombo› (Rote Libelle) und ‹Furusato› (Heimat), die wir auf Wunsch des Frauenchors einstudiert haben», sagt die Dirigentin.

Genauso wichtig wie die Einnahmen aus den Konzerten ist für Kutsuzawa, dass sie mit ihrer Musik dazu beitragen kann, die Erinnerung an das Unglück aufrechtzuerhalten. Dafür soll die Akatombo, die rote Libelle, stehen. «Sie ist ein Symbol. Wir schicken Hoffnung nach Japan, zeigen, dass es immer noch Menschen gibt, die den Opfern helfen», sagt sie. Sie habe selber feststellen können, dass in der Unglücksregion wieder Hoffnung aufkeime und die Menschen positiv in die Zukunft blickten. Im Sommer weilte sie einen Monat im Tsunamigebiet, um Freunde und Verwandte zu besuchen, aber auch, um sich ein Bild der Zerstörung zu machen. «Noch immer sind die Hilfskräfte am Aufräumen. Das wird noch lange dauern. Viele Menschen leben nach wie vor in Notunterkünften», erzählt sie. Erschwert würden die Räumungsarbeiten durch die vielen Nachbeben.

Panik sei deswegen aber kaum ausgebrochen, sagt Kutsuzawa. «Die Menschen reihen sich geduldig vor den Lebensmittelgeschäften ein und warten, bis auch sie Zugang erhalten», hält sie fest. Ihr Bruder sei beispielsweise einen ganzen Tag unterwegs gewesen, um an drei verschiedenen Tankstellen auf Benzin zu warten. «Die Leute nehmen Rücksicht aufeinander und helfen, wo es geht», erzählt Kutsuzawa. Allmählich halte auch der Alltag wieder Einzug, so die seit 15 Jahren in der Schweiz wohnhafte Musikerin. Ihr Bruder habe wieder zu arbeiten begonnen. Das lenke ab und nehme vielen Menschen die Angst. Dennoch sei nicht mehr alles so wie früher.

«Viele Leute fahren extra viele Kilometer weit, um Gemüse einzukaufen, welches aus Gegenden stammt, die nicht so stark radioaktiv belastet sind», sagt Kutsuzawa. Von ihren Verwandten wisse sie, dass das Gemüse später mit Mineralwasser gewaschen werde. Auch zum Kochen werde Wasser aus den Lebensmittelgeschäften verwendet, weil das Leitungswasser noch immer stark radioaktiv belastet sei. «Auch in anderer Hinsicht stelle ich Veränderungen fest. Es gibt Leute, die damit angefangen haben, Unterschriften für einen Atomausstieg zu sammeln», erzählt die Musikerin. Das sei aussergewöhnlich. Japaner neigten nämlich nicht dazu, sich beispielsweise an Demonstrationen politisch zu äussern.

In den am stärksten vom Tsunami betroffenen Gebieten wird es allerdings noch eine ganze Weile dauern, bis wieder Normalität einkehrt. Das hat auch Hitomi Kutsuzawa bei ihrem Besuch in der Heimat festgestellt. «Gewisse Schulen sind noch immer geschlossen. Viele Kinder haben ihre Eltern verloren. Familien möchten wegziehen», sagt sie. Auch diesen Menschen wolle sie helfen. Deshalb habe sie bereits Geld für die Unicef gesammelt.

Bereits im Februar plane sie, wieder nach Japan zu reisen. Sie hoffe dann, mehr über ihre vermissten Freunde zu erfahren. Viele von ihnen kennt sie aus der Zeit, als sie in Japan an einem Gymnasium Musik unterrichtete. Eine Tätigkeit, der sie heute auch in der Schweiz nachgeht. Sie unterrichtet Sologesang an der Musikschule Konservatorium Zürich.