Frau Hug, Sie haben dem Bildungszentrum einen neuen Namen und ein neues Kleid verpasst, wie kam es dazu?

Claudia Hug: Der neue Name Bildungszentrum Limmattal statt nur Dietikon ist eine Chance, dass wir nicht nur mit Dietikon verbunden werden. Das Limmattal ist ein aufstrebender Wirtschaftsstandort. Rund 70 Prozent unserer 1200 Lernenden kommen aus dem Kanton Zürich und 30 Prozent sind ausserkantonal. Wir sind das grösste Zentrum mit dem Schwerpunkt Logistik schweizweit.

Seit einem Jahr sind Sie die Rektorin des Bildungszentrums Limmattal. Welche Meilensteine erlebten Sie bisher?

Wir gaben dem ganzen Bildungszentrum eine neue Struktur. Im Bereich der Weiterbildung gab es Umstrukturierungen und personelle Veränderungen. Das war nicht einfach, denn ich arbeite bereits seit 25 Jahren da und kenne die Lehrpersonen persönlich. Aktuell laufen die letzten Sprachkurse, doch künftig bieten wir keine Sprach- und Informatikkurse mehr an.

Das betrifft aktuell etwa 600 Teilnehmende, weshalb dieser drastische Einschnitt?

Wir haben keine Chance, auf dem Markt gegen die privaten Weiterbildungsangebote zu bestehen. Nur schon deshalb, weil unsere Lehrpersonenlöhne aufgrund des kantonalen Reglements höher sind als die der anderen Anbieter.

In den vergangenen Jahren war dies kein akutes Thema, was änderte sich?

Früher konnte man die verschiedenen schulischen Bereiche quersubventionieren. Heute haben wir Vollkostenrechnung. Das heisst auch, dass jeder Bereich eigenständig sein muss.


Welche konkrete Auswirkung hat die Veränderung in der Struktur im Schulalltag?
Wir werden uns weiterhin noch stärker auf die Logistik fokussieren. Das führt im Rahmen des aktuellen kantonalen Projekts Kompetenzzentren, welches Berufsfachschulen künftig als Kompetenzzentren positioniert, dazu, dass wir wahrscheinlich den Beruf Maschinenbau verlieren und dafür die Strassentransportfachberufe und die Recyclisten dazugewinnen. Wir wollen unsere Lernenden während des ganzen weiteren Berufslebens begleiten.

Sie schärfen Ihr Profil ganz auf die Logistik. Wie werden sich die Logistikberufe aus Ihrer Sicht in Zukunft entwickeln?

Der Bereich der Logistik wird weiterhin Bestand haben, auch wenn sich
das Tätigkeitsfeld laufend im Sinne der Digitalisierung verändert. Auch vor den anderen Berufsgruppen werden die Veränderungen nicht Halt machen. Neue Berufe werden entstehen.

Wie veränderte sich das Bildungszentrum in diesen bewegten Jahren?

Die Digitalisierung sowie handlungsorientiertes Lernen spielen für uns eine immer wichtigere Rolle. Wir sind eine lernende Organisation und bereit auf die Veränderungen, die kommen zu reagieren.

In Ihrer Schule lernen die Logistiker theoretisch, was Sie praktisch im Alltag können müssen. Wie erfolgt der Wissenstransfer in den Alltag?

Um dies zu erreichen, führten wir das Projekt n47e8, ein weiterer Meilenstein, ein. Dieses Projekt verbindet die Digitalisierung mit dem pädagogischen Grundkonzept der Schule. Die sieben Pilotklassen, die bereits mit n47e8 starteten, lernen die Theorie nicht abgekoppelt von der Praxis, sondern eingebettet in für sie relevanten Handlungssituationen, mit digitalen Mitteln kennen. Dabei wird das ganze Schulhaus zum Lernraum. Die Lernenden bewegen sich mit dem Handy durch die Räume und Gänge und bearbeiten die verschiedenen Lernsituationen. Die Lehrpersonen in n47e8 können in ihrer erweiterten Rolle individueller auf die Lernenden eingehen und stehen ihnen beratend zur Seite.

Wie kamen Sie auf den Namen?

Schweizweit sind wir die Einzigen, die ein solches Konzept in diesem Ausmass umsetzen, deshalb wollten wir unserem Projekt auch einen ‹merk-würdigen› Namen geben. Unser Designer brachte den Vorschlag n47e8, das sind die Koordinaten von Dietikon. Dieser begeisterte uns sofort.

Wie reagierten die Lernenden auf das neue Programm?

Die Lernenden waren sehr positiv überrascht. Sie sagten: «Jetzt können wir uns mehr einbringen und mitentscheiden». Dank den spielerischen Anteilen des Projekts treten sie auch gegeneinander an. Während eines Semesters müssen sie bis zu sechs ‹Missions› erfüllen. An diesen arbeiten sie in ihrem eigenen Tempo. Die Lehrperson begleitet sie und schaut, ob sie im Zeitrahmen sind. Schliesslich ergeben sich aus jedem Semester drei Noten. Zwei davon sind Kompetenznachweise über die Missions, dabei dürfen sie selbst wählen, welchen Kompetenznachweis sie abgeben wollen. Ganz nach dem Motto, dass wir das sehen wollen, was die Lernenden können. Die dritte Note ist aus einem Semestertest über alle Missions, die die Lernenden erfüllen müssen.


Spielerisches Lernen und personifizierte Prüfungen klingen gut. Doch wie stellen Sie sicher, dass die Lernenden am Schluss alles Notwendige wissen?

Die Lernziele haben sich nicht verändert. Die Missions wurden von Lehrpersonen erstellt, die sich strikte daran hielten. Ich setzte mich lange mit der Hirnforschung auseinander und bin überzeugt, dass ein solches Lernen die Zukunft des Lernens ist. Die Lernenden können nachhaltiger lernen, wenn sie ein Produkt erstellen oder etwas mit Begeisterung machen. Ziel ist dabei, dass die Jugendlichen befähigt werden, damit sie nach der Ausbildung selbstorganisiert arbeiten können. Lehrpersonen sagten mir, sie hätten schon seit Jahren nicht mehr so tolle Ergebnisse gesehen.

Es liegen turbulente Monate hinter Ihnen und der ganzen Belegschaft. Geht es nun ruhiger weiter?

Nach der fulminanten Startphase stehen die nächsten Veränderungen an. Wir möchten das Lernsystem, das heute im Pilot läuft, für das ganze Schulhaus anwenden. Dafür stehen viele räumliche und organisatorische Veränderungen an. Das Tempo wollen wir aber so anpassen, dass es bewältigbar bleibt.


Wird der Bereich der Weiterbildung ganz aus dem Schulhaus verschwinden?

Nein, ich suche einen Prorektor, der in den kommenden fünf Jahren die Weiterbildung spezifisch auf unser Kompetenzzentrum ausrichten soll.

Sie mussten Stellen streichen, da es schwierig war, kostendeckend zu arbeiten. Soll dies mit der Weiterbildung der Logistikberufe nun möglich sein?

Als Kompetenzzentrum für Logistik können wir uns sehr gut positionieren. Die Lernenden von heute in der Grundbildung sind unsere Kunden der Weiterbildung von morgen.

Ein Jahr und viele Veränderungen: Was ist Ihr Fazit bisher?

Durch die vielen Veränderungen des vergangenen Jahres bin ich bereit, die zukünftigen Herausforderungen beherzt anzupacken. Ich bin dankbar, mit einem Team von überaus engagierten und innovativen Lehrpersonen zusammenzuarbeiten und gemeinsam die Schule weiterzuentwickeln.