Limmattal
Die Region ist noch nicht für einen allfälligen AKW-Unfall bereit

Die rechtzeitige Versorgung der Bevölkerung mit Jodtabletten ist erst ab diesem Herbst gewährleistet. Erst dann nämlich werden die Einwohner im Bezirk Dietikon von der Armeeapotheke Post bekommen. Deren Inhalt: Jodtabletten.

Lukas Brügger
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Kaliumiodid-Tabletten (kurz Jodtabletten), die neu im Radius von 50 Kilometern verteilt werden.

Kaliumiodid-Tabletten (kurz Jodtabletten), die neu im Radius von 50 Kilometern verteilt werden.

Im Vergleich zu den Nachbarn im unteren Limmattal hat die Bevölkerung im Bezirk Dietikon bisher noch keine Post von der Armeeapotheke bekommen. Das wird sich im kommenden Herbst ändern. Letzte Woche teilte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit, dass die Abgabe von Kaliumiodid-Tabletten – kurz Jodtabletten – zur Vorsorge bei einem Atomkraftwerkunfall ausgeweitet wird. Neu erhält nicht nur die Bevölkerung im Umkreis von 20 Kilometern die Jodtabletten, sondern auch alle Personen, die bis zu 50 Kilometer weit von einem Atomkraftwerk entfernt leben – somit auch die Bevölkerung im Bezirk Dietikon.

Die Änderung des Abgabe-Konzeptes wurde nach dem Unfall im japanischen Fukushima beschlossen. Nun hatte der Bundesrat der Verordnung Mitte Januar zugestimmt. Die bisherigen Gefahrenzonen und ihr Radius bleiben auch mit der neuen Jodtabletten-Verordnung bestehen, nur der Verteilradius wird erweitert. Die Jodtabletten werden momentan aber noch dezentral gelagert und müssten im Falle eines AKW-Unfalls innerhalb von 12 Stunden den Bewohnerinnen und Bewohnern abgegeben werden.

In Agglomerationen zu wenig Zeit

In der Stadt Dietikon würde der Vorgang folgendermassen ablaufen: Die Feuerwehr-Interventionsgruppe würde die Jodtabletten an einem der dezentralen Lagerstandorte in der Region abholen. Der Zivilschutz wäre im Auftrag der Behörden für deren Verteilung in der Bevölkerung zuständig. «Das wäre für unsere Gemeinde eine grosse logistische Herausforderung», sagt Thomas Winkelmann, Leiter Sicherheits- und Gesundheitsabteilung Dietikon, zum alten Verteilsystem, das auch noch bis diesen Herbst weiter besteht. Dann erhalten neu insgesamt 4,6 Millionen Menschen Jodtabletten, das sind 3,4 Millionen mehr als bisher.

Eine Umfrage des BAG bei den Kantonen hat ergeben, dass vor allem in Agglomerationen die Verteilung der Jodtabletten an die Bevölkerung innerhalb von 12 Stunden nahezu unmöglich ist. Das liege an der hohen Bevölkerungsdichte und dem grossen Bedarf an Einsatzkräften, die in einem Notfall auch andere Aufgaben zu bewältigen hätten.

Doch es gibt auch weitere Gründe, die für die Ausweitung der Verteilzone sprechen: Laut eines Berichts des BAG zur Revision der Jodtabletten-Verordnung haben neue Simulationen mit schwerwiegenderen Szenarien gezeigt, dass je nach Wetterlage bis zu einer Abwinddistanz von 50 Kilometern die Einnahme von Jodtabletten angebracht sein kann. Das sieht man gerade am Beispiel des oberen Limmattals sehr gut: Wenn man bedenkt, dass sich die Region Dietikon geografisch an der Grenze zur Zone 2 und damit nur wenig mehr als 20 Kilometer vom nächsten Atomkraftwerk in Beznau entfernt liegt, erscheinen die 12 Stunden Verteilzeit sehr lange.

Wind hat grossen Einfluss

Das sieht auch Basil Caduff, Chefarzt Medizinische Klinik im Spital Limmattal, so. Er rechnet vor: «Bei einem leichten Wind von fünf Kilometern pro Stunde dauert es vier Stunden, bis die 20-Kilometer-Marke erreicht ist.» Bei stürmischen Verhältnissen und Wind aus nordwestlicher Richtung könnte allfällig ausgetretenes radioaktives Jod jedoch bereits in weniger als einer Stunde im Bezirk Dietikon angekommen sein. Dann müssen die Tabletten bereitstehen, denn «Jodtabletten verhindern, dass durch Atemluft aufgenommenes radioaktives Jod sich in der Schilddrüse absetzen kann», erklärt Caduff.

Doch die Jodtabletten sind kein Allheilmittel im Falle eines AKW-Unfalls, wie Caduff betont: «Sie wirken nur gegen radioaktives Jod, nicht gegen Strahlungen oder andere radioaktive Substanzen.» Es gibt noch zahlreiche andere Massnahmen, die bei einem Vorfall zu treffen sind (siehe Infobox). Die Kosten für die Verteilung der Jodtabletten übernehmen nach dem Verursacherprinzip die schweizerischen Kernkraftwerke.