Wahlen 2019

Die Politlandschaft wird durchgeschüttelt

Sie sind mit ihren Parteien auf Erfolgskurs: Marionna Schlatter (Grüne) und Corina Gredig (GLP) freuen sich über je drei hinzugewonnene Sitze.

Sie sind mit ihren Parteien auf Erfolgskurs: Marionna Schlatter (Grüne) und Corina Gredig (GLP) freuen sich über je drei hinzugewonnene Sitze.

Es gehen nicht primär die SVP und die FDP in der «grünen Welle» unter – es ist die Zürcher SP, die unerwartet Schiffbruch erleidet.

Die Politlandschaft im Kanton Zürich ist durchgeschüttelt worden. Normalerweise gelten Zuwächse um zwei Prozentpunkte bei Nationalratswahlen bereits als «Erdrutschsiege». Nun legten die Grünen um mehr als sieben Prozentpunkte und die Grünliberalen um knapp sechs Prozentpunkte zu. Diese «grüne Welle» war zwar erwartet worden – doch nicht in diesem Ausmass. Und anders als prognostiziert, litten darunter die SVP und FDP weniger als erwartet. Als grosse Wahlverliererin geht vielmehr die SP aus dem Wahlgang hervor, die in Zürich mit über vier Prozentpunkten fast doppelt so viel verlor wie landesweit.

Die grünen Gewinner

Dass im Wahlzentrum die Vertreter von Grünen und Grünliberalen mit dem breitesten Lächeln aufwarten, kam nicht überraschend. «Es war wie erwartet eine Klimawahl», sagte Esther Guyer, die Präsidentin der Kantonsratsfraktion und Mitglied der Grünen-Geschäftsleitung. «Die Umwelt ist das zentrale Thema, das die Wähler beschäftigt», sagte Nicola Forster, Co-Präsident der Zürcher GLP. Zudem agiere die Partei auch über das Klimathema hinaus als «Brückenbauer zwischen den politischen Lagern», ergänzte Co-Präsidentin Corina Gredig.

Die Grünen kommen neu auf einen Wähleranteil von 14,08 Prozent (plus 7,19). Sie gewinnen drei Sitze hinzu und halten jetzt deren fünf. Die Grünliberalen sichern sich ebenfalls drei zusätzliche Mandate und verfügen jetzt über sechs. Mit einem Wähleranteil von 13,99 Prozent (plus 5,83) sind sie im Kanton neu die viertstärkste Kraft hinter SVP, SP und Grünen. Die Parteien mit der Farbe Grün im Namen vertreten mehr als einen Viertel der gestrigen Wähler.

Das Ausmass des Zuwachses stuften beide Parteien als unerwartet hoch ein. Guyer sprach davon, dass das Ergebnis der Wunsch «nach einer neuen Politik in Bern» sei. Forster verwies darauf, dass die Zürcher GLP auch viele Neuwähler angesprochen habe, «die uns nicht als traditionelle Partei wahrnehmen, sondern als moderne Mitmachpartei».

Der grosse Verlierer

Die Zürcher SP kann neu nur noch eine Siebner-Delegation nach Bern schicken. Sie verliert die beiden Mandate wieder, die sie vor vier Jahren hinzugewonnen hatte. In Zürich kommt die SP noch auf einen Wähleranteil von 17,31 Prozent. Sie verliert 4,08 Prozentpunkte – landesweit ist der Rückgang mit rund 2,3 Prozent deutlich tiefer.

«Wir sind zwischen den beiden grünen Parteien zerrissen worden», sagte Nationalrätin und Co-Präsidentin Priska Seiler Graf. Das Ergebnis sei «konsternierend», zumal es ja die SP gewesen sei, welche einst die Umweltthemen als Erstes aufgenommen habe.

Dass der Rückgang in Zürich über dem landesweiten Schnitt liegt, führte sie auf die Stärke der Zürcher GLP zurück, die hier gegründet wurde und ihre Heimbasis hat. In anderen Kantonen sei die Konkurrenz durch die Grünliberalen kleiner als in Zürich. Trotz der Enttäuschung über das Resultat sieht Seiler Graf für die kommenden vier Jahre dennoch Positives. «Dass die grünen Kräfte im Parlament gestärkt wurden, freut mich – dies wird unsere politische Arbeit erleichtern.»

Entwicklung der Parteistärken

Entwicklung der Parteistärken

Die weiteren Verlierer

Die SVP hat im Kanton Zürich ebenfalls verloren: Von ihren zwölf bisherigen Sitzen muss sie zwei abgeben. Sie bleibt aber klar die stärkste Partei mit einem Wähleranteil von 26,7 Prozent (minus 3,98).

Der Verlust ist happig, aber doch etwas geringer als allgemein erwartet ausgefallen. Vor einem halben Jahr büsste die Volkspartei bei den Kantonsratswahlen noch deutlich mehr – nämlich 5,56 Prozentpunkte – ein. Es sei der richtige Weg gewesen, nicht einfach auf die Klimahysterie umzuschwenken, zog Interimspräsident Patrick Walder eine erste Bilanz. «Es stehen – etwa mit dem Rahmenabkommen – wichtigere Themen an, über die wir diskutieren müssen.» Bei diesen Diskussionen werde die SVP wieder gewinnen, so Walder.

Als zweiter kleiner Verlierer gilt die zweite grosse bürgerliche Partei: Die FDP büsste 1,66 Prozentpunkte ein. Mit 13,66 Prozent hält sie unverändert fünf Sitze, ist aber nur noch fünftstärkste Kraft im Kanton.

Konstanz und Pech

Die beiden kleinen Mitteparteien CVP und EVP hielten sich in Zürich praktisch konstant – dies aber mit unterschiedlichem Ausgang. So wird die EVP, die am Sonntag leicht um 0,18 Prozentpunkte auf 3,3 Prozent zulegte, weiterhin einen Vertreter nach Bern schicken.

Die CVP verzeichnete ebenfalls ein kleines Plus um 0,22 Prozentpunkte und kommt neu auf einen Wähleranteil von 4,41 Prozent. Dennoch verlor sie angesichts der übrigen Wahlresultate einen ihrer beiden gehaltenen Sitze.

Der zweite Rauswurf

Die BDP spielt hingegen im Kanton Zürich gar keine Rolle mehr. Die kleine Mittepartei schaffte es bereits vor einem halben Jahr nicht mehr in den Kantonsrat. Sie stellt nun auch keinen Vertreter mehr in der Zürcher Delegation im Bundesparlament. Die BDP kam am Sonntag gerade noch auf einen Wähleranteil von 1,64 Prozent (minus 1,98 Prozent). Die BDP ist damit auf dem Niveau von AL und EDU gelandet, die auch keine Ansprüche auf einen Sitz haben. Parteipräsidentin Rosmarie Quadranti, bislang Nationalrätin, meinte, dass der doppelte Rauswurf aus dem Kantons- und Bundesparlament nicht das Ende der Zürcher BDP sei. «Ich bin nach wie vor von der Partei begeistert», sagte sie. Denn diese betreibe eine saubere Sachpolitik. Dies gehe zwar im lauten Politbetrieb hin und wieder unter. «Doch diese ruhige Arbeit wird wieder Erfolg haben.»

Die Wahlbeteiligung betrug 44,44 Prozent. Leicht weniger als 2015 (minus 2,81).

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