Frau Burtscher, haben Sie Angst davor, dass Sie aufgrund Ihres jungen Alters von gestandenen Politikern weniger ernst genommen werden?

Nadine Burtscher: Nein, bis jetzt habe ich nur positive Rückmeldungen von allen Parteien im Gemeinderat bekommen. Das war auch schon lange vor meiner Wahl so. Immer wieder sind Politiker auf mich zugekommen und haben mir gesagt, wie wichtig sie es finden, dass sich junge Leute politisch engagieren.

Sie studieren im zweiten Semester Psychologie. Wie bringen Sie Studium und Politik unter einen Hut?

Bis jetzt funktioniert das sehr gut. Wenn es auf die Prüfungszeit zugeht, wird es sicher stressig werden. Ich lasse es auf mich zukommen.

Haben Sie denn eine Vorstellung davon, was im Gemeinderat auf Sie zukommt?

Ich muss mich zuerst einarbeiten und verstehen, wie die Sitzungen und die Arbeiten ablaufen. Ich werde jedoch gut von meiner Partei, der EVP, und von der GLP, mit der wir eine Fraktionsgemeinschaft haben, unterstützt. Und natürlich kann ich mich auch jederzeit an meinen Vater wenden.

Ihr Vater, Rochus Burtscher, sitzt ja ebenfalls im Gemeinderat. Wie ist das für Sie?

Ich muss noch herausfinden, ob es ein Vorteil oder ein Nachteil ist, dass mein Vater auch im Gemeinderat sitzt. Aber ich mache mir deswegen keine Sorgen.

Politisieren Sie im Vergleich zu älteren Kollegen anders?

Mein Augenmerk liegt sicher stärker bei den jungen Erwachsenen und Jugendlichen. Ich schaue mir genau an, was politische Entscheide für sie bedeuten. Ein Beispiel dafür ist die AHV. Die junge Generation ist diejenige Altersgruppe, die betroffen sein wird. Ich denke, dass ich bei solchen Themen stärker auf die Konsequenzen achte. Junge Menschen haben einen sehr grossen Einfluss auf die Politik, den sie leider nicht genug nutzen.

Dass tatsächlich wenig junge Menschen an die Urne gehen, zeigen die Zahlen der Abstimmung vom 9. Februar – nur 17 Prozent der unter 30-Jährigen haben ihre Stimme abgegeben. Was denken Sie über diese tiefe Stimmbeteiligung?

Diese Statistik ist natürlich sehr erschreckend für mich. Ich habe mir Gedanken gemacht, ob das Resultat der Masseneinwanderungsinitiative vielleicht anders ausgefallen wäre, wenn mehr junge Leute abgestimmt hätten.

Weshalb gehen so wenige junge Erwachsene an die Urne?

Es gibt junge Menschen, die sich gar nicht für Politik interessieren. Oder sie denken, dass ihre Stimme nicht entscheidend sei. Aber gerade bei den Wahlen in der Stadt Zürich hat man klar gesehen, dass eben wirklich jede Stimme entscheidend sein kann. Die EVP schied wegen 31 fehlender Stimmen aus dem Parlament aus. Zudem ist es ein Aufwand, den man betreiben muss, um abzustimmen. Nur Plakate anschauen reicht nicht aus, man muss sich gut über die Themen informieren. Ich kenne aber auch viele junge Menschen, die sich die Zeit dafür nicht nehmen wollen, da die Unterlagen teilweise ziemlich kompliziert und schwer zu verstehen sind. Dann ist es manchmal besser, nicht an die Urne zu gehen, als seine Stimme einzulegen, ohne zu wissen, für was man eigentlich genau stimmt.

Wie kann das Problem gelöst werden?

Ein gutes Projekt ist das Easyvote, bei welchem ich selber freiwillig mitarbeite. Dominik Lamprecht und ich haben das dem Dietiker Gemeinderat damals vorgestellt, und im Januar 2014 wurde es eingeführt. Wir hoffen, dass Easyvote schweizweit eingeführt wird. Eine zusätzliche Möglichkeit, Junge an die Urne zu locken, wäre die Einführung von Online-Abstimmungen und Wahlen. Die Politik muss moderner werden und sich uns anpassen, damit sich Jugendliche angesprochen fühlen.

Sind Sie für einen Stimmzwang?

Nein, das ist nicht der richtige Weg, um Leute an die Urne zu bringen. Man sollte nach wie vor freiwillig entscheiden können, ob man abstimmen will oder nicht.

Bringen Sie Ihre Freunde dazu, an die Urne zu gehen?

Ich habe meine Kollegin auch schon am Sonntagmorgen vor den Wahlen von zuhause abgeholt, um dann mit ihr an die Urne zu gehen. Wenn es ein Thema ist, das mir wichtig ist und mein Umfeld betrifft, dann kann ich sehr hartnäckig sein.

Sie sprechen also mit Freunden über Politik.

Das ist sehr unterschiedlich. In meinem Freundeskreis aus verschiedenen Jugendparlamenten natürlich schon, dort haben wir oft grosse Diskussionen. Ansonsten eher weniger.

Lange wollten Sie sich auf keine Partei festlegen. Warum machte die EVP das Rennen?

Ich habe nach einer Mittepartei gesucht, deren Programm meinen Überzeugungen nahe kommt. Ich habe schon länger mit der EVP sympathisiert und nahm dann an einigen Gemeinderatssitzungen teil, bevor ich meinen Entschluss fasste. Ich habe mich auch mit dem Präsidenten der EVP unterhalten und gute Gespräche mit ihm geführt. Für mich stimmt es in der EVP auf Dietiker Ebene und ich will mich vorerst auf Dietikon konzentrieren.

Die EVP will eine menschliche Politik auf der Basis christlicher Werte. Wie wichtig ist Ihnen der Glaube?

Mir geht es nicht darum, das Christentum zu verbreiten, ich bin offen für alle Religionen. Es geht mir eher darum, dass Menschen und unsere Umwelt gut behandelt werden. Das sind christliche Werte, die mir wichtig sind. Zudem engagiere ich mich in der Jugendarbeit der Kirchgemeinde.

Wo sehen Sie sich in der Zukunft?

Ich möchte im Gemeinderat Fuss fassen und mich einarbeiten. Ausserdem bin ich seit März neu in den Vorstand des Dachverbandes Schweizer Jugendparlamente gewählt worden. Ich will in dieser Funktion Jugendliche für Politik sensibilisieren und die Politik für die Jugendlichen. Über einen weiteren Schritt in Richtung Kantonsrat mache ich mir noch keine grossen Gedanken.