Schwester Beatrice Beerli ist nirgends zu sehen. Das macht nichts: Am verabredeten Treffpunkt gibt es genug, das vom Warten ablenkt. Im grossen Gemüse- und Blumengarten des Klosters Fahr hat das feucht-heisse Wetter der letzten Tage für eine wahre Farbexplosion gesorgt. Rot leuchtet der Mohn, blau die Phacelia; überall summt und brummt es. «Gott ist heute gnädig mit uns», sagt Schwester Beatrice mit Blick auf den unerwartet wolkenlosen Himmel, als sie plötzlich aus einem toten Winkel des Gartens auftaucht, in ihrer grünen Schürze mit dem aufgestickten Namen, in den Händen eine Handvoll Broccoliröschen. «Eine Sünde und schade» wäre es, wenn man die Röschen noch weiter austreiben liesse, bis sie nicht mehr geniessbar sind, sagt sie entschuldigend, und bringt die Köhlchen noch rasch in die Klosterküche, bevor sie mich durch ihr Reich führt.

Schwester Beatrice Beerli hat Übung darin, jungen Frauen die Gartenkunst näher zu bringen. Seit über 20 Jahren obliegt ihr die Verantwortung über die Klostergärten, in der Bäuerinnenschule leitete sie das Modul Gartenbau. Seit der Schliessung der Schule vor drei Jahren kann sie ihre Freude am Vermitteln der Gartenkunde nur noch ab und zu an Klostergarten-Gruppenführungen ausleben – und an diesem Wochenende, an dem sie im Rahmen der schweizweiten Aktion «Offener Garten» Besuchern die mehrfach preisgekrönten Fahrer Gärten näherbringen wird.

Unter den Blüten ein Tilsiterli

Der Bauerntochter aus dem Thurgau, die vor 50 Jahren nach Absolvieren der Bäuerinnenschule ins Kloster Fahr eingetreten war, ist das Gärtnern in die Wiege gelegt worden. «Ich hatte immer Freude an der Natur», sagt sie. Das Weitergeben ihres mittlerweile riesigen botanischen Wissens versteht sie zudem als Teil ihrer Aufgabe als Benediktinerin. «Für mich gehört das zur Verkündung», sagt sie, sei die gelebte Freude an der Schöpfung doch ein wichtiger Aspekt der benediktinischen Lehre.

Ihre Freude ist ansteckend – auch weil sie zu jedem Kraut eine lustige Episode erzählen kann. «Kennen Sie das Chäslichrut?», fragt sie und lächelt erfreut, als ich bejahe. «Und wissen Sie auch, wieso das so heisst?» Nein. Das freut sie fast noch mehr: So kann sie mir erklären, dass unter den verblühten Blättern jeweils «das Tilsiterli» sichtbar werde. Sie zwickt ein Exemplar vom Stängel und entblättert mit ihren starken, erdigen Händen die welken Blüten. Tatsächlich: Der blassgelblich-runde Stempel erinnert an einen Käselaib in Miniatur. Ihre Mutter habe ihr auf dem elterlichen Bauernhof im Thurgau jeweils Chäslichrut-Blätter auf Furunkel gelegt, erzählt die 68-Jährige – «das hat prima gewirkt».

Schwester Beatrice kennt die Heilkräfte jedes Krauts, das in ihren Gärten wächst. Nebst Tees, Sirups oder Kräutersalz verkaufen die Schwestern auch Tinkturen wie das Goldwasser oder den Rotgeist im Klosterladen. Vor der Kräuterspirale im Vorgarten der ehemaligen Bäuerinnenschule, in der die Schwestern zurzeit wegen der Klostersanierung wohnen, lobt sie den Salbei als medizinische Universalwaffe bei inneren Entzündungen jeglicher Art. Die Silbermäntelchen, die nebenan wachsen, gäben einen guten Frauentee ab – «wenn man noch etwas Melisse für den Geschmack hinzugibt».

Auch beim Gemüse kann ihr keiner etwas vormachen. Sie führt durch die Rabatten, deren Ernte in der Kloster- oder bei Überschuss auch in der Restaurantküche nebenan landen, und zupft hier und da etwas in den Mischkulturen herum. Diese Art des Gartenbaus ist ihr heilig. «Ich mag es, wenn es etwas wild ist», sagt sie; von sterilen Gärten halte sie wenig. Sie weiss auch genau, was zusammenpasst und was nicht: Bohne, Sellerie und Rande seien eine gute Kombination, ebenso Spinat, Broccoli, Salat und Krautstiel. Chemie kommt in den Klostergärten keine zum Einsatz. Schnecken liest Schwester Beatrice von Hand zusammen und wirft sie in die Limmat. «Wir haben hier Igel – da wollen wir keine Schneckenkörner auslegen.»

14 ökologische Rasenmäher

In Schwester Beatrices Garten ist auch der Zufall – oder die göttliche Fügung? – ein zuverlässiger Mitarbeiter. «Die Pflanzen suchen sich ihren Platz manchmal selber aus. Da will ich nicht stören.» So kommt es auch, dass zwischen den säuberlich angelegten Reihen von Beeten vereinzelt mächtige Königskerzen, kleinere Klatschmohnkolonien oder Kardystauden hervorschiessen. Letztere – eine Artischockenart – sind für den Verzehr heuer zwar schon zu alt. «Aber ich erfreue mich halt an der Pflanze mit ihrem schönen Silberkleid.»

Ausserdem müsse man «auch immer etwas für die fliegenden Geschöpfe» im Garten stehen haben. Auch Pflanzen, die für den Menschen nicht mehr von direktem Nutzen sind, bieten Bienen, Hummeln oder Marienkäfern einen Lebensraum. «Das wäre ja fast strafbar, wenn ich das denen einfach vor der Nase weg abräumen würde.» Die Tiere geben ihr schliesslich auch etwas zurück, nicht nur die fliegenden. Einen Rasenmäher brauchen die Schwestern zum Beispiel nicht. Dafür haben sie die 14 Schafe, die ebenfalls unter Schwester Beatrices Obhut stehen. «Meine ökologischen Rasenmäher», sagt sie und lacht herzlich.

Schwester Beatrice spricht von den Pflanzen und Tierchen, die sich in ihnen tummeln, als wären sie alte Verwandte. Liebevoll streicht sie über Büsche und Stauden und wuschelt in den Salatköpfen, während sie erklärt, was es mit dieser und jener Pflanze auf sich hat. Die Bohnensprossen, die sie vor wenigen Tagen in den vom Regen verhärteten Boden «gestupft» hat, sind in Pärchen angeordnet; so können sie «einander helfen» beim Wachsen. Als Beweis zeigt sie auf eine prächtige Sprosse, die neben einer noch etwas kümmerlichen gedeiht: «Du kommst dann auch noch, gell», sagt sie sanft zum Spätzünder, als wäre er ein Kind, das nur etwas Ermunterung braucht.

Die Gärten im Kloster Fahr sind heute Samstag von 9 bis 16 Uhr geöffnet, morgen Sonntag von 13 bis 15.30 Uhr.