Das fängt ja gut an: Der Zug von Schlieren nach Zürich hat Verspätung. Fast kommt etwas Nervosität auf; schliesslich kommt es nicht alle Tage vor, dass sich beinahe die ganze Schwesternschaft des Klosters Fahr auf Reisen begibt. Drei Benediktinerinnen hat das Grüppchen auf dem Weg zum HB bereits verloren. Doch Priorin Irene hat grosszügig geplant – und eine gute Portion Gottvertrauen im Gepäck. Und tatsächlich: Kurz vor der Abfahrt finden auf dem Perron alle wieder zusammen.

Im Zug nach St. Gallen können die Nonnen ihre Vorfreude auf den bevorstehenden Segnungs-Gottesdienst kaum verbergen. Ihre Augen leuchten, wenn man sie auf das grosse Projekt ihrer Priorin anspricht, eine Pilgerreise von St. Gallen nach Rom, die dem Anliegen katholischer Frauen nach mehr Gehör in kirchlichen Angelegenheiten Nachdruck verleihen soll (die Limmattaler Zeitung berichtete). Bei einigen Schwestern brauchte die Priorin, die im Projekt-Kernteam mitorganisiert und auch die erste sowie die letzte Etappe mitwandern wird, nicht viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Andere haben sich zuvor über die Stellung der Frau in der Kirche weniger Gedanken gemacht, wie eine Schwester, die mittlerweile «Feuer und Flamme» für das Anliegen ist, gesteht. «Erst jetzt, als wir uns in Gesprächen mit der Priorin richtig damit auseinandergesetzt haben, habe ich gemerkt, dass es ja eigentlich auch anders sein könnte.»

Versammeln in der Kirche

Nonnen des Fahrs bringen das bestickte Leinentuch zum Altar, in dem später auf Zettelchen notierte Wünsche eingesammelt werden.

Die Wünsche gehen mit nach Rom

17 der 20 Fahrer Benediktinerinnen konnte Priorin Irene dafür gewinnen, mit ihr nach St. Gallen zu pilgern – also «alle, die noch laufen können», wie der Bischof Markus Büchel später in der St. Galler Kathedrale anmerkt: «Was für ein grosses, unglaublich schönes Geschenk.» Die Nonnen haben im Gottesdienst, in dem die Pilgerinnen und Pilger den Segen für ihre Reise erhalten, eine wortwörtlich tragende Rolle: Sie eröffnen die Prozession, indem sie ein besticktes Leinentuch zum Altar tragen, in dem später auf Zetteln notierte Wünsche der Anwesenden gesammelt werden. Diese trägt die achtköpfige Kern-Pilgertruppe nun nach Rom.
Auf wie viel Anklang das Projekt stösst, zeigt nicht nur der starke – männliche – Rückhalt im Schweizer Katholikenkader: Die St. Galler und Basler Bischöfe Markus Büchel und Felix Gmür unterstützen es ebenso wie der Fahrer Abt Urban Federer. Auch die bis in die hintersten Reihen gefüllte St. Galler Kathedrale lässt erahnen, wie vielen Gläubigen die Frauenrechts-Truppe um Initiantin Hildegard Aepli aus dem Herzen spricht: Rund 1000 Besucher zählen die Verantwortlichen.

Aus der Nähe

Nonnen und Bischöfe beim Abmarsch aus der Kirche.

Es könnte gut sein, dass das auch am versöhnlichen Ansatz liegt. Die Anliegen sind zwar klar und deutlich formuliert: Männer der katholischen Kirche sollen künftig nicht mehr ohne Frauen über deren Stellung, Rolle und Funktion in der Kirche, aber auch über kirchliche Belange im Allgemeinen bestimmen. Doch betont wird dabei das Miteinander, der Dialog: dass nur Männer und Frauen zusammen etwas bewegen können.
Am frühen Nachmittag setzt sich der Pilgertross für eine erste Etappe nach Teufen in Bewegung. Priorin Irene schnallt den Rucksack um und winkt den zurückbleibenden Schwestern. Sie werden in Gedanken bei ihr bleiben – und mit ihr hoffen, dass die Zukunft der katholischen Kirche auch eine weibliche ist.