Urdorf

Die neue Kantonsratspräsidentin schreibt Geschichte

Für die FDP-Politikerin zählt nicht das Geschlecht, sondern ob jemand für seine Aufgabe geeignet ist

Brigitta Johner präsidiert ab Montag als erste Frau im Bezirk Dietikon den Kantonsrat. Das beeindruckt sie nicht.

Für die FDP-Politikerin zählt nicht das Geschlecht, sondern ob jemand für seine Aufgabe geeignet ist

Brigitta Johner glaubt fest daran, dass sich Leistung lohnt, ja geradezu auszahlen muss – nun präsidiert sie den Kantonsrat. «Man muss geradestehen können für das, was man tut», sagt sie.

In ihrer Jugend im St. Galler Rheintal wurde Brigitta Johner als Sängerin der Kanti-Schülerband «The Rebels» einmal ausgepfiffen, als das volkstümliche Publikum kein Verständnis für Protestlieder aufbrachte. Für Brigitta Johner kein Problem – damals wie heute: «Man muss geradestehen können für das, was man tut.» Diese Anekdote erzählt die 63-Jährige beim Treffen in Urdorf. Man sollte diese Geschichte nicht überbewerten, aber sie sagt viel über Brigitta Johner und ihre Überzeugungen aus.

Vorne im Rampenlicht steht Johner noch heute, wenngleich auf einer ganz anderen Bühne: Am Montag wird die FDP-Politikerin zur Präsidentin des Zürcher Kantonsrats, und damit zu dessen Aushängeschild gewählt. Pfiffe wie damals hingegen muss sie keine mehr befürchten. Im Gegenteil: Der Applaus der Kantonsrätinnen und -räte dürfte ihr sicher sein. Johner ist als langjährige Bildungspolitikerin anerkannt, und als engagierte und kompetente Kollegin respektiert.

Johners Vorgänger amtete 1980

Eine Wahl ins nominell höchste politische Amt im Kanton Zürich ist keine Selbstverständlichkeit. Brigitta Johner ist als Urdorferin die erste Person aus den Gemeinden des heutigen Bezirks Dietikon, der diese Ehre zuteil wird – und zwar seit Jahrzehnten. In den letzten über 50 Jahren hatten nur zwei Politiker dasselbe Glück: 1980 war es Ernst Spillmann (SP), ebenfalls aus Urdorf, davor im Jahre 1961 Ernst Gugerli (BGB/SVP) aus Aesch.

Um Präsident des Kantonsrats mit seinen 180 Räten zu werden, braucht es Glück, das Momentum muss stimmen. Das Schicksal meint es gut mit Brigitta Johner. Für sie ist diese Wahl aber nicht nur eine Ehre, sondern auch Genugtuung, Anerkennung ihrer Arbeit, Wertschätzung ihrer Person und – auf eigene Art – Folge ihrer persönlichen Überzeugungen: «Leistung muss sich lohnen», sagt Johner im persönlichen Gespräch. Auch das ist eine ihrer Überzeugungen. Sie hat viel geleistet, sich für Partei und Fraktion eingesetzt und ist von Letzterer mit der Nominierung zur Präsidentin belohnt worden. So funktioniert liberale Logik. Kein Wunder fand sie ihre politische Heimat bei den Liberalen. Denn welche Partei verkörpert solche Werte mehr als die FDP?

Aufgewachsen im Rheintal

Brigitta Johner ist im St. Galler Rheintal aufgewachsen in einem bürgerlichen Elternhaus mit zwei Brüdern. Eigenverantwortung wurde grossgeschrieben. Erst wenn alle Stricke reissen, dann kommt der Staat ins Spiel. Verantwortung übernehmen, heisst aber auch, sich für Schwächere in der Gesellschaft einzusetzen. «Das ist für mich selbstverständlich. So bin ich aufgewachsen», sagt sie.

Die Liberalen also. Ihre politische Karriere begann Brigitta Johner klassisch in der eigenen Wohngemeinde. Seit 1984 wohnt sie im Limmattal. Eine Nachbarin fragte sie für die FDP an. Das passte. Ab 1986 war sie zwölf Jahre Schulpflegerin in Urdorf, zu einer Zeit, als auch ihre drei Söhne im Schulalter waren. Dann 2000 rutschte sie in den Kantonsrat und damit in die grosse Politik hinein. Ein Jahr später wurde sie für sieben Jahre Mitglied der Kommission für Bildung und Kultur, präsidierte diese sogar von 2003 bis 2007. Es war eine Zeit «grosser, bedeutender Vorlagen im Bildungsbereich», wie sich Brigitta Johner ausdrückt: Volksschulgesetz, Fachhochschulgesetz, Universitätsgesetz, Berufsbildungsgesetz und vieles mehr wurden überarbeitet.

Bildungspolitikerin ist Brigitta Johner nicht zufällig geworden. Sie habe von Kind an immer gerne gelernt, sich weitergebildet. Sie ist Übersetzerin geworden. Sie hat sich aber auch immer gerne engagiert, mitdiskutiert. Diese Vorlieben konnte und kann sie als Politikerin ausleben. Brigitta Johner versteigt sich sogar zu einem Werbesport für die Sache: «Ein Amt ist nicht nur Arbeit, viel Arbeit, manchmal sogar Ärger, sondern auch eine hervorragende Möglichkeit, sich selber weiterzubilden. Politik macht Spass.» Wer sie fragt, was denn eine gute Schule ausmacht, erhält eine überraschende Antwort: «Gute eigene Erfahrungen.» Und sie ergänzt: «Wer in der Schule positive Erlebnisse hat, lernt besser.»

Die Schule braucht eine Pause

Beim Thema Schulreformen – eines der politischen Dauerthemen – ist Brigitta Johner pragmatisch: «Es verträgt so viele Reformen, wie Lehrer und Kinder vertragen.» Fühlen sie sich in der Schule nicht mehr wohl, sei der Bogen überspannt. Durchaus selbstkritisch gibt sie zu: Es war viel, was in den letzten Jahren den Lehrerinnen und Lehrern aufgebürdet worden war. Es brauche nun eine Phase des Konsolidierens. Oder anders gesagt: Die Schule braucht eine Pause.

Für Kinder genauso wichtig wie ein gutes Lernklima ist der Vorbildcharakter der Eltern. Ganz die Liberale, sagt Brigitta Johner: Eltern müssten die Verantwortung für ihre eigenen Kinder wahrnehmen. Es dürfe nicht sein, dass diese ohne eigenes Zutun erwarten, dass ihre Kinder am Abend gebildet, erzogen und ernährt nach Hause kommen.

Johner lehnt Frauenquote ab

Eine Frauenquote für Toppositionen der Wirtschaft lehnt Brigitta Johner ab. Nicht der Frauen, sondern der Quote wegen. Fähigkeiten und Leistung müssen honoriert werden, nicht das Geschlecht. Punkt. Sinnvoller sei es, sich über Teilzeitmodelle auch im Managementbereich Gedanken zu machen. Möglichkeiten schaffen, keine Gesetze – Brigitta Johner ist nicht nur in der FDP, sie politisiert auch so. Der oder die Geeignetere soll gewinnen – das gilt übrigens auch für die Nachfolge der zurücktretenden FDP-Regierungsrätin Ursula Gut. Es darf, muss aber keine Frau sein.

Dennoch will es der Zufall, dass der Kanton Zürich in Brigitta Johners Präsidialjahr politisch fest in Frauenhand sein wird: Regine Aeppli (SP) präsidiert den Regierungsrat, Dorothea Frei (SP) den Zürcher Gemeinderat und Corine Mauch (SP) den Stadtrat. Ihr Ziel während des Präsidialjahrs ist aber keine Frauenpolitik, sondern die Politik zu den Menschen tragen, im persönlichen Kontakt Brücken schlagen.

Und sie will ihre Heimat, das Limmattal, ihren Ratskollegen näher bringen, denn noch immer hört für viele der Kanton in Zürich West auf und nicht an der Grenze zu Spreitenbach. Ende September wird Brigitta Johner den ganzen Kantonsrat ins Limmattal einladen, den Mitgliedern Schönes, Praktisches und Überraschendes vor Augen führen. «Nur wer Türen öffnet, die Leute empfängt, kann jemanden berühren», sagt Brigitta Johner, «und nur so entsteht ein bleibender Eindruck.» Sie will den Stellenwert des Bezirks Dietikon, der sich häufig übergangen fühlt, erhöhen und so dessen Selbstbewusstsein fördern. Das Limmattal, das ist auch eine Boomregion.

Brigitta Johner kann nicht als laute Politikerin bezeichnet werden, aber als eine durchaus energische. Sie weiss sich zu wehren. Sie sucht nicht primär das Rampenlicht, aber sie will als Politikerin wahrgenommen werden. Nicht aus eitlen Motiven, sondern weil sie überzeugt ist, alles für die Sache zu geben. Wir erinnern uns: Leistung muss sich lohnen. Politik findet für Brigitta Johner nicht als Soloauftritt statt, sondern ist Teamwork. Für die Fraktion sitzt sie in der Redaktionskommission und auch im Protokollausschuss. Das sind keine beliebten Chargen, denn sie erfordern Zeit, Genauigkeit und Verlässlichkeit. Einen begehrten Auftritt in einer TV-Runde bringt diese Arbeit nicht.

Anstand, Respekt, Wahrheit

Für Brigitta Johner hat Politik innerhalb eines von Anstand und Respekt und Wahrheit gesetzten Rahmens zu operieren. Politik dürfe diese Grenzen ausloten, etwa mit dem Mittel der Übertreibung – die Politik muss aber der Wahrheit verpflichtet bleiben. Die beliebt gewordenen Indiskretionen aus Kommissionen, mit denen Entscheide beeinflusst werden sollen, geisselt Brigitta Johner. Wenn die Politik die eigenen Spielregeln nicht einhalte, verliere sie die Glaubwürdigkeit. Ein für sie kostbares Gut.

So viel Brigitta Johner von Transparenz hält, in einem Punkt will sie sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht in die Karten schauen lassen. Das Präsidialjahr soll ein Höhepunkt ihrer Karriere werden, ob es auch deren Ende wird, dazu schweigt sie: «Ich will mein Bestes geben und ein ereignisreiches Jahr erleben.»

Wir erinnern uns an den Namen der Band, in der Brigitta Johner einst sang: «The Rebels». Wie rebellisch ist sie eigentlich noch? Sie lacht: «Ich bin erwachsen geworden. Doch noch heute kann mich Ungerechtigkeit in Rage versetzen.» Fehlender Respekt auch. Und nicht zuletzt Leistung, die nicht honoriert wird. Brigitta Johner ist durch und durch liberal – und ab Montag nominell höchste Zürcherin.

Öffentlicher Empfang für die neue Kantonsratspräsidentin Brigitta Johner: 12. Mai, 16.30 bis 18 Uhr, Mehrzweckplatz Zwischenbächen, Urdorf.

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