Agrarpolitik
«Die Natur lässt sich nicht mit der Keule bändigen»

Der Oetwiler Künstler Jakob Alt will einen gesellschaftlichen Diskurs zur Grundsatzfrage über die Rolle der Bauern in der Schweiz anstossen. Rund 100 Holz-Heinzen, auf denen früher Heu getrocknet wurde, sollen ihm dabei behilflich sein.

Sandro Zimmerli
Merken
Drucken
Teilen
Jakob Alt: In Oetwil macht eine Kunstaktion auf das Los der Kleinbauern aufmerksam
7 Bilder
Zu jedem Heinzen gehören auch Gesichter
Gegen 100 solcher Heinzen wurden aufgestellt
Christine Held hilft bei der Montage der Gesichter
Auf solchen Heinzen wurde früher Heu getrocknet
Christian Hutter montiert eine Ablagefläche für die Ziegel
Ariet Güttinger schraubt ein Gesicht an den Heinzen

Jakob Alt: In Oetwil macht eine Kunstaktion auf das Los der Kleinbauern aufmerksam

Sandro Zimmerli

Regelmässige Spaziergänger sind es gewohnt, im Wiesentäli ob Oetwil auf kleine Kunstwerke am Wegrand zu treffen. Seit über 30 Jahren stellt der Künstler und Sozialarbeiter Jakob Alt dort Skulpturen aus Alltagsmaterialien und natürlichen Produkten her. So werden beispielsweise die biegsamen Äste der Weiden zu Körben oder Kugeln verflochten. Auch Pferde samt Reiter sind daraus gefertigt worden. Letztes Jahr hat er aus alten Metallteilen gar eine Miniaturausgabe des Hafenkrans hergestellt, jenes Kunstobjektes, das in Zürich für mintunter hitzige Diskussionen gesorgt hat.

Auch Alt will mit seiner Kunst einen gesellschaftlichen Diskurs anstossen und die Spaziergänger zum Nachdenken anregen. Das gilt ebenso für seine jüngste Installation, die gestern im Wiesentäli aufgestellt wurde. Gegen 100 sogenannte Heinzen, auf denen früher Heu getrocknet wurde, sind mit Ziegeln und Gesichtern verziert und aufgereiht worden. Sie stehen symbolhaft für kleine Bauernbetriebe, die angesichts der fortschreitenden Entwicklung zusehends unter Druck geraten und im schlimmsten Fall sogar eingehen.

«Als Kind habe ich noch gelernt, dass der Bauernberuf der wichtigste und schönste ist. Denn auf Essen sind alle Menschen angewiesen», sagt Jakob Alt, der auf einem Bauernhof in Oetwil aufwuchs und später Sozialarbeiter wurde. Den Bauern sei damals die Aufgabe zugekommen, für die Versorgung des Landes zu sorgen. Eine Aufgabe, die eigentlich auch heute noch ihre Gültigkeit haben sollte, so Alt.

«Doch seither hat ein enormer Wandel stattgefunden. Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung lautet das Credo», so Alt. Das habe fatale Folgen für die Natur. Durch Monokulturen und Überdüngung würden die Böden geschädigt. «Kurzfristig lässt sich zwar der Ertrag steigern, aber auf lange Sicht gehen die Böden kaputt», sagt Alt.

Immer mehr Betriebe gehen ein

Das sei eine paradoxe Situation. «Seit Jahren wissen wir, dass diese Art der Lebensmittelproduktion nicht nachhaltig ist. Nur wird dieses Wissen nicht umgesetzt, die Entwicklung läuft heute noch in die falsche Richtung», hält er fest. Es sei uraltes bäuerliches Wissen, dass sich die Natur nicht mit der Keule bändigen lasse. «Dafür ist sie zu komplex», sagt Alt.

Das sei auch im jüngsten Weltagrarbericht erkannt worden. «Nur eine ressourcenschonende Bodenbewirtschaftung, wie sie auf vielen kleineren Bauernbetrieben üblich ist, kann den Planeten nachhaltig ernähren, heisst es dort», so Alt. Doch es geschehe nichts. Im Gegenteil. Wir würden immer abhängiger von der Lebensmittelindustrie. Komme hinzu, dass Freihandelsabkommen dazu führen würden, dass die heimischen Bauern in Konkurrenz zu riesigen Betrieben treten müssen, gegen die sie von vornherein keine Chance hätten.

«Tragischerweise hat das zur Folge, dass immer mehr kleinere Bauernbetriebe eingehen, obwohl es gerade sie für eine nachhaltige Versorgung bräuchte», sagt Alt.

Auf diese komplexen Zusammenhänge will Jakob Alt mit seiner neuen Installation aufmerksam machen. Denn «diese Entwicklung führt unweigerlich zur Grundsatzfrage, welche Rolle die Bauern heute in unserem Land noch spielen sollen», sagt er. Ihm sei es ein Anliegen, dass sich daraus ein gesellschaftlicher Diskurs entwickle. Schliesslich würde das Thema Ernährung alle Menschen angehen.

In diesem Licht ist auch die Initiative für Ernährungssouveränität der Bauerngewerkschaft Uniterre zu sehen, die vergangenen September lanciert wurde. Alt ist Vizepräsident von Uniterre Schweiz und Mitglied im Initiativkomitee.

Dieses verlangt, dass der Bund das Recht auf Ernährungssouveränität umsetzt, indem er die Versorgung mit gesunden Lebensmitteln aus einer vielfältigen Landwirtschaft fördert, die ihre Kosten decken kann und den sozialen sowie ökologischen Erwartungen der Bevölkerung gerecht wird. Der Bund soll eine vorrangig inländische Versorgung mit Lebens- und Futtermitteln anstreben.

Aktion am Kampftag gestartet

Zudem wollen die Initianten eine vielfältige, gentechfreie Landwirtschaft mit mehr Beschäftigten, einen transparenten Markt, der Bauern und Konsumenten dient. Sie strebt auch einen gerechteren internationalen Handel durch zolltechnische Massnahmen an. Auf Exportsubventionen soll verzichtet werden.

«Mit meiner neuen Installation will ich meinen Beitrag dazu leisten, dass die Initiative einer breiten Bevölkerung bekannt gemacht wird», sagt Alt. Es ist deshalb kein Zufall, dass der 17. April für das Aufstellen der Heizen gewählt wurde.

Jedes Jahr findet an diesem Datum der internationale Kampftag der Bäuerinnen und Bauern statt. Dieses Mal ging auch der Aktionstag für die Initiative für Ernährungssouveränität über die Bühne. «Um über unser Anliegen zu informieren, soll zu einem späteren Zeitpunkt ein Planwagen im Wiesentäli aufgestellt werden. Er wird als Informationszentrum dienen», so Alt. Bis dahin wird der Künstler jeden Tag ins Wiesentäli gehen und jeweils vier der Heinzen umkippen. Das entspricht statistisch geschen jener Zahl an Bauernbetrieben, die in der Schweiz täglich verschwinden.

Die Agrarpolitik ist hart umkämpft. Nicht nur die Bauerngewerkschaft Uniterre, sondern auch der Schweizerische Bauernverband (SBV), die Grünen und die Juso wollen mit Volksinitiativen neue Schwerpunkte in der Landwirtschaft setzen. Obwohl alle Initianten Gespräche miteinander geführt haben, konnten sie sich nicht auf einen Kompromiss einigen.

Der Bauernverband will mit seiner Volksinitiative für Ernährungssicherheit vor allem die Produktion zum Thema machen. Er verlangt, dass der Bund «die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger und nachhaltiger einheimischer Produktion stärkt». Das schwindende Kulturland soll besser geschützt und das Qualitätsniveau bei Lebensmitteln hochgehalten werden.

Weiter soll der Bund dafür sorgen, dass «der administrative Aufwand in der Landwirtschaft gering ausfällt und dass eine angemessene Investitions- und Rechtssicherheit gewährleistet ist». In Rekordzeit hat der SBV 150 000 Unterschriften für die Initiative gesammelt und sie vergangenen Juli eingereicht. Anfang Jahr schickte der Bundesrat einen direkten Gegenvorschlag zur Initiative für Ernährungssicherheit in die Vernehmlassung.

Vier Initiativen widmen sich einem Thema

Die Grünen haben letzten Mai die Unterschriftensammlung für ihre Volksinitiative für gesunde sowie umweltfreundliche und fair hergestellte Lebensmittel (Fair-Food-Initiative) gestartet. Die Partei will importierte Lebens- und Futtermittel auf Schweizer Qualitäts-, Umwelt- und Tierschutzstandards bringen. Für sie sei es «stossend, dass importierte Lebensmittel Produktionsstandards unterwandern können, welche für die Schweizer Landwirtschaft gelten».

Es soll folglich «kein Chlor-Huhn aus Käfighaltung, kein Hormonfleisch, kein Gemüse von Betrieben, deren Angestellte ausgebeutet werden und sich bei der Arbeit mit Pestiziden vergiften», importiert werden. Dagegen sollen Produkte aus naturnaher, bäuerlicher Landwirtschaft, fairem Handel sowie aus regionaler und saisonaler Produktion und Verarbeitung einen Marktvorteil erhalten.

Weiter soll der Bund dafür sorgen, dass Auswirkungen von Transport und Lagerung auf die Umwelt reduziert werden. Zudem wird er aufgefordert, Vorschriften zur Zulassung von Lebens- und Futtermitteln und zur Deklaration von deren Produktions- und Verarbeitungsweise zu erlassen.

Ein viertes Volksbegehren, das Lebensmittel zum Inhalt hat, ist die Spekulationsstopp-Initiative der Juso, die mit 117 000 gültigen Unterschriften zustande kam. Sie will die Spekulation mit Nahrungsmitteln verbieten. Dies, weil die Spekulation zu hohen Preisschwankungen bei Grundnahrungsmitteln und dadurch zu Hunger auf der Welt führe. Der Bundesrat empfiehlt die Initiative zur Ablehnung. (zim)