«Am Üetliberg»
«Die Natur hat das letzte Wort» – Der Hausberg durch die Augen seines langjährigen Försters

Fast vier Jahrzehnte lang war Fredy Lienhard «Mr. Üetliberg» – Was er seinem Nachfolger rät, wenn dereinst wieder ein Lothar über die Schweiz fegt, und warum er nun sein Üetliberg-Buch präsentiert, erzählt er im Gespräch.

Alex Rudolf
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Uetliberg Fredy Lienhard
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Die Erinnerungen an den Megasturm Lothar blieben dem pensionierten Förster besonders lebhaft in Erinnerung
Mehrere umgestützte Bäume versperrten die Zufahrten zum Berg - auch das SZU-Trassee war betroffen
Kinder sämmeln Abfall im Wald
Auch vom Uto Kulm selber ist die Aussicht unschlagbar
Auch von Dietikon aus gut zu sehen - der Üetliberg und seine beiden Türme
Seit 1990 eines der Wahrzeichen des Üetlibergs - der 187 Meter hohe Sendeturm
Die Sumpfwurz fühlt sich im Hangried Hueb wohl
Die Sumpfwurz fühlt sich im Hangried Hueb wohl
Auch die bedrohte Erdkröte
Und der Fadenmolch sind im Hueb zu Hause.

Uetliberg Fredy Lienhard

Jiri Reiner

Herr Lienhard, beinahe 40 Jahre waren Sie als Leitender Förster des ETH-Lehr- und Forschungswaldes quasi «Mr. Üetliberg». Wie häufig sind Sie heute nach ihrer Pensionierung noch in den Wäldern unterwegs?

Fredy Lienhard: Noch immer spaziere ich regelmässig am Üetliberg. Insbesondere natürlich an jenen Orten, zu denen ich eine spezielle Beziehung habe. Beispielsweise durch die Mammutbaum-Allee, die ich nach dem Sturm Lothar in Zusammenarbeit mit der Zürcher Kantonalbank pflanzen durfte. Auch heute, fast 17 Jahre später, ist uns noch immer bewusst, dass die Natur das letzte Wort hat und nicht der Mensch.

Lothar gab dem Wald ein neues Gesicht. Heute sind beispielsweise Laub- und nicht mehr Nadelbäume in der Mehrheit.

Das ist korrekt. Für Eichen, Eschen, Ahorn und weitere Laubholzarten bietet der Üetliberg gute Voraussetzungen. Gegen Stürme sind Nadelhölzer wie Rottannen weniger gut gerüstet, da sie flachwurzlig sind. Bei der Wiederaufforstung achteten wir darauf, die optimalen Jungbäume zu pflanzen. Heute finden Sie auf dem Üetliberg auf fast 70 Prozent der Fläche Laubbäume.

Fegt also ein vergleichbarer Sturm über die Schweiz, sind die Auswirkungen für den Üetliberg-Wald nicht derart verheerend wie bei Lothar?

Zur Person: Fredy Lienhard

Der 66-jährige Lienhard war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2015 fast vier Jahrzehnte lang Leiter des Lehr- und Forschungswaldes der ETH Zürich. Zum gleichen Zeitpunkt verabschiedete er sich auch aus dem Uitiker Gemeinderat, in welchem der SVP-Mann während 14 Jahren als Werkvorstand fungierte.

Ökonomisch betrachtet, sind die Nadelhölzer wesentlich ertragsreicher, aber geschützt ist der Wald heute besser.

In ihrem Buch, das Sie heute der Öffentlichkeit vorstellen, widmen Sie dem Sturm ein ganzes Kapitel. War dies die einschneidendste Periode in ihrer Zeit als Förster?

Zweifelsohne. Ich erinnere mich gut an den Stephanstag 1999, als ich nach dem Sturm durch den Wald ging. Man musste damit rechnen, auf Menschen zu treffen, die von einem umstürzenden Baum erschlagen wurden. Immer wieder traf ich auf verirrte Spaziergänger, die ich aus dem Wald lotste. Zu siebzehnt kamen wir bei Dunkelheit schliesslich aus dem Üetlibergwald.

So wurde der Üetliberg zu dem, was er heute ist

- Zwischen 1620 und 1650: Im Kanton wird das Hochwachtnetz aufgebaut, ein Glied dieses Netzes wird jene auf dem Üetliberg. Sie gilt als eine sehr vornehme und wird als «General-Hochwacht» bezeichnet.

- 1838: Friedrich Beyel kauft die ehemalige Wacht und nennt sie zu «Üetliberghof» um. Er errichtet zudem ein Wohn- und ein Gasthaus. Beyel lockt viele Gäste auf den Berg. Mit seinen fünf Kindern inszeniert er musikalische Aufführungen auf dem Vorplatz.

- 1866: Nach Beyels Tod verkaufen seine Nachfahren den Gasthof an die Hoteliers Theodor Bauer und Caspar Fürst. Bauer erweitert das bestehende Gasthaus, Fürst baut beim Ägerten, wo heute der Fernsehturm steht, den Grossbau «Hotel Üetliberg».

- 1872: Rund 250 Jahre nach der Erstellung wird das Wachthaus abgebrochen.

- 1875: Gemeinsam werden das Hotel Üetliberg und die Üetlibergbahn eingeweiht. «In diesen Jahren präsentierte sich der Üetliberg in imposanter Üppigkeit», schreibt Martin Wehrli im Jahrheft der Uitiker Mittwochsgesellschaft aus dem Jahr 1994.

- 1878: Weil sich der Betreiber Caspar Fürst mit dem Hotel-Üetliberg-Bau verspekulierte, lässt er das Gebäude anzünden und bis auf die Grundmauern niederbrennen. Wenig später wurde es wieder aufgebaut.

- 1894: Der erste Eisen-Aussichtsturm wird errichtet, als Inspiration dient der Eiffelturm in Paris.

- 1922: Die Üetlibergbahn stellt auf den elektrischen Betrieb um.

- 1990: Der 72 Meter hohe Aussichtsturm wie auch der 187 Meter hohe Sendeturm werden fertiggestellt.

- 1999: Giusep Fry kauft das Hotel samt Aussichtsturm.

- 2009. Die Eröffnung des Üetlibergtunnels der Autobahn A3 durch den Berg wird gefeiert. (aru)

Glücklicherweise kam am Üetliberg niemand ums Leben, in der Restschweiz forderte der Sturm jedoch 20 Todesopfer. Welchen Ratschlag geben Sie ihrem Nachfolger, wenn der nächste Megasturm über die Schweiz fegt?

Den Kopf darf man niemals hängen lassen. Die Natur zeigt uns Menschen immer wieder, wo es langgeht. Auch ist es gut, die Dinge mit einem gewissen Abstand zu betrachten. So war das Bild meines Waldes anfänglich ungeheuerlich, ich hatte das Gefühl, dass die meisten Bäume geknickt waren. Ein paar Tage später konnte ich mit dem Helikopter einen Blick aus der Vogelperspektive auf den Üetliberg werfen. Erstmals war ich ein wenig beruhigt, da ich mich auf die Bäume konzentrieren konnte, die noch standen.

Heute ist von den Schäden fast nichts mehr zu sehen. Der Berg ist beliebter denn je. Jährlich pilgern rund eine Million Menschen ins Naherholungsgebiet. Sind das zu viele?

Es sind viele. Man darf aber nicht vergessen, dass der Üetliberg tatsächlich als grosser Erholungsraum dient. Um diese immensen Massen auffangen zu können, brauchte es mehr Spazierwege, Sitzbänke, Feuerstellen, Brunnen und Abfallkübel. Als ich meine Stelle vor 40 Jahren antrat, zeigte sich der Berg noch von einer anderen Seite.

Erschweren die Besucher den Förstern das Leben?

Littering gab es schon immer. Doch dieses Problem verstärkt sich mit mehr Besuchern, sodass heute wohl doppelt so viel Zeit aufgewendet werden muss, um den Berg zu säubern, als noch vor 40 Jahren. Hinzu kommt: Fällt man heute Bäume, dann gibt es auch Passanten, die einen anfeinden und einen Baummörder schimpfen. Dann habe ich jeweils gefragt, ob es ihnen recht wäre, wenn ich in ihr Büro hereinspazieren und ihnen ihren Job erklären würde.

Aber auch unter den Nutzern des Bergs haben sich die Konflikte verschärft.

Eigentlich kamen diese Probleme erst mit den Bikern. Dies, weil sie mit einem höheren Tempo unterwegs sind als Wanderer, Kletterer und Reiter. Biken ist zwar etwas Gutes, aber es braucht eine räumliche Trennung, da man sich sonst in die Quere kommt. Mit dem Bike-Trail funktioniert dies ein wenig besser, doch höre ich noch heute von jungen Müttern oder Senioren, dass sie sich von Bikern gestört fühlen.

Von den stetigen Ausbauten, die der Betreiber des Uto-Kulm in den vergangenen Jahren erstellt hatte, fühlten sich auch Naturschützer gestört. Was sagen Sie zum Rechtsstreit zwischen dem Verein Pro Üetliberg und Uto-Kulm-Betreiber Giusep Fry?

Ich habe eine klare Meinung: Früher, zur Zeit, als auf dem Üetliberg noch gekurt wurde, fanden sich auf der Spitze zwei Hotels. Heute nennt sich Zürich eine weltoffene Stadt, gleichzeitig wird dem Hotelier von vielen Seiten das Leben schwer gemacht. Fry richtet sich nach den Bedürfnissen der Besucher und ich finde, dies ist sein gutes Recht. Dass man Fry in die Schranken weist und auf ein sauberes Bewilligungsverfahren pocht, dafür habe ich aber auch Verständnis. Zentral ist, dass der vom Regierungsrat vorgelegte Gestaltungsplan in Kraft tritt, damit genau geregelt wird, was geht und was nicht.

Das ist überraschend, man hätte Sie als Advokat für die Flora und Fauna eingeschätzt.

Ich finde einfach, dass die Verbote überhandnehmen. Heute darf man viel weniger als noch vor 40 Jahren. Mit meinen Enkeln habe ich fast ein wenig Mitleid, wegen all den Einschränkungen.

Ihr Buch beleuchtet den Üetliberg von allen Facetten. Im speziellen Beschreiben Sie aber den Lehrbetrieb der ETH. War dies die Inspiration für das Buch?

Bis 2011 gehörte der Wald der ETH und noch heute nutzt sie ihn als Lehrwald. Vor etwa drei Jahren wurde ich darauf angesprochen, dass es viel Archivmaterial gebe, das sich für ein Buch anbieten würde. Kurz vor und nach meiner Pensionierung widmete ich mich diesem Projekt – was viel intensiver war, als ich es mir vorgestellt hatte.

Darf man in nächster Zeit also kein neues Werk von Ihnen erwarten?

Sicher nicht. Nun stehen andere Projekte im Vordergrund. Beispielsweise baue und betreue ich ein Schulbauprojekt in den Philippinen. So kann ich auch wieder etwas zurückgeben von der grossartigen Zeit, die ich bei der ETH Zürich am Üetliberg erleben durfte.

Zürich ist dank dem Üetlibergwald vor Erdrutschen sicher

Sein Leben ist der Üetliberg und der Üetliberg ist sein Leben. Fredy Lienhard blickt in seinem ersten Buch «Am Üetliberg» auf seine 40-jährige Tätigkeit als leitender Förster des ETH-Waldes zurück. Dabei greift er sämtliche Themen auf, die rund um den Wald aufkommen: von den Besitzverhältnissen über die Lehrtätigkeiten bis zu den Tieren, die man antrifft. Dem Megasturm Lothar widmet er ein eigenes Kapitel.

In die Medien kommt der Üetliberg oft, wenn es um Konflikte zwischen Bikern und Spaziergängern oder den Streit zwischen Naturschützern und Giusep Fry, dem Betreiber des Uto Kulm, geht. In Lienhards Buch werden auch weniger bekannte, aber keineswegs weniger spannende Seiten des Zürcher Hausbergs beleuchtet. Das Hangried Hueb beispielsweise darf nur einmal jährlich zur Pflege der Fläche betreten werden. Denn seit 1980 gehört das rund sieben Hektaren grosse Moorgebiet dem Inventar der Landschaftsschutzobjekte an. Dies aus gutem Grund:

Das Ried liegt auf einer Waldlichtung oberhalb des Forsthauses und ist durch den Quellaustritt sehr feucht und sumpfig. Daher bietet das Flachmoor guten Nährboden für eine grosse pflanzliche und tierische Artenvielfalt. Durch Drainagen seien im vergangenen Jahrhundert viele vergleichbare Landschaften ausgetrocknet worden. «Der Erhalt der vorhandenen Feuchtgebiete ist daher sehr wichtig», schreibt Lienhard im Buch. Über 70 spezielle Pflanzenarten, davon sind mehrere Dutzend auf der Roten Liste der bedrohten Pflanzenarten zu finden, wachsen hier. Etwa die Sumpfwurz, der Schwalbenwurz-Enzian oder das rundköpfige Rapunzel. Speziell sind jedoch nicht nur die Pflanzen: Auch die bedrohte Erdkröte und Fadenmolche sowie Grasfrösche bevölkern das Hueb.

Nur zwei Rutsche in 20 Jahren

Auch wird der Üetliberg als das Naherholdungsgebiet Nummer eins bezeichnet. Oft geht dabei vergessen, dass seinWald den angrenzenden Städten auch Schutz bietet. So schreibt Lienhard in seinem Buch, dass die bauliche Entwicklung der Stadt Zürich bis fast an den Waldrand ohne den schützenden Wald nicht möglich gewesen wäre. Dieser schütze die Stadt vor Murgängen und Erdrutschen. Durch das Wurzelgeflecht der Bäume werde der Boden armiert und zusammengehalten. In den vergangenen 20 Jahren sei es lediglich zwei Mal zu schweren Rutschungen im Gebiet des Lehr- und Forschungswaldes gekommen, von denen insbesondere das Trassee der Üetlibergbahn betroffen war.