Herr Lienhard, beinahe 40 Jahre waren Sie als Leitender Förster des ETH-Lehr- und Forschungswaldes quasi «Mr. Üetliberg». Wie häufig sind Sie heute nach ihrer Pensionierung noch in den Wäldern unterwegs?

Fredy Lienhard: Noch immer spaziere ich regelmässig am Üetliberg. Insbesondere natürlich an jenen Orten, zu denen ich eine spezielle Beziehung habe. Beispielsweise durch die Mammutbaum-Allee, die ich nach dem Sturm Lothar in Zusammenarbeit mit der Zürcher Kantonalbank pflanzen durfte. Auch heute, fast 17 Jahre später, ist uns noch immer bewusst, dass die Natur das letzte Wort hat und nicht der Mensch.

Lothar gab dem Wald ein neues Gesicht. Heute sind beispielsweise Laub- und nicht mehr Nadelbäume in der Mehrheit.

Das ist korrekt. Für Eichen, Eschen, Ahorn und weitere Laubholzarten bietet der Üetliberg gute Voraussetzungen. Gegen Stürme sind Nadelhölzer wie Rottannen weniger gut gerüstet, da sie flachwurzlig sind. Bei der Wiederaufforstung achteten wir darauf, die optimalen Jungbäume zu pflanzen. Heute finden Sie auf dem Üetliberg auf fast 70 Prozent der Fläche Laubbäume.

Fegt also ein vergleichbarer Sturm über die Schweiz, sind die Auswirkungen für den Üetliberg-Wald nicht derart verheerend wie bei Lothar?

Ökonomisch betrachtet, sind die Nadelhölzer wesentlich ertragsreicher, aber geschützt ist der Wald heute besser.

In ihrem Buch, das Sie heute der Öffentlichkeit vorstellen, widmen Sie dem Sturm ein ganzes Kapitel. War dies die einschneidendste Periode in ihrer Zeit als Förster?

Zweifelsohne. Ich erinnere mich gut an den Stephanstag 1999, als ich nach dem Sturm durch den Wald ging. Man musste damit rechnen, auf Menschen zu treffen, die von einem umstürzenden Baum erschlagen wurden. Immer wieder traf ich auf verirrte Spaziergänger, die ich aus dem Wald lotste. Zu siebzehnt kamen wir bei Dunkelheit schliesslich aus dem Üetlibergwald.

Glücklicherweise kam am Üetliberg niemand ums Leben, in der Restschweiz forderte der Sturm jedoch 20 Todesopfer. Welchen Ratschlag geben Sie ihrem Nachfolger, wenn der nächste Megasturm über die Schweiz fegt?

Den Kopf darf man niemals hängen lassen. Die Natur zeigt uns Menschen immer wieder, wo es langgeht. Auch ist es gut, die Dinge mit einem gewissen Abstand zu betrachten. So war das Bild meines Waldes anfänglich ungeheuerlich, ich hatte das Gefühl, dass die meisten Bäume geknickt waren. Ein paar Tage später konnte ich mit dem Helikopter einen Blick aus der Vogelperspektive auf den Üetliberg werfen. Erstmals war ich ein wenig beruhigt, da ich mich auf die Bäume konzentrieren konnte, die noch standen.

Heute ist von den Schäden fast nichts mehr zu sehen. Der Berg ist beliebter denn je. Jährlich pilgern rund eine Million Menschen ins Naherholungsgebiet. Sind das zu viele?

Es sind viele. Man darf aber nicht vergessen, dass der Üetliberg tatsächlich als grosser Erholungsraum dient. Um diese immensen Massen auffangen zu können, brauchte es mehr Spazierwege, Sitzbänke, Feuerstellen, Brunnen und Abfallkübel. Als ich meine Stelle vor 40 Jahren antrat, zeigte sich der Berg noch von einer anderen Seite.

Erschweren die Besucher den Förstern das Leben?

Littering gab es schon immer. Doch dieses Problem verstärkt sich mit mehr Besuchern, sodass heute wohl doppelt so viel Zeit aufgewendet werden muss, um den Berg zu säubern, als noch vor 40 Jahren. Hinzu kommt: Fällt man heute Bäume, dann gibt es auch Passanten, die einen anfeinden und einen Baummörder schimpfen. Dann habe ich jeweils gefragt, ob es ihnen recht wäre, wenn ich in ihr Büro hereinspazieren und ihnen ihren Job erklären würde.

Aber auch unter den Nutzern des Bergs haben sich die Konflikte verschärft.

Eigentlich kamen diese Probleme erst mit den Bikern. Dies, weil sie mit einem höheren Tempo unterwegs sind als Wanderer, Kletterer und Reiter. Biken ist zwar etwas Gutes, aber es braucht eine räumliche Trennung, da man sich sonst in die Quere kommt. Mit dem Bike-Trail funktioniert dies ein wenig besser, doch höre ich noch heute von jungen Müttern oder Senioren, dass sie sich von Bikern gestört fühlen.

Von den stetigen Ausbauten, die der Betreiber des Uto-Kulm in den vergangenen Jahren erstellt hatte, fühlten sich auch Naturschützer gestört. Was sagen Sie zum Rechtsstreit zwischen dem Verein Pro Üetliberg und Uto-Kulm-Betreiber Giusep Fry?

Ich habe eine klare Meinung: Früher, zur Zeit, als auf dem Üetliberg noch gekurt wurde, fanden sich auf der Spitze zwei Hotels. Heute nennt sich Zürich eine weltoffene Stadt, gleichzeitig wird dem Hotelier von vielen Seiten das Leben schwer gemacht. Fry richtet sich nach den Bedürfnissen der Besucher und ich finde, dies ist sein gutes Recht. Dass man Fry in die Schranken weist und auf ein sauberes Bewilligungsverfahren pocht, dafür habe ich aber auch Verständnis. Zentral ist, dass der vom Regierungsrat vorgelegte Gestaltungsplan in Kraft tritt, damit genau geregelt wird, was geht und was nicht.

Das ist überraschend, man hätte Sie als Advokat für die Flora und Fauna eingeschätzt.

Ich finde einfach, dass die Verbote überhandnehmen. Heute darf man viel weniger als noch vor 40 Jahren. Mit meinen Enkeln habe ich fast ein wenig Mitleid, wegen all den Einschränkungen.

Ihr Buch beleuchtet den Üetliberg von allen Facetten. Im speziellen Beschreiben Sie aber den Lehrbetrieb der ETH. War dies die Inspiration für das Buch?

Bis 2011 gehörte der Wald der ETH und noch heute nutzt sie ihn als Lehrwald. Vor etwa drei Jahren wurde ich darauf angesprochen, dass es viel Archivmaterial gebe, das sich für ein Buch anbieten würde. Kurz vor und nach meiner Pensionierung widmete ich mich diesem Projekt – was viel intensiver war, als ich es mir vorgestellt hatte.

Darf man in nächster Zeit also kein neues Werk von Ihnen erwarten?

Sicher nicht. Nun stehen andere Projekte im Vordergrund. Beispielsweise baue und betreue ich ein Schulbauprojekt in den Philippinen. So kann ich auch wieder etwas zurückgeben von der grossartigen Zeit, die ich bei der ETH Zürich am Üetliberg erleben durfte.