Wochenkommentar
Die Nagra handelt nicht fahrlässig

Das Zürcher Weinland ist in der Endausscheidung für ein Tiefenlager. Das ist wenig verwunderlich: Denn das Mittelland ist für die Endlagerung von Atommüll am besten geeignet, das weiss man. Trotzdem: Noch sind nicht alle Entscheide getroffen.

Jürg Krebs
Jürg Krebs
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Das Gebiet Zürich Nordost/Weinland gilt als sehr geeigneter Standort fuer ein Tiefenlager fuer hochradioaktive Abfälle.

Das Gebiet Zürich Nordost/Weinland gilt als sehr geeigneter Standort fuer ein Tiefenlager fuer hochradioaktive Abfälle.

Keystone

Also doch alles eine Verschwörung? Wir erinnern uns: 2012 verriet ein Whistleblower, dass die Nagra das Zürcher Weinland und den Aargauer Bözberg bereits als Standorte ausgewählt hat, um dort Tiefenlager für radioaktive Abfälle zu bauen. Dabei waren zu jenem Zeitpunkt offiziell noch sechs Regionen Teil eines laufenden Auswahlverfahrens.

Die Nagra, die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, musste sich danach rechtfertigen, sprach von «Gedankenspielen». Wirklich?

Am Freitag präsentierte die Nagra nun ihre beiden Favoriten: das Weinland und den Bözberg! Das mag Zufall sein. Der Glaubwürdigkeit der Nagra schadet dies kaum, sie hat seit längerem ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Bereits ein Jahr vor der Standortpanne wurde bekannt, dass die Nagra am Eingang eines künftigen Tiefenlagers die radioaktiven Abfälle umverpacken will, was die Frage nach der Sicherheit aufwirft. Die Nagra gab zu, dass dies etwas versteckt in den öffentlichen Unterlagen erwähnt wird.

Auch ebbte die Kritik nie ab, bei den fraglichen Standorten würden unterschiedliche Messmethoden angewendet, was einen seriösen Vergleich verunmögliche – zuletzt war das am 12. Januar im Zürcher Kantonsrat der Fall.

Ein Export von radioaktivem Abfall ist unethisch

Die betroffenen Regionen sind mit dem Entscheid unzufrieden, das liegt in der Natur der Sache. Die Zürcher Regierung spricht gar von einem voreiligen Entscheid. Radioaktiven Abfall will niemand vor der Haustüre wissen, auch wenn er tief im Erdinnern versenkt wird, gut umschlossen von Strahlen-undurchlässigem Gestein.

Aller Kritik zum Trotz handelt die Nagra nicht fahrlässig. Seismische und geologische Untersuchungen belegen seit Jahren, dass das Mittelland für die Endlagerung von schwach-, mittel- und hochradioaktivem Material aus Spitälern und Atomkraftwerken am besten geeignet ist.

In den letzten Jahren lieferten die Daten weiterer Bohrungen, etwa für Erdsonden, zusätzliche Erkenntnisse. Im letzten Jahr bestätigte unter anderem die Kommission für nukleare Sicherheit, dass die Datenbasis für einen Standortentscheid ausreicht.

Zu bedenken ist: Das Auswahlverfahren wird erst 2027 abgeschlossen, bis dahin bleibt genug Zeit, um Bedenken zu prüfen. Zudem ist nicht einmal sicher, ob es bei den beiden Standortentscheiden Zürich Nord-Ost und Jura Ost bleibt. Der Bundesrat entscheidet 2017, ob er es dabei bewenden lässt oder den Fächer wieder aufmachen wird.

Ebenso klar ist: Die Schweiz muss irgendwann eine Lösung finden – und zwar allen Widerständen zum Trotz. Denn ein Export radioaktiver Abfälle ist ethisch nicht vertretbar. Die Zwischenlagerung an der Erdoberfläche im aargauischen Würenlingen ist für eine dauerhafte Lösung nicht geeignet. Und auch wenn die Schweiz sich für einen Atomausstieg entscheidet, der hierzulande produzierte Abfall wird noch Jahrtausende strahlen.

juerg.krebs@azmedien.ch