Oberengstringen
Die lustigen Lügen einer Legende

Der Kabarettist Emil Steinberger gab in Oberengstringen sein Bühnenprogramm «Drei Engel!» zum Besten. Über 300 Gäste strömten in den Zentrumssaal, um die Schweizer Humor-Ikone live zu erleben.

Sebastian Schanzer
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Emil Steinbergers Auftritt in Oberengstringen
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Er strapaziert die Lachmuskeln seiner Zuhörer im Zentrumssaal
Kein Wunder, war er nach dem Auftritt so stark umworben.

Emil Steinbergers Auftritt in Oberengstringen

Sebastian Schanzer

Berlin, Paris, Tokio, Prag, Peking und jetzt auch Oberengstringen: Der kultige Luzerner Kabarettist Emil Steinberger füllte am Freitagabend den Zentrumssaal. So etwas sei ansonsten nur noch möglich, wenn man in der Gemeinde Steuererhöhungen ankündige, witzelt Gemeindepräsident André Bender bei seiner kurzen Ansprache. Eine simple Anfrage reichte indessen, um die Comedy-Legende ins Gemeindezentrum zu holen, wie Rebecca Giusto von der Kulturkommission Oberengstringen sagt.

Viele Zuschauer sind gekommen, um alte Kindheitserinnerungen aufleben zu lassen. Die Bilder von Emil als Postbote, Blutspender, Wachtmeister auf dem Polizeiposten oder beim Singen von Bauernregeln bleiben präsent. Immer noch schwärmen einige Anwesende von Steinbergers Rolle als Beamter der Einbürgerungspolizei im Kultfilm «Die Schweizermacher».

Der humorvolle Alleskönner: Emil Steinbergers Werdegang zum bekanntesten Kabarettisten der Schweiz

Mit seiner Kunstfigur Emil erlangte der Kabarettist Emil Steinberger im deutschsprachigen Raum grosse Beliebtheit. Als Komiker, Schauspieler, Theaterleiter, Regisseur, Schriftsteller, gelernter Grafiker und ehemaliger Postbeamte ist sein Lebenslauf so facettenreich wie die schrulligen Figuren aus seinen Bühnenprogrammen. Geboren am 6. Januar 1933 in Luzern, stand Steinberger im Alter von 20 Jahren als Hobby-Kabarettist erstmals auf der Bühne. Zunächst in Ensembles, später kamen erste Solo-Auftritte dazu. Anfang der 70er-Jahre schaffte er mit seinen Programmen «Geschichten, die das Leben schrieb» und «E wie Emil» den grossen Durchbruch in der Schweiz. Dank vieler Tourneen und TV-Übertragungen wurde er auch in Deutschland und Österreich sehr populär. 1977 war er neun Monate mit dem Circus Knie auf Tour. Nur ein Jahr später stand er für den Schweizer Filmklassiker «Die Schweizermacher» vor der Kamera.

ufgrund des grossen Erfolgs seines 1980 lancierten Programms «Feuerabend» fokussierte sich Steinberger fortan voll auf seine Kabarett-Auftritte als Emil. Auf dem Höhepunkt beendete er 1987 seine Bühnenkarriere und arbeitete während einiger Jahre als Werber für Auftraggeber wie Schweiz Tourismus und Melitta. 1993 trieb ihn das Bedürfnis nach mehr Anonymität für ein Zwischenjahr nach New York. Diese fand er zwar nur bedingt, dafür blieb er letztendlich ganze sechs Jahre im Big Apple und heiratete 1999 kurz vor der Rückkehr in die Schweiz seine heutige Frau Niccel. Seither ist Steinberger auch wieder auf der Bühne zu sehen. Die anfänglichen Lesungen zu seinem ersten Buch wandelten sich immer mehr zu einem Kabarett-Programm und mündeten schliesslich in seiner aktuellen Show «Drei Engel!». Seit jungen Jahren war Steinberger immer ein engagierter und viel beschäftigter Mensch. Er führte ein Kleintheater und ein Studiokino, half dem Circus Roncalli kurz vor dem Bankrott aus der Patsche, gründete mit seiner Frau einen eigenen Verlag, veröffentlichte ein weiteres Buch über seine Zeit in New York und wurde überhäuft mit Lorbeeren und Auszeichnungen für sein Schaffen. Zum 75. Geburtstag ernannte seine Heimatstadt Luzern ihn zudem zum Ehrenbürger. Sein derzeitiges Bühnenprogramm hat er inzwischen fast 900-mal aufgeführt, doch müde ist das 81-jährige Multitalent noch lange nicht. Ab Herbst 2015 wird er mit einer Sammlung seiner beliebtesten Sketche unter dem Titel «No Einisch» auf Tour gehen. (flo)

«Emil ist eine Institution», sagt ein Besucher. Mit wenig Equipment, aber einer umso wirkungsvolleren Mimik in seinen Sketchen habe er die ganze Schweiz geprägt.
Dabei ist die Figur Emil doch schon vor über 20 Jahren in den Ruhestand getreten, wie Steinberger zu Beginn seines Auftritts selbstironisch erzählt. Der ehemalige Postbeamte und spätere Grafiker erzählte am Freitagabend in seinem Bühnenprogramm «Drei Engel!» nämlich Geschichten aus dem realen Leben des Emil Steinberger.

Der Wahrheitsgehalt des Erzählten stand allerdings stets auf dem Prüfstein. Steinberger kündigte zu Beginn gleich dreist verspielt an: «Einige der Geschichten sind schlicht erstunken und erlogen.» Um die wahren Geschichten aber als wahr zu kennzeichnen, halte er jeweils drei Finger in die Luft, die sogenannten drei Engel. Fast jede Anekdote hörte sich allerdings so unwahrscheinlich an, dass auch die drei Engel die Zweifel beim Publikum nicht restlos beseitigen konnten.

Die witzigen Gegebenheiten und Ereignisse, von denen Steinberger erzählt, stammen aus seiner abwechslungsreichen Karriere: Ob als Postbeamter im französischsprachigen Jura, als Gast in einem Restaurant auf seiner Deutschland-Tour oder in einem Tanzkurs in New York, wo er über sechs Jahre lebte. Gerne thematisiert er auch Absurditäten der deutschen Sprache und amüsiert sich über Verständigungsprobleme zwischen Deutschen und Schweizern.

Eine besondere Stellung im Programm nimmt die Lüge ein. Steinberger zitiert den römischen Philosophen Augustinus, nach welchem die Lüge dann erlaubt sei, wenn sie «ergötze, statt zu hintergehen». Diesem Ausspruch schickt er gleich noch ein eigenes Bonmot zum Thema Lügen hinterher: «Lügen kann man beichten, die Wahrheit muss man für sich behalten.»

Ob wahr oder falsch: Steinbergers Geschichten unterhalten und bringen die Zuhörer zum Lachen. Auch im Alter von 81 Jahren zieht er die Zuschauer mit seiner einnehmenden Mimik und schauspielerischem Können in den Bann und erhält ständig Szenenapplaus für seine cleveren Pointen. Er erzählt, liest vor, gestikuliert mit verstellter Stimme und hält immer wieder die titelgebenden drei Finger in die Luft.

An diesem Abend gibt noch ein anderer Finger zu reden. An seiner rechten Hand trägt Steinberger einen Verband um den Mittelfinger. Er zeigt ihn dem Publikum und erklärt, er habe beim Käseraffeln nicht an die Löcher im Käse gedacht und sich prompt geschnitten – die einzige Lüge, die er am Ende der Vorstellung zugibt.