Dietikon
Die Luftqualität in Dietikon lässt an einigen Strassen zu wünschen übrig

Ein Messgang durch Dietikon zeigt gute Werte. An befahrenen Strassen gibt es jedoch Handlungsbedarf, wie ein Rundgang mit dem Feinstaubmessgerät zeigt. Wo genau ist dies so?

Sebastian Schanzer
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Mit dem Feinstaub-Messgerät werden die Staubpartikel in der Luft gemessen.
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Luftqualität Lovely Test
Das Ganze wird an der Überlandstrasse gemessen.

Mit dem Feinstaub-Messgerät werden die Staubpartikel in der Luft gemessen.

Sebastian Schanzer

Der Gemeinderat Lucas Neff (GP) fährt täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Die Strecke von seiner Wohnung im Dietiker Stadtzentrum zur Fahrweid beschert ihm ein wenig Bewegung an der frischen Luft. Aber ist die Luft in Dietikon wirklich frisch? An manchen Tagen zweifelt Neff an der guten Luftqualität in der Stadt. Er ist sich sicher: «In Dietiker Cheminées und in den Schrebergärten werden immer noch Abfälle aus Garten oder privatem Haushalt verbrannt, Abfälle, die durch das Verbrennen Russ, Feinstaub und hochgiftige Abgase in die Luft abgeben.» Zwar räumt er ein, dass die Luft insgesamt immer sauberer werde; weiterhin verortet er aber in «lokal beschränkten Einzelfällen» ein Problem.

Luftverschmutzung: Hauptschuldiger ist der Verkehr

Was gemeinhin unter Luftverschmutzung verstanden wird, ist laut einem Forschungsbericht der European Respiratory Society ein komplexes Gemisch von Schadstoffen in der Luft. Nicht alle, aber die meisten davon werden vom Menschen verursacht, und nur die wichtigsten werden untersucht und durch Vorschriften eingeschränkt. In einem europäischen Industrieland wie der Schweiz sind die prominentesten Schadstoffe Ozon, Stickstoffdioxid und der Feinstaub. Für diese Stoffe gelten die Grenzwerte der Luftreinhalte-Verordnung des Bundes (LRV). Die Kantone kümmern sich mittels Massnahmeplänen um die Einhaltung der verbindlichen Verordnungen. Der Strassenverkehr ist laut dem neusten Bericht der Zürcher Umwelt Praxis für knapp die Hälfte der Stickoxid- und für ein Viertel der Feinstaubemissionen verantwortlich. Eine zweite Hauptquelle für Feinstaub bilden Feuerungen. Darunter fällt auch das Heizen, weshalb Feinstaubwerte im Winter erhöht sind. Besonders das Verbrennen von Holz verursacht viel Feinstaub- und Russpartikel.

Private Müllverbrennungen können die Luftqualität lokal durchaus verschlechtern und somit den, der die Schadstoffe einatmet, schädigen, sagt Katharina Schulthess, die im Verein Lunge Zürich für den Bereich Luft und Umwelt zuständig ist. «Für die Schadstoffbelastung einer ganzen Region machen solche Müllverbrennungen aber nur einen kleinen Teil aus.» Ein gemeinsamer Spaziergang durch Dietikon mit einem Feinstaubmessgerät bestätigt diese Einschätzung: Zwar schlägt das Messgerät an diesem Nachmittag an einzelnen Stellen auf Werte über der in der Luftreinhalte-Verordnung des Bundes (LRV) definierten Grenzwerte aus. Im Jahresmittel liegen die meisten Gebiete auf Dietiker Boden jedoch — wenn teils auch nur knapp — unter dem kritischen Wert.

Gute Luft am Stadtrand

Dabei gibt es aber starke Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtteilen. Mit 10-15 mm2/cm3 zeigt das Messgerät im Fondli und um die benachbarte Sportwiese erwartungsgemäss eine tiefe Feinstaubbelastung an. Im Durchschnitt weisen Gebiete am Stadtrand mit wenig Verkehr 11 mm2/cm3 auf, erklärt Schulthess. Auch bei den angrenzenden Schrebergärten war kein übermässiger Feinstaub, wie er etwa durch Müllverbrennung entstehen könnte, auszumachen.

Beim Messspaziergang weist Schulthess darauf hin, dass die gelegentlichen Schauer am frühen Nachmittag wohl viele Feinstaubpartikel aus der Luft auf den Boden geholt haben. Wirft man jedoch einen Blick auf die Karten des Geografischen Informationssystems (GIS) Zürich, zeigt sich, dass die an diesem Nachmittag gemessenen Werte weitgehend mit den Jahresmittelwerten des Kantons von 2010 übereinstimmen: Am Stadtrand von Dietikon sind die Feinstaubwerte klar unter den verordneten Grenzwerten; die Luft ist gut.

Das Messgerät registriert jedoch gelegentlich lokale Übertretungen, etwa an der Breitistrasse, wo Bauarbeiter gerade eine Strasse aufreissen. Die Abgase des Presslufthammers erhöhen mit den Aufwirbelungen von Staubteilchen die Werte aus vier Metern Entfernung auf über 3000 mm2/cm3. Das ist das 40-fache einer stark befahrenen Strasse wie etwa beim Bellevue in Zürich, erläutert Schulthess. Solch hohe Werte könnten beispielsweise entstehen, wenn ein Dieselmotor ohne Partikelfilter verwendet wird. Da diese Emission aber nur punktuell und von kurzer Dauer ist, falle sie für die Luftqualität der weiteren Umgebung nicht ins Gewicht.
Konstantere Ausschläge misst Schulthess Richtung Zentrum. Der allgemeine Durchschnitt für mittelstark befahrene Strassen in der Innenstadt liegt bei 28 mm2/cm3, erklärt sie. An der Bremgartnerstrasse kommt es deshalb erwartungsgemäss immer wieder zu grösseren Ausschlägen durch vorbeifahrende Lieferwagen. Diese, und das allgemein grössere Verkehrsaufkommen in der Innenstadt machen sich auch auf der GIS-Karte in Form eines erhöhten Jahresmittelwertes bemerkbar, der aber noch knapp unter dem Grenzwert der Luftreinhalte-Verordnung liegt. Die Luftqualität ist hier, wie im grössten Teil des Limmattals in Ordnung.

Hohe Werte bei Glanzenberg

Anders sieht es jedoch rund um den Bahnhof Glanzenberg aus. Entlang der Zürcherstrasse bis zur Bahnhofstation zeigt das Messgerät konstant erhöhte Werte mit einzelnen Ausschlägen bis zu 500 mm2/cm3. Dort verkehrten überdurchschnittlich viele Lieferwagen und LKWs. Insbesondere beim Bahnhof selbst bleiben die Werte über längere Zeit erhöht; auch der GIS-Jahresmittelwert überschreitet hier die kritische Grenze. «Ein möglicher Grund dafür könnte fehlende Luftzirkulation und der Transport von Schadstoffen hin zu dieser Senke sein», sagt Schulthess. Ein weiterer Grund dürfte die Autobahn sein: Ebenfalls zu hohe Werte zeigt die GIS-Karte für die ganze Strecke entlang der Autobahn von Zürich über das Limmattaler Kreuz, bis nach Dietikon.

Akute und chronische Folgen

Auch im Zentrum von Schlieren, um die Zürcher-, beziehungsweise die Badenerstrasse, werden die Jahresmittel-Grenzwerte überschritten. Menschen, die dort wohnen, sind einer höheren Schadstoffbelastung ausgesetzt. Das kann schwere Folgen haben, wie Nino Künzli, Präsident der eidgenössischen Kommission für Lufthygiene (EKL), erklärt. Zwar gebe es noch zu wenig Studien, die genau belegen, wie jemand auf die Schadstoffe reagiere. «Die Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die menschliche Gesundheit zu messen, erfordert grosse und lang dauernde Studien.» Klar belegt sei heute aber, dass Schadstoffe in der Aussenluft auch in der Schweiz Krankheit und vorzeitigen Tod verursachen.Unter akuten Folgen leiden laut Künzli etwa Asthmatiker. Die Luftverschmutzung kann bei ihnen Anfälle auslösen. Bei Personen mit Herzkrankheiten steige mit der Luftschadstoffbelastung auch das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Wichtiger als die akuten Folgen sind laut Künzli aber die Langzeitfolgen der täglichen Belastung. Luftverschmutzung fördert, ähnlich wie das Rauchen, chronische Krankheiten wie Lungenkrebs oder Arterienverkalkung.

Kantonale Massnahmen

Dennoch will Künzli nicht die Alarmglocke läuten. Die Belastungssituation habe sich in der Schweiz dank nationalen und internationalen Massnahmen in den vergangenen Jahren verbessert. Auch der Kanton Zürich ist zum Schutz seiner Bevölkerung dazu verpflichtet, seinen Massnahmeplan Luftreinhaltung umzusetzen. In ihm sind zum Beispiel Massnahmen in den Bereichen Verkehr und Feuerungen festgehalten. So fördert der Kanton beispielsweise emissionsmindernde Technologien: Wer mit seinem Fahrzeug weniger Abgas produziert, zahlt weniger Motorfahrzeugsteuer. Durch raumplanerische Massnahmen soll zudem die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel für die Bevölkerung attraktiver sowie Massengüter bei grossen Baustellen mit der Bahn transportiert werden. Ferner verbietet der Kanton die Verbrennung von Gartenabfällen in den Wintermonaten und erlässt Emissionsvorschriften für gewerbliche Holzfeuerungen.

Zurzeit befindet sich zudem eine Teilrevision des Massnahmeplans von 2009 in Vernehmlassung, wie Valentin Delb, Abteilungsleiter Lufthygiene im Zürcher Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL), auf Anfrage erklärt. Die Vernehmlassung läuft noch bis zum 30. September.

Mit einem Massnahmeplan alleine sei es aber noch nicht getan, gibt Künzli zu bedenken. «Die Massnahmen werden nicht in allen Kantonen gleich aktiv umgesetzt», sagt er. Ohne konsequente Umsetzung der Luftreinhaltepläne werde es nicht gelingen, die Bevölkerung und besonders jene Menschen, die entlang der viel befahrenen Strassen wohnen, vor den Folgen der Luftverschmutzung zu schützen. «Luftreinhaltepolitik bleibt entsprechend dem Umweltschutzgesetz nach wie vor aktuell. Ein Hauptaugenmerk muss dabei weiterhin auf die Strassen und den Verkehr gerichtet werden», sagt er.