Dietikon

Die Limmattaler Bunker haben viel zu erzählen: Berner dreht Film über den Zweiten Weltkrieg

Stephan Tschanz folgte den Spuren des Zweiten Weltkriegs im Limmattal – daraus hat der Berner einen Film gemacht. Im knapp 20 Minuten langen Streifen, der bald im Ortsmuseum Dietikon gezeigt werden soll, dreht sich alles um die Bunker der Limmatlinie.

Der Üetliberg ist vieles: Ausflugsziel, Naherholungsgebiet, aber auch ein stummer Zeuge einer Zeit, als in Europa Krieg herrschte. Noch heute finden sich auf und um den Zürcher Hausberg verschiedene Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Anlagen waren Teil der Limmatlinie, einer Verteidigungslinie, die zur Sicherung des Mittellandes gegen einen gegnerischen Einfall von Norden her dienen sollte. Sie erstreckte sich von Sargans über den Walen- und Zürichsee bis zum Gempenplateau und wurde von den Soldaten in Anlehnung an das französische Verteidigungssystem, die Maginot-Linie, Mag-i-­no-ko-Linie genannt.

Denselben Namen trägt auch der Titel eines jüngst erschienen Films von Stephan Tschanz. In seinem rund 20 Minuten langen Werk, das auf seinem Youtube-Kanal «Made by Tschanz» und auf der Website des Stadtvereins Dietikon angeschaut werden kann, ist der Berner Hobbyfilmer den Spuren der Limmatlinie im Raum Zürich gefolgt.

Zusammen mit seinen 11- und 13-jährigen Söhnen führte ihn der Weg vom Üetliberg über die Stadt Zürich bis nach Dietikon. «Ursprünglich wollte ich nur einen Film über die Bunker auf dem Üetliberg machen», sagt Tschanz. Auf die Anlagen gestossen sei er durch die Ausstellung «111 Bunker», die von Ende 2018 bis Anfang 2019 im ZAZ Zentrum Architektur Zürich gezeigt wurde.

Hilfe von der Militärhistorischen Gesellschaft erhalten

«Als ich mit meinen Söhnen das erste Mal auf den Üetliberg gefahren bin, war die Enttäuschung gross. Wir fanden zwar verschiedene Bunker, doch sie waren verschlossen», so Tschanz. Hilfe fand er schliesslich bei Christian Egloff von der Militärhistorischen Gesellschaft des Kantons Zürich. Dieser führte Tschanz und seine Söhne durch Bunker im Raum Uitikon. «Je vertiefter ich mich mit dem Thema auseinandersetzte, desto mehr wurde mir bewusst, dass es in der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs zwei Äras gab. Jene der Limmatlinie und jene des Reduit», sagt Tschanz.

Denn nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich im Jahr 1940 entstand für die Verteidigung der Schweiz eine völlig neue Situation. Die Armee zog sich ins Reduit im Alpenraum zurück. Die Limmatlinie hatte ihre Bedeutung verloren. «Die Limmatlinie wurde unter grossem Aufwand und unter hohem Zeitdruck erstellt. Und dann wurde sie plötzlich zurückgelassen.

Das wollte ich dokumentieren», sagt Tschanz. Sein Weg führte ihn deshalb zunächst in die Stadt Zürich, wo ihm das Tiefbauamt Einblick in die Bunkeranlage bei der Quaibrücke gewährte. Von da ging es weiter nach Dietikon. «Auf die Geschichte des Dorfes im Zweiten Weltkrieg bin ich per Zufall gestossen», so Tschanz. Das damals rund 6000 Einwohner zählende Dorf wurde wegen seiner strategischen Bedeutung zur Festung ausgebaut. Zeitweise waren über 5000 Soldaten vor Ort, um die Arbeiten voranzutreiben.

Das Schicksal von drei amerikanischen Piloten

Unterstützt wurde Tschanz bei seinen Dreharbeiten im heutigen Bezirkshauptort von Mitarbeitern des Ortsmuseums. Sie ermöglichten es ihm, in den beiden Bunkern Zentralschulhaus und Vogelau zu drehen, in denen je eine Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg untergebracht ist. Auch auf dem Pausenplatz des Zentralschulhauses, der damals vornehmlich dem Militär diente, sind Szenen entstanden.

Als Gegenleistung hat Tschanz einen separa­ten, rund zehnminütigen Film für den Stadtverein Dietikon realisiert, der von der Kernbefestigung im Dorf handelt. Dabei erzählt der Autor aus dem Off auch vom Schicksal jener drei amerikanischen Piloten, die mit dem Fallschirm in der Nähe der Festung landeten, nachdem ihr Bomber von der Fliegerabwehr getroffen wurde. Ergänzt werden die Filmaufnahmen mit alten Bildern aus dem Ortsmuseum, die die Festungsbauwerke in Dietikon zeigen.

Der Film soll im Ortsmuseum gezeigt werden

In Dietikon freut man sich über das Werk. «Stephan Tschanz hat eine Gabe, diese Geschichte spannend zu erzählen», sag Regula Stauber, Leiterin des Ortsmuseums. Für sie sei es wichtig, dass Teile der damaligen Anlage immer noch stehen, damit man nicht vergesse, was einmal war. Es sei auch spannend zu sehen, wie jemand, der Dietikon zuvor nicht kannte, die Geschichte erzählt. Deshalb wolle man den Film schon bald auch im Ortsmuseum zeigen, sagt Stauber. Interesse daran sei vorhanden.

Das Interesse von Tschanz an Bunkeranlagen wurde auf gemeinsamen Ausflügen mit seinen beiden Söhnen geweckt. «Um diese kurzweiliger zu gestalten, haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, Höhlen oder Bunker aufzuspüren», sagt er. Irgendwann habe es ihn gepackt und er habe sich immer stärker mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt. Später habe er dann begonnen, zu filmen und entsprechende Ausbildungen zu machen. So habe das eine zum anderen geführt.

An Bunkeranlagen fasziniert ihn unter anderem deren bauliche Qualität. «Ich staune immer wieder über diese Bauten. Sie wurden vor rund 80 Jahren erstellt und stehen immer noch», sagt Tschanz. Aber auch das Grauen, das mit solchen Anlagen verbunden ist, übe eine gewisse Faszination aus. «Wenn ich in einem Bunker bin, stelle ich mir oft die Frage, was wäre geschehen, wenn die Soldaten wirklich hätten schiessen müssen», so Tschanz. Auch die Vorstellung, dass etwa Zürich für die Vereidigung des Landes geopfert worden wäre, sei verrückt. Das sei ihm beim Besuch im Bunker an der Quaibrücke bewusst ­geworden.

In Dietikon wiederum habe er sich gefragt, was die Menschen dort gedacht haben mögen, angesichts des massiven Eingriffs in das Dorfleben. «Man fragt sich auch, welche Ängste die Leute aushalten mussten», sagt Tschanz. Auch vor dem Hintergrund des zeitlichen Drucks, der beim Bau der Festung angesichts der Gefahr aus Deutschland auf den Menschen lastete, und der Frage, schaffen wir das noch – oder eben «Mag i no ko»?

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