Dietikon

Die Limmattalbahn und das Coronavirus: kein einfaches Spiel für «Spiel & Hobby»

Kleine spezielle Geschäfte wie ihres verleihen Dietikon Charakter und Identität, glaubt Heidi Fluor.

Kleine spezielle Geschäfte wie ihres verleihen Dietikon Charakter und Identität, glaubt Heidi Fluor.

Der Dietiker Spielwaren- und Bastelladen ist ein Paradies für Gross und Klein – und er ist die Herzensangelegenheit von Geschäftsinhaberin Heidi Fluor. Doch nicht nur die Veränderungen im Detailhandel fordern sie heraus.

Als wenn der Spiessrutenlauf von Eltern und Grosseltern zwischen den rot-weissen Balken hindurch und die Fahrt ins Stadtzentrum von verunsicherten Göttis und Tanten, um ein Geschenk für ihre Nichten und Neffen einzukaufen, nicht genug wären: Jetzt ist das Coronavirus da und mit ihm der fast komplette Stillstand im Detailhandel.

«Wie bei den meisten Non-Food-Läden hiess es auch bei uns am 16. März: Laden dichtmachen und abwarten», erinnert sich Heidi Fluor. «Das war ein Schock. Die Kosten bleiben, doch die Einnahmen fallen weg – das macht schon Angst.»

Der «Spiel & Hobby» ist Fluors Herzensangelegenheit. Sie setzt sich stets mit Verve dafür ein, dass der Laden läuft. Auch jetzt, wo Corona-­bedingt niemand das Geschäft betreten darf, weiss sie sich zu helfen und sorgt dafür, dass bestellte Waren dennoch zu ihren neuen Besitzern finden. «Auf Facebook und Whatsapp habe ich signalisiert, dass Bestellungen abgeholt werden können. Das Angebot wird häufig genutzt», sagt sie. Man vereinbart einen Termin und findet sich vor dem Laden ein. Kurz vorher stellt Fluor die Sachen vor die Glastür, inklusive dem Zahlungsterminal für Maestro- oder Kreditkarten. «Kontakt zu den Kundinnen und Kunden gibt es nur visuell. Sie bleiben draussen, ich bleibe drinnen.»

Eine zweite Variante, um Spielwaren und Geschenke auszuhändigen, funktioniert per Lieferdienst an die Wohnadresse. Hier werden die Sachen in den Briefkasten oder vor die Tür gestellt, die Bezahlung erfolgt per heruntergeworfenes Couvert mit dem korrekten Betrag drin. «Das basiert natürlich auf Vertrauen, aber ich habe nur gute Erfahrungen gemacht.» Sowieso spüre sie grosse Solidarität bei der Kundschaft. «Viele unterstützen und motivieren mich, weiter zu machen», sagt Fluor.

Die Probleme stehen vor der Tür

Sie sei optimistisch, sagt sie. Obwohl ihr bewusst sei, dass nach dem Ende dieser Krise die Probleme von früher – also vor dem Coronavirus – genauso vor der Tür stehen werden. Und sie stehen wortwörtlich vor der Tür, in der Form von fehlenden Parkplätzen, lautem Baulärm und beschwerlichem Zugang. Wer zu Fuss zum Fachgeschäft gelangen will, findet den Weg.

Mit dem Auto gehts auch, aber die Kundinnen und Kunden müssen mit dem Weg vertraut sein. «Wir verfügen über einen Parkplatz direkt vor unserem Laden an der Zürcherstrasse, in Fahrtrichtung Schlieren gleich nach der Bushaltestelle. Man muss aber achtsam sein und schnell reagieren, sonst fährt man am Platz vorbei», sagt Fluor, Geschäftsinhaberin und Spielzeugfachfrau aus Leidenschaft. «Weitere Parkmöglichkeiten gibt es zudem hinter dem Gebäude.»

Ein Parkplatz direkt vor dem Geschäft: Nicht alle Kunden finden ihn.

Ein Parkplatz direkt vor dem Geschäft: Nicht alle Kunden finden ihn.

Heidi Fluor hat vor 17 Jahren ihren Traum realisiert und das Spielzeugparadies übernommen – mit viel Enthusiasmus und Engagement, bis heute. Der Laden befindet sich seit 1975 am gleichen Ort. «Ich bin überzeugt: Ein solches Geschäft gehört zu Dietikon. Es verleiht der Stadt Charakter und Identität.» Tatsächlich bleiben die Kundinnen und Kunden treu. Viele von ihnen streiften schon als Kinder durch die gefüllten Gestelle mit hochwertigen Spielwaren, Figuren, Bastelsachen, Puzzles und vielem mehr. «Wir reagieren gerne auf neue Wünsche und Bedürfnisse.» Trotz Onlinehandel und Grossisten seien Fachwissen, persönliche Beratung, Qualität und Vielfältigkeit gefragt. Darauf ist Fluor stolz. «Wir bilden auch regelmässig Lernende aus und bieten Arbeitsplätze.»

Viele Kunden kommen mit dem Auto

Vor dem Auftreten des Coronavirus war der Umsatz im Laden bereits um mehr als 20 Prozent gesunken – unter anderem, aber nicht nur wegen des Baus der Limmattalbahn. «Tatsächlich ist ein grosser Teil unserer langjährigen Kundschaft oft mit dem Auto unterwegs. Viele trauen sich, wegen der Baustelle generell nicht mehr ins Dietiker Zentrum zu fahren», sagt Fluor. Dabei sei die Situation mit den zwei Grosskreiseln gar nicht so schlecht, betont sie. Denn grundsätzlich fliesse der Verkehr flüssig und zumindest tagsüber sei die Zufahrt einigermassen übersichtlich.

Alleine die intensiven Bauarbeiten für den schwierigen Stand von Fachgeschäften im Dietiker Zentrum verantwortlich zu machen, liegt Fluor fern. Ein verändertes Konsumverhalten der Kundschaft trage ebenfalls zur Marktsituation bei. Dennoch ist sie überzeugt, dass man mit Massnahmen den Ladenbetreibern unter die Arme greifen könnte.

Forderungen nach einer Informationskampagne

«Wieso informiert man die Bevölkerung in Dietikon und vor allem im Grossraum Limmattal nicht deutlicher, dass man trotz Bauarbeiten problemlos mit dem Auto in die Stadt fahren kann? Und warum zeigt man nicht, wo sich die Parkplätze und Parkhäuser befinden? Es gibt doch genug freie davon – man muss es nur wissen.» Dafür könnte man doch eine grosse Kampagne starten, mit Plakaten, Inseraten und Hinweisen in der ganzen Region und mit klaren Informationen auf der städtischen Website, regt Heidi Fluor an. «Gleichzeitig könnte auch für die Angebote und die verschiedenen Läden geworben werden.»

Diese Aufgaben oblägen hauptsächlich den städtischen Behörden und bei den am Bau der Limmattalbahn beteiligten Parteien, ist Fluor überzeugt. Die Erschwernisse für Läden und Gewerbetreibende betreffe schliesslich die ­gesamte Bevölkerungsschicht. «Ich ­erhoffe mir in Zukunft mehr Unterstützung von offizieller Seite.» Sehr hilfreich wäre es für die lokalen Geschäfte auch, während der Bauphase von einer Mietreduktion zu profitieren, führt Fluor weiter aus. «Die Liegenschaftsinhaber sind gefordert, denn ­ihnen müsste ein langfristig lebendiges Stadtzentrum auch wichtiger sein, als kurzfristig die höchstmögliche Rendite herauszuholen.»

Heidi Fluor hat nicht die Absicht, die Flinte ins Korn zu werfen. Denn «Spiel & Hobby» brauche es in Dietikon, auch wenn die Bedingungen nicht einfach sind. «Wir fühlen uns wie Asterix und Obelix, die sich gegen alle und alles wehren müssen. Nur fehlt uns der Zaubertrank dazu.»

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