Beatrice Rätz konnte es kaum glauben, als die Limmattaler Zeitung sie am 12. Dezember per Telefon informierte, dass die Leserinnen und Leser sie und ihren Ehemann Charles Rätz mit total 211 Stimmen zu den Limmattalern des Jahres gewählt hatten. Seither sind zwei Wochen vergangen. Die Rätzens waren bereits wieder auf den Urdorfer Strassen unterwegs, um diese von Müll zu befreien, dessen sich andere achtlos entledigt hatten, seien es Zigarettenkippen oder Radkappen.

Im Interview bei sich zu Hause an der Birmensdorferstrasse erzählt das Paar, wie das Dorf seit der Auszeichnung noch euphorischer auf ihr Engagement für ein sauberes Urdorf reagiert. Zudem verraten die Rätzens, wem sie selbst ihre Stimme gegeben hätten.

Beatrice und Charles Rätz, unsere Leserschaft hat Sie zu den Limmattalern des Jahres 2016 gewählt. Was hat sich dadurch für Sie geändert?

Beatrice Rätz: Also zuerst möchten wir uns bei allen bedanken, die für uns gestimmt haben. Wir erhalten täglich Gratulationen, das ist genauso schön wie die Wahl. Auf der Strasse sprechen uns auch viele fremde Leute an, die sich freuen, uns jetzt dank der Zeitung und der Auszeichnung kennengelernt zu haben.

Zuvor hat sich wohl der eine oder andere gefragt, was das für zwei sind, die freiwillig auf Müllsammeltour gehen. Wie war nun Ihre erste Tour nach der Auszeichnung?

Beatrice Rätz: Einfach nur eine grosse Freude. Es sprechen uns wirklich sehr viele Menschen an. Autofahrer hupen, wenn sie vorbeifahren, oder halten den Daumen aus dem Fenster oder halten an, um uns etwas zuzurufen und zu gratulieren.

Charles Rätz: Einer hat uns sogar nach einem Autogramm gefragt.

Beatrice Rätz: Ich habe ihm dann gesagt, dass wir dann schon noch eine offizielle Autogrammstunde machen, aber erst nach der Weihnachtszeit. Das war natürlich nur eine Kalberei.

Charles Rätz: Und als ich kürzlich bei einem Kollegen im Auto sass, mussten wir vor einem Rotlicht warten. Da meinte er, das dürfe doch nicht sein, wenn er einen Prominenten auf dem Beifahrersitz hat.

Die Auszeichnung bietet also auch Gelegenheit für den einen oder anderen Spruch. Können Sie denn noch ungestört im Spitzacker einkaufen gehen?

Beatrice Rätz: Zurzeit nicht, wir werden stets angesprochen. Aber das stört uns gar nicht, sondern freut uns. Es ist schön, wenn unsere Arbeit geschätzt wird und wir den Leuten eine Freude machen können. Aber keine Angst, wir bleiben auf dem Boden und machen weiter wie bisher. Die Müllsammeltour machen wir ja auch für unsere Gesundheit. So haben wir regelmässig Bewegung. Die Urdorfer Strassen sind unser kostenloses Fitnesscenter.

Die Gemeinde hat Sie ja von Anfang an unterstützt, indem sie Ihnen zum Beispiel die Greifzangen und Gebührensäcke zur Verfügung stellt. Haben Sie von der Gemeinde auch nach der Auszeichnung etwas gehört?

Beatrice Rätz: Ja, die Gemeinde hat uns gratuliert und sogar ein Überraschungsgeschenk gemacht. Auch die Gemeindepräsidentin Sandra Rottensteiner hat sich für unseren Einsatz bedankt. Das hat uns auch sehr gefreut.

Hätten Sie trotzdem noch einen Wunsch an die Gemeinde Urdorf?

Beatrice Rätz: Wir sind zufrieden mit der Gemeinde. Wobei, mit dem Strassenputzwagen der Werkabteilung würde ich gerne auch mal fahren. Ich mag schwere Maschinen, früher war ich oft mit dem Töff unterwegs.

Warum haben Sie damit aufgehört?

Beatrice Rätz: Das war nicht freiwillig. Meine linke Hand ist teilweise gelähmt. Meine Schulter war mal ausgerenkt, als ich zu Fuss sehr unglücklich gestürzt bin. Danach wurde ich dann falsch behandelt. Aber das ist eine lange, andere Geschichte.

Charles Rätz: Als der Arzt damals mehrfach versuchte, die Schulter wieder einzurenken, musste Beatrice laut schreien. Da war mir klar, dass etwas nicht stimmen kann. Denn sie ist eine sehr starke Frau.

Beatrice Rätz: Und er macht bei all meinen verrückten Ideen mit. Nachdem ich die Steelband Calaloo gegründet hatte, begann er zum Beispiel auch Steeldrum zu spielen.

Wieso waren Sie von der Auszeichnung als Limmattaler des Jahres eigentlich so überrascht?

Beatrice Rätz: Ich hätte das einfach nie im Leben erwartet. Natürlich haben wir unseren Bekannten auch gesagt, Sie sollen uns doch ihre Stimme geben. Und natürlich haben wir in Urdorf schon gemerkt, dass die Leute unsere Tätigkeit gut finden. Aber die Flüchtlingshelferin Vanja Crnojevic aus Schlieren war ja schon mehrmals im Fernsehen und auch Priorin Irene ist sehr bekannt. Gegen zwei so prominente Frauen haben wir uns keine grosse Chancen ausgerechnet.

Das Ehepaar Rätz lebt seit 50 Jahren in Urdorf.

Das Ehepaar Rätz lebt seit 50 Jahren in Urdorf.

Für wen hätten Sie selbst gestimmt?

Beatrice Rätz: Also, was Priorin Irene geleistet hat, das fand ich schon sehr beeindruckend. Und sie hatte ja nur eine Stimme weniger. Ich würde eigentlich gerne mal mit ihr zusammensitzen.

Charles Rätz: Ich hätte meine Stimme vielleicht dem Dietiker Ernst Scherrer gegeben, der mit Flüchtlingen spazieren geht und ihnen die Schweiz erklärt. Wenn die Leute schon hier sind, ist es richtig, ihnen dabei zu helfen, sich zu integrieren. Das macht es für alle einfacher. Aber auch vor Priorin Irene habe ich sehr grossen Respekt.

Sie wären ja froh, wenn Ihnen noch jemand helfen würde. Hat Ihnen nun schon jemand angeboten, mit Ihnen auf Putztour zu gehen?

Beatrice Rätz: Leider nicht. Zurzeit sind es ja wir zwei und dazu noch eine Bekannte von uns. Diese könnte dann ihre Strassen auch im Zweier-Team vom Abfall befreien, wenn wir noch jemanden hätten. Dann ist man nämlich doppelt so schnell, wenn sich eine um die rechte Strassenseite und der andere um die linke Strassenseite kümmern kann.

Haben Sie eigentlich sonst schon mal etwas gewonnen?

Beatrice Rätz: Eben genau nicht, darum freue ich mich noch mehr über die Auszeichnung. Wissen Sie, ich habe schon oft bei vielen Wettbewerben mitgemacht, aber nie etwas gewonnen. Und jetzt das!

Sie haben das hehre Ziel, aus Urdorf die sauberste Gemeinde des Limmattals zu machen. Hat Ihre Arbeit schon einen längerfristigen Effekt?

Beatrice Rätz: Letzte Woche haben wir wieder einen 100-Liter-Abfallsack gefüllt. Als wir mit dem Müllsammeln begonnen hatten, war das immer so. Zuletzt reichte aber häufig auch ein 60-Liter-Sack. Das ist schon ein Zeichen dafür, dass der eine oder andere sein Verhalten geändert hat. Man muss sich ja nur ein bisschen zusammenreissen, um keinen Müll auf die Strasse zu werfen.

In einem Jahr können die Leser dann Ihre Nachfolgerin oder Ihren Nachfolger bestimmen. Bis es soweit ist: Was hält das kommende Jahr für die Limmattaler des Jahres 2016 bereit?

Charles Rätz: Wir freuen uns jetzt schon auf das Jahr 2017. Es hält für uns einige spezielle Zahlen bereit. Zum einen wird Beatrice 75 Jahre alt, zum anderen sind wird dann seit 57 Jahren verheiratet. Und schliesslich feiern wir im Mai dann auch noch den 20. Geburtstag unserer Steelband Calaloo. Da veranstalten wir dann ein grosses Jubiläumskonzert in Urdorf. Wir sind bereits am Proben.