Bergdietikon
Die Lehrerin wurde zur Kollegin: Ihre Kunst könnte aber nicht unterschiedlicher sein

Gardi Kissling und Helga Kaufmann teilen ein Atelier und eine lange Freundschaft. Unterschiedlicher könnte ihre Kunst aber nicht sein.

Franziska Schädel
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Bergdietikon Atelier
6 Bilder
Beton symbolisiert die Männerwelt
Viel Arbeit bis alles perfekt ist
Helga Kaufmann lässt sich von der Natur inspirieren.
Natur und Abstraktion
Gardi Kissling mit ihren «Wächtern»

Bergdietikon Atelier

Franziska Schädel

Geschäftiges Treiben herrscht im Bergdietiker Gemeindehaus. Helga Kaufmann steht auf der Leiter und misst: Hängt das Bild zu hoch oder doch noch etwas zu tief? Gardi Kissling prüft mit kritischem Blick, ob ihre Installation aus Beton auch fest an der Stellwand verankert ist. Eine mannshohe Stele wird noch etwas vorgeschoben, ein Bild gerade ausgerichtet. Es gibt noch viel zu tun, bis alles bereit ist für die Vernissage.

Die beiden Künstlerinnen, deren Werke noch bis Ende Juni im Gemeindehaus zu sehen sein werden, verbindet eine lange Freundschaft. «Gardi Kissling hat mich auf meinem Weg künstlerisch begleitet, seit ich vor langer Zeit bei ihr einen Seidenmalkurs besucht habe», erzählt Helga Kaufmann. «Alles, was ich kann, habe ich bei ihr gelernt.» Gardi Kissling ist sichtlich stolz auf dieses Kompliment, will dieses aber nicht so stehen lassen: «Helga Kaufmann hat sich schon längst zu einer selbstständigen Künstlerin mit einer unverwechselbaren Handschrift gemausert», schmunzelt sie. «Ich vermittle meinen Schülern die Technik und lehre sie, genau hinzuschauen. Bei der Umsetzung ihrer Ideen beeinflusse ich sie aber nicht.»

Die beiden Künstlerinnen teilen sich ein Atelier. Der kreative Prozess von der Idee bis zum Werk könnte aber unterschiedlicher nicht sein. Die Bergdietikerin Helga Kaufmann findet ihre Inspirationen im Wald, beim Spazieren oder oft auch in Leserbildern der Limmattaler Zeitung. Dabei entstehen Bilder von sommerlichen Blumenwiesen, die Lust auf einen Spaziergang wecken, abstrakte Farbsymphonien oder grafische Werke, auf denen auch mal ein morsches Stück Holz verarbeitet ist, das bei einem Rohrbruch zutage gefördert wurde.

Männer als Beton, Frauen als Akt

Gardi Kissling hingegen beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Frau, dem sie auf unterschiedlichste Art und durch immer andere Techniken künstlerischen Ausdruck verleiht. «Ich bin viel gereist und war oft in Ländern, wo Frauen im öffentlichen Raum nicht präsent sind, wo sie verkauft, verheiratet, versklavt werden. Aber sie sind das Rückgrat dieser Gesellschaften, vor allem auch dann, wenn die Männer wegen Kriegen oder aus anderen Gründen ihr Land verlassen», sagt Kissling. Mannshohe Wächter, wie sie ihre Stelen nennt, und Beton repräsentieren diese Männerwelt. An den Wänden hängen im Kontrast dazu sensible Aktbilder. «In jedem Akt ist eine starke Frau präsent, auch wenn ich sie oft verhüllt darstelle», sagt die Dietikerin.

Und noch etwas unterscheidet die beiden Frauen: «Helga ist eine Perfektionistin, ich hingegen bin schneller mal zufrieden mit einem Bild. In dieser Hinsicht ist sie für mich ein Vorbild», lacht Kissling.In einem sind sich die beiden Künstlerinnen einig: «Das Echo der Besucher ist für uns wertvoll und gibt uns neue Energie.» Genauso wichtig aber sei es, die eigenen Werke in einem schönen Raum ausstellen zu dürfen. Diese Voraussetzungen seien im Gemeindehaus mehr als erfüllt.

Eine weitere und letzte Ausstellung werde es im Bergdietiker Gemeindehaus noch geben, weiss Helga Kaufmann. Dann aber sei nach über 30 Jahren Schluss mit einer langen Tradition.