An Don Mareks Taufhand führte für Dietikons Italiener in den letzten 27 Jahren kaum ein Weg vorbei. Hunderte von italienischen Kindern initiierte er mit dem Ritual ins katholische Leben - «und die wissen noch alle genau, wer sie damals getauft hat», sagt der Don und lacht.

Doch nun muss er diese Aufgabe seinem Nachfolger Laurentius Bayer überlassen. Denn nach über einem Vierteljahrhundert Seelsorge für die Missione Cattolica Lingua Italia legt Don Marek sein Amt und zieht weiter nach Gossau.

Der neuen Aufgabe blickt der 63-Jährige gelassen entgegen. Wirft man einen Blick auf seine Geschichte, erstaunt das wenig. Denn durch Don Mareks Leben zieht sich der Aufbruch an neue Ufer wie ein roter Faden.

Berufung über Umwege

1950 im polnischen Danzig geboren, erlebte er die Nachwehen des 2. Weltkriegs am eigenen Leib. Als Marek Gorski - so sein Taufname - sieben Jahre alt war, zog die Familie in den Industrieort Lodz. Wo einige Jahre zuvor noch eines der grössten Ghettos des 2. Weltkriegs war, wurden nun unter miserablen Arbeitsbedingungen Textilien hergestellt.

In Lodz kam der kleine Marek nicht nur mit menschlichem Leiden in Kontakt, sondern auch mit Fremdsprachen. Diese sollten ihm später noch nützlicher werden, als sich er damals vorstellen konnte.

Über Umwege eines abgebrochenen Zoologiestudiums fand er in Warschau zum Studium der Theologie. Nach den Gründen für seinen Entscheid, sein Leben Gott zu widmen, gefragt, sagt er fast lapidar: «Es war immer meine Berufung.»

Doch nach vier Jahren dann die Sinnkrise. Auch deshalb, weil ihm der definitive Entscheid gegen eine eigene Familie schwerfiel, entschied er sich, für den italienischen Autohersteller Fiat zu arbeiten. Hier kam er erstmals in Kontakt mit italienischen Katholiken. «Die Arbeit war gut bezahlt. Doch etwas hat mir gefehlt», erinnert er sich. «Langsam, aber stetig ist die Berufung reifer geworden.»

Mit 29 zum Priester geweiht

Als sie reif genug war, ging alles sehr schnell. Die missionarische Kongregation in Rom suchte Mitglieder, Don Marek zog weiter in die italienische Hauptstadt, wo er sein Studium abschloss und mit 29 im Petersdom zum Priester geweiht wurde.

Seinen Traum, in Afrika zu missionieren, musste er nach einem Jahr im Kongo schweren Herzens begraben. Das Klima machte ihm zu fest zu schaffen, er wurde krank. Darauf wurde er in die Schweiz entsandt - in die Heiliggeistkirche in Zürich Höngg, wo er Deutsch lernte und zuletzt als Pfarradministrator waltete. Als 1986 das Angebot der Katholischen Kirche Dietikon kam, sich hier um die italienische Glaubensgemeinschaft zu kümmern, sagte er sofort zu.

Don Marek wollte von Anfang an nah bei den Leuten sein. «Es war mir wichtig, die Gemeinschaft kennen zu lernen, die Leute zuhause zu besuchen, herauszufinden, wo die Probleme liegen, um ihnen hoffentlich damit helfen zu können.»

Diese Probleme haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Mit Schrecken erinnert sich Don Marek an die Zeiten nach der Schliessung der offenen Drogenszene in Zürich. «Die vertriebenen Drogensüchtigen krochen wie Ameisen in die umliegenden Gemeinden», so Don Marek. Auch manch ein Italiener sei darunter gewesen, dessen tragisches Schicksal der Seelsorger begleitete.

Ebenso beschäftigte die italienische Glaubensgemeinschaft die Arbeitslosigkeit, ferner Schulprobleme der Kinder, die häufig auf Kommunikationsproblemen beruhten. Damals fiel auf dem Pausenplatz manch ein böses Wort; «Hau ab, du Tschingg» habe man als italienisches Kind nicht selten gehört. «Langsam herrscht gegenüber Italienern mehr Toleranz», stellt Don Marek heute erfreut fest.

Integration schrieb er gross

Dass er in Dietikon ganze 27 Jahre lang blieb, ist aussergewöhnlich. Normalerweise bliebe man bei der katholischen Kirche 10 bis 15 Jahre am selben Ort. «27 Jahre - das ist ein absolutes Phänomen», sagt er und lacht. «Doch wenn man lange bleibt, kann man etwas aufbauen.» Und aufgebaut hat er in dieser Zeit einiges.

Besonders am Herzen lagen ihm die verschiedenen Kirchenchöre, allen voran der Kinderchor mit dem klingenden Namen «Voci Bianche». Auch die Kinderlager, in denen er dem italienischen Nachwuchs die Schweiz näherbringen wollte, seien ihm wichtig gewesen. Bei alledem schrieb Don Marek den Integrationsgedanken gross; stets habe er seiner Gemeinschaft eingetrichtert: «Ihr lebt hier, also müsst ihr mit euren Mitmenschen einen Konsens finden.»

Wenn Don Marek sein Amt niederlegt, lässt er auch ein Stückchen Heimat hinter sich: «Dietikon ist mein Zuhause geworden, hier erhielt ich 1998 auch die Schweizer Staatsbürgerschaft.» Eine schöne Zeit habe er hier verlebt, sagt er, und der Abschied tut ihm auch ein bisschen weh. Das geht nicht nur ihm so: Als am vergangenen Sonntag sein Abschiedsgottesdienst gefeiert wurde, seien einige Tränen geflossen.

Das Ende seiner Zeit in Dietikon führt ihn gleichzeitig wieder zurück zu seinen Anfängen: Bevor er im Januar seine Stelle als priesterlicher Mitarbeiter in Gossau und Wetzikon antritt, wird er sich erneut dem theologischen Studium widmen.