Am 14. März grenzt das Geistlich-Areal an der Schlieremer Brandstrasse direkt an die schicken Galerien, die im Stadtzürcher Kreis 4 beheimatet sind. Dies wäre zumindest der Fall, würde man nicht auf eine Landkarte, sondern auf eine Kulturkarte blicken. Unter dem Titel «Linie 31» führen verschiedene Galerien aus dem Kreis 4 nach 2013 bereits zum zweiten Mal eine Ausstellungsaktion durch.

Zwischen Mittag und Mitternacht können die Besucher entlang der Buslinie 31 ein «Kunst-Hopping» machen, versprechen die Veranstalter. Erstmals dabei ist auch der in Schlieren ansässige Kunstraum Halle.li. Unter dem Motto «Hold the Line, please» werden dort 27 Kunstschaffende ausstellen und Performances bieten. Der hippe Kreis 4 und Schlieren machen somit erstmals gemeinsame Sache, es ist nicht der erste Schulterschluss über die Gemeindegrenzen hinweg.

Die Gründe für die Beliebtheit Schlierens in der Kunstszene liegen auf der Hand. In der Stadt Zürich sind bezahlbare Atelierflächen ein rares Gut. Die bauliche Aufwertung bestehender Gebäude und die Umnutzung von brachliegenden Industriearealen machen es für Kulturschaffende zunehmend schwierig, an Räume in der City zu kommen.

Hier konnte Schlieren etwa mit Land auf dem Gaswerk-Areal für die Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB) und die Firma Geistlich mit einer Zwischennutzung für die Halle.li Hand bieten. Doch mit dem Bauboom in Schlieren geht auch hier die Zeit der Industriebrachen und Häuser für Zwischennutzungen allmählich zu Ende.

Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin ist zufrieden mit der lebendigen Kunstszene seiner Stadt. Auch er habe bereits Ausstellungen in der Halle.li besucht, die Leihgaben von AZB-Künstlern zieren den öffentlichen Raum Schlierens.

Zwar sei ihm bewusst, dass aufgrund der regen Bautätigkeit in der Region ungenutzte Brachen und leerstehende Industriehallen immer seltener würden und den Kunstschaffenden so der Nährboden entzogen wird. «Dies ist jedoch eine normale Entwicklung, wie sie jede Stadt kennt. Künstler werden immer und überall eine Nische finden, in der sie ihrer Arbeit nachgehen können», sagt er.

Unschlagbarer Mietzins

Salome Kuratli, Gründerin der Halle.li, freut sich, dass ihr noch junger Kunstraum zur Teilnahme an «Linie 31» eingeladen wurde und sich bereits in der Zürcher Kunstszene etabliert hat. Anfang 2013 bewarb sie sich bei der Firma Geistlich um einen Raum zur Zwischennutzung, seit Mai desselben Jahres ist die Halle.li Realität.

Die sechs Künstler, die dort derzeit ihre Ateliers eingerichtet haben, sind sich der Vergänglichkeit ihres Arbeitsorts bewusst. Es könnte also schon bald Schluss sein. «Dies stört uns jedoch nicht. Da die Räume etwas Einmaliges sind, nehmen wir die Ungewissheit gerne in Kauf», sagt Kuratli. Wenn Geistlich seine geplante Überbauung realisieren und die Halle, in der ihre Künstlergemeinschaft eingerichtet ist, abbrechen will, dann werde sie weiterschauen.

Eine weitaus sicherere Zukunft hat die AZB. Ihr Vertrag mit der Stadt für das Land auf dem ehemaligen Gaswerk-Areal läuft noch mindestens zehn Jahre. Dort bietet sie den 33 Mitgliedern, darunter Bildhauer und Plastiker, Arbeitsplätze.

Doch der Platz wird langsam knapp: «Wir schauen uns nach einem neuen Stück Land um, auf dem wir mehr Arbeitsflächen erstellen können», sagt Martin Senn, Vorstandsmitglied des Vereins AZB. Immer mehr Bewerber würden sich für eine Mitgliedschaft und einen Arbeitsplatz interessieren: «So viele, dass wir derzeit einen Mitglieder-Aufnahmestopp verhängen mussten», so Senn.

Da der Verein nur wenig finanzielle Mittel zur Verfügung habe, gestalte sich die Suche nach neuen Arbeitsplätzen jedoch schwierig, sagt er weiter.

Auch Stadt Zürich klopft an

Doch ist Schlieren nicht nur bei Kunstschaffenden beliebt. Auch die Stadt Zürich scheint das Potenzial der ehemaligen Arbeiterstadt entdeckt zu haben. Im vergangenen Sommer gab die Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) des Zürcher Tiefbauamtes bekannt, dass man das Kunstfestival «Art and the City» gerne bis nach Schlieren ausweiten würde.

Weil «Art and the City» fast zeitgleich wie das Schlierefäscht stattfindet lehnte Schlieren eine Teilnahme jedoch ab. Auch die Kosten – ein Beitrag zwischen 180 000 und 250 000 Franken hätte dafür entrichtet werden müssen – spielten dabei eine Rolle.

Derzeit sind nicht viele neue Brachen in Sicht, auf der sich Kunstschaffende austoben könnten. Einzig die grossen Hallen der NZZ-Druckerei werden voraussichtlich Mitte Jahr frei. Dann wird dort der Betrieb eingestellt. «Welche Nutzung im Anschluss dort geplant ist, ist mir nicht bekannt», sagt Brühlmann.

Er schlägt jedoch vor, dass sich interessierte Kunstschaffende direkt bei der NZZ melden.


Für Salome Kuratli ist die NZZ-Druckerei als nächstes Zwischennutzungsprojekt viel zu gross: «Um aus einer nackten Halle einen funktionierenden Arbeitsraum zu schaffen, braucht es viel Schweiss und Herzblut», sagt sie. «Man müsste als Erstes eine interessierte Trägerschaft bilden.»