Dietikon
Die Konfliktschlichter setzen auf Gespräche statt Zeigefinger

Die SIP patrouilliert in ihrer vierten Saison durch die Stadt und hat einen guten Draht zu Jugendlichen.

Flurina Dünki
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Unterwegs mit der Sip Dietikon
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Die Mitarbeiter der SIP Dietikon im Einsatz
Jeder Böötler aus Zürich legt an der Dietiker Nötzliwiese an. Einige lassen auch gerade ihr Billig-Schlauchboot dort.
Hamed Selim und Noëmi Allemann von der Sip Dietikon im Einsatz.
Noëmi Alleman spricht mit Jugendlichen auf der Nötzliwiese.
Die Jugendliche haben auch Anliegen an die Sip.
Die Mitarbeiter der SIP Dietikon im Einsatz.

Unterwegs mit der Sip Dietikon

Sandra Ardizzone

Es ist 17 Uhr, ein lauer Abend kündigt sich für Dietikon an. Gute Voraussetzungen, um sein Feierabendbier im Freien zu geniessen oder sich nach der Schlauchbootfahrt auf der Nötzliwiese beim Grillieren zu trocknen. Zeit für die Mitarbeiter von Sicherheit Intervention Prävention (SIP), Hamed Selim und Noëmi Allemann, ihre Tour zu beginnen. Die beiden Konfliktschlichter müssen dafür sorgen, dass die verschiedenen Arten, den Feierabend zu verbringen, nicht zu Streitsituationen führen.

Der Rundgang startet beim Bahnhof. Selim ist schon seit der Initiierung der SIP Dietikon im Jahr 2013 Teil des Teams und erkennt jede Person wieder, die ihm einst auf einer Tour begegnet ist. Er hat einen Mann mit einem Schnapsfläschchen erspäht, den er als Erstes ansprechen will. Der Herr, ein Stammgast am Bahnhof, sei noch nicht betrunken, weshalb man gut mit ihm reden könne. Der Mann mit der Flasche hat das SIP-Team schon gesichtet und prostet ihnen zu. Er erzählt ihnen von seinen körperlichen Gebrechen, die ihn derzeit plagen und ein paar seelischen Nöten. «Die Polizei hätte nicht die Zeit, um mit den Leuten zu sprechen», sagt Heinz Illi (EVP), Sicherheits- und Gesundheitsvorstand Dietikons. Die Fachleute der SIP hingegen hätten genau die Aufgabe, durch Gespräche den Zugang zu den Leuten zu finden.

Weniger Abfall und Lärm

Die Probleme mit Lärmstörungen und Abfall hätten die Stadt 2013 dazu bewogen, Teams der SIP versuchsweise von Mitte März bis Ende September im Zentrum und an der Limmat patrouillieren zu lassen, sagt Illi. Das Projekt zeigte Erfolg und wurde seither jährlich verlängert. Die Lage habe sich sichtbar gebessert, seit die SIP im öffentlichen Raum vermittle. « Für das laufende Jahr benötigten wir bereits weniger Patrouillenstunden von SIP Zürich und konnten von einem Budget von 30 000 auf 20 000 Franken runtergehen», so Illi. Vor einem Hinterausgang der St.-Agatha-Kirche treffen Allemann und Selim auf zwei Jugendliche, die sich gerade Joints drehen wollten. Erst wollen die beiden Ertappten gar nicht reden.

Schliesslich entwickelt sich doch noch ein Gespräch, in Laufe dessen die jungen Männer den Mut entwickeln, ihre Argumente einzubringen. Den meisten Passanten, die auf den blauen Gilets von Selim und Allemann die Aufschrift «SIP Dietikon» entdecken, ist im ersten Moment Skepsis ins Gesicht geschrieben. Scheinbar sind sich einige noch unsicher, ob die Vermittler Freund oder Feind sind. «Wenn wir uns einer Gruppe feiernder Jugendlicher annähern, reden wir zuerst über Gott und die Welt», so Selim. Denn ginge das Team mit moralischen Floskeln auf die Heranwachsenden zu, würden diese gar nicht erst hören.
Brennpunkt Nötzliwiese

Am Limmatufer ziehen die Böötler im 5-Minuten-Takt ihre Schlauchboote auf die Nötzliwiese. Einige packen gleich Grillsachen und Musikboxen aus. Während der Sommerzeit legen an Sonntagen laut Illi stündlich 60 Boote unterhalb der Nötzliwiese an. Die Anwohner dieses Quartiers hätten sich früher ständig über Rauch und Lärm beklagt, an Wochenenden gar bis in die Morgenstunden, so Illi. Durch die Vermittlung der SIP-Teams habe sich die Situation stark verbessert. «Wir müssen in den Gesprächen Argumente vorbringen, die den Leuten einleuchten, statt simple Verbote auszusprechen», sagt Noëmi Allemann. Die Leute würden sich schneller willig zeigen, Abfall- und Ruheregeln einzuhalten, wenn sie wüssten, dass dies ihr Verbleiben sichere. Die Jugendlichen, die auf der Wiese grillieren, verhalten sich vorbildlich. «Sogar ihren Einweggrill haben sie auf eine feuerfeste Unterlage gestellt», bemerkt Hamed Selim. Die Vierecke aus verbranntem Gras am Boden zeigen, dass nicht alle so rücksichtsvoll sind.

Um 18.30 Uhr gelangt das Team wieder zum Bahnhof. Die beiden beenden ihren Dienst aber nicht, bevor sie nochmals den Mann von vorhin ansprechen. Sie sind froh, konnten sie schon zuvor mit ihm reden. Inzwischen ist er zu betrunken. Auf diesem Rundgang gab es beim SIP-Team nur eine Beschwerde. Sie kam von einer Jugendlichen, die endlich ein Toilettenhäuschen auf der Nötzliwiese möchte.