Aesch
«Die Kinder sind heute selbstbewusster»

In den 30 Jahren, in denen Eveline Balmer schon an der Primarschule unterrichtet, hat sich viel geändert.

Flurina Dünki (Text und Foto)
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Eveline Balmer in ihrem Schulzimmer im Aescher Schulhaus Nassenmatt.

Eveline Balmer in ihrem Schulzimmer im Aescher Schulhaus Nassenmatt.

Flurina Dünki

Um an der Aescher Primarschule Nassenmatt unterrichten zu können, bewies Eveline Balmer einiges an Ausdauer. Ein dreiviertel Jahr musste sie nach der Stellenzusage auf die Fertigstellung des Anbaus warten. Wegen des damals herrschenden Lehrerüberschusses vikarisierte Balmer vorübergehend, nachdem sie 1984 vom Lehrerseminar kam.

Stelle erst nach Bauende

Im Frühling 1985 bewarb sie sich bei der Schule Aesch. Diese brauchte eine neue Lehrperson, da beim Schulhaus Nassenmatt angebaut wurde und eine Doppelklasse in zwei Einzelklassen aufgeteilt werden sollte. «Als ich die Stelle zugesagt erhielt, war der Anbau jedoch noch gar nicht fertiggestellt», erzählt die Zürcherin. Sie könne anfangen, wenn das Gebäude stehe, wurde ihr damals aus Aesch gemeldet. Wegen Bauverzögerungen sollte der Stellenantritt erst im Januar 1986 erfolgen.

Drei Jahrzehnte später zeugen ein in die Wandtafel integriertes Smartboard, ein Beamer und ein neu geschaffener Gruppenraum von den vielen Modernisierungen der Schulräume in den letzten 30 Jahren. Auch die Lehrerin ist drei Jahrzehnte älter geworden, doch strahlt sie immer noch viel Energie und jugendliche Frische aus und wirkt keineswegs abgekämpft. Selbstverständlich ist das nicht. In den letzten Jahrzehnten wurden Lehrpersonen mit Herausforderungen konfrontiert, auf die der Grossteil von ihnen in der Ausbildung nicht vorbereitet wurde. Viele scheinbar neue Phänomene werden laut Balmer aber auch nicht ganz korrekt dargestellt. «Das Stillsitzen und Ruhigsein fiel Kindern auch früher schwer, man hat sie einfach mehr auf Ruhe gedrillt als heute», sagt sie. Ruhige Kinder seien früher mit einer produktiven Schulstunde gleichgesetzt worden. Heute würde Reden in gemässigter Lautstärke toleriert, zumal neue Arbeitsformen verlangten, dass die Schüler untereinander kommunizieren.

Man versuche heutzutage, die Energie der Schüler positiv zu nutzen. So kämen Primarschüler heute neben dem Frontalunterricht, bei dem der Lehrer an der Tafel steht, während die Schüler in den Bänken sitzen, auch in den Genuss anderer Unterrichtsformen. Dazu gehört etwa der Werkstattunterricht, der wie ein Postenlauf funktioniert. Oder der Atelierunterricht, bei dem der Schüler selbstständig seine Lerndefizite aufarbeitet. «Heute sind die Kinder selbstbewusster und verteidigen ihre Meinung», beschreibt die Lehrerin ihre Beobachtungen. Auch bei Vorträgen seien sie längst nicht mehr so nervös wie früher.

Ganz einfach ist die neue Entwicklung nicht immer. Die Kinder würden sich nicht mehr so leicht zufriedengeben mit einer simplen Erklärung. So müsse der Lehrer heute ab und zu eine Diskussion abklemmen, die ins Unendliche auszuarten drohe. Die heutige multimediale Zeit bietet neue Möglichkeiten für Schüler und bedarf gleichzeitig neuer Regeln. «Das Handy muss in der Schule ausgeschaltet im Rucksack sein, sonst wird es bis zum Unterrichtsende eingezogen», betont die 54-Jährige. Zum Glück müsse diese Massnahme aber kaum je ergriffen werden. Falls mal ein Mobiltelefon im Unterricht klingle, dann gehöre dies meist einem Erwachsenen, der zu Besuch komme.

Internet wird Schulthema

Auch die Schattenseiten des Internets gehören heute zum Schulstoff. So muss die Lehrerin die Risiken der sozialen Medien regelmässig aufgreifen: «Man muss den Kindern klarmachen, dass nicht alles stimmt, was im Internet steht.» Generell würden Konflikte zwischen Schülern heute anders angegangen als in den 1980er-Jahren, wie Balmer erklärt: «Heute weiss man, dass bei ernsthaftem Mobbing frühzeitig eingegriffen werden muss.»

Die mit staatlichen Erneuerungen verbundenen Herausforderungen würden von den Lehrern heute zusätzliche Flexibilität und Anpassung verlangen, so Balmer. Manchmal würden einzelne Reformen so schnell umgesetzt, dass zu Beginn noch gar kein entsprechendes Lehrmittel vorhanden sei. Langweilig wurde es der Zürcherin in Aesch nie. «Mit neuen Schülern wird auch der Unterricht wieder völlig neu. Das gibt so viel Abwechslung in meinen Beruf, dass gar keine Langeweile aufkommt.»