Wie ein grosser weisser Legoklotz thront das Gebäude über den Fussballplätzen an den Schlieremer Bahngleisen, wenn die Sonne scheint, glitzert die Fassade. In der Kantonsapotheke, die sich dahinter versteckt, ist auch alles nigelnagelneu: Im Eingang wartet eine digitale Wandanzeige mit dem Schriftzug «Loading...» noch auf einen Inhalt, in den Produktionsräumen wird noch an Hightechgeräten geschraubt, in der Büroetage riecht es nach neu verlegten Holzböden.

Auch die rund 25 Mitarbeitenden der Kantonsapotheke, die den Weg nach Schlieren bereits gefunden haben, sind offenkundig neu hier: Noch verläuft man sich ab und an in den Gängen, löst aus Versehen mal einen Alarm aus, gelangt von der falschen Seite in die Garderobe, die auch als Trennraum zwischen verschiedenen Hygienezonen dient.

Doch das ist alles Teil des Plans. Der Vollbetrieb mit rund 80 Mitarbeitenden wird erst im Herbst aufgenommen. Genug Zeit für Leiter Andreas Hintermann und Geschäftsleitungsmitglied Heinz Obertüfer, die Kinderkrankheiten des Gebäudes zu registrieren und zu behandeln. Ein Neubau wie jeder andere ist dieser weisse Klotz nicht: Auf den sechs Geschossen sind nicht nur Verwaltungsräume, sondern auch Lager und Produktionsstätten für Medikamente untergebracht.

Gegründet als «Armenapotheke»

Bisher war die Kantonsapotheke auf vier Standorte in Zürich und Winterthur verstreut. Ihr Grundauftrag ist sicherzustellen, dass die Kantonsbevölkerung mit Heilmitteln versorgt ist. 1809 als «kantonale Armenapotheke» gegründet, ist die Kantonsapotheke zurzeit noch ein Amt der Gesundheitsdirektion, das aber bis 2019 eine eigenständige AG sein soll. Sie fungiert als Spitalapotheke des Zürcher Unispitals und des Kantonsspitals Winterthur sowie als Beliefererin und Beraterin weiterer Spitäler im und ausserhalb des Kantons. Zudem muss sie sicherstellen, dass der Kanton auch in Notlagen mit den wichtigsten Heilmitteln versorgt ist – damit ergänzt sie auf kantonaler Ebene, wofür die Armeeapotheke auf nationaler Ebene zuständig ist.

Sie springt in ihrer Rolle als Herstellerin aber auch dort ein, wo eine als wirksam erachtete Therapie den gnadenlosen Regeln des freien Markts zum Opfer fällt. Denn dort ist klar: Rentiert ein Heilmittel für die Pharmariesen nicht mehr, wird es aus dem Sortiment genommen. Hat ein Arzt mit diesem Medikament aber gute Erfahrungen gemacht und gibt es keine gleichwertige Alternative dafür, kann er dieses weiterhin bei der Kantonsapotheke bestellen. Sie stellt die gewünschten Arzneien ungeachtet des Volumens her: Im Extremfall auch einmal eine Creme für nur einen Patienten. Und das, obwohl auch die Kantonsapotheke sich selbst finanzieren muss.

Swissmedic setzte Druck auf

Neben Produkten, die im Handel nicht oder nicht mehr verfügbar sind, stellt die Kantonsapotheke auch individuelle Krebstherapien her, sogenannte Zytostatika. Diese werden normalerweise in den Spitälern selbst produziert, damit der Patient nicht lange auf sie warten muss. Denn heute ist es üblich, dass die Bestellung dafür erst aufgegeben wird, wenn der Patient im Haus ist – die richtigen Dosen hängen von allerlei individuellen und teils täglich schwankenden Faktoren wie etwa dem Körpergewicht ab.

Dieser Prozess sei aber eigentlich gar nicht bei allen Patienten nötig, sagt Hintermann, bei vielen könne man die Zusammensetzung auch im Voraus planen; dies habe eine in den letzten Monaten durchgeführte Simulation erfolgreich aufgezeigt. Doch selbst für jene Patienten, bei denen eine Vor-Ort-Bestellung weiterhin unausweichlich ist, könne man die Therapien ohne lange Wartezeit von Schlieren nach Zürich transportieren.

Die Medikamentenproduktion unterliegt strengsten gesetzlichen Vorschriften, die auch der Grund waren, wieso die Kantonsapotheke heute in Schlieren und nicht mehr wie bis anhin im Zürcher Hochschulquartier steht. Das schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic übte unter Androhung des Bewilligungsentzugs grossen Druck auf die Kantonsapotheke aus, ihre veralteten Anlagen zu erneuern. «Anders als früher muss die Kantonsapotheke heute die gleichen Sicherheits- und Qualitätsstandards erfüllen wie alle anderen Pharmaunternehmen auch», sagt Hintermann. «Und die Ansprüche werden immer höher.»

Zuerst wollte man zwar am alten Standort bauen. Dafür sprach besonders die Nähe zum Unispital, das zusammen mit dem Kantonsspital Winterthur der Hauptkunde der Kantonsapotheke ist. Doch dem haben die umfassenden Neugestaltungspläne des Hochschulgebiets einen Strich durch die Rechnung gemacht.

In Schlieren fanden die Verantwortlichen dann nicht nur unbebautes Land, sondern auch einen Partner, der ihnen beim Megaprojekt vieles vereinfachte. Die Gewerbe- und Handelszentrum Schlieren AG (GHZ) konnte der Kantonsapotheke eine massgebaute Lösung für ihre speziellen Bedürfnisse anbieten. Mit solchen Pharma-Spezialbauten hat die GHZ bereits Erfahrung: Sie hat in der Biotechno-Hochburg Schlieren auch schon für Roche, Zürcher Uni und Unispital oder ETH-Spinoffs wie InSphero, Cytos oder Covagen gebaut. Ihr zahlt die Kantonsapotheke nun einen jährlichen Mietzins von 4,9 Millionen Franken, weitere 15,7 Millionen muss sie selbst einmalig in neue Gerätschaften investieren.

Neubau in Rekordzeit

Hintermann und Obertüfer können ihre Freude über den Neubau kaum verbergen, als sie durch Gänge, Lagerhallen und Produktionsstätten führen. Nach Monaten, die für sie von ziemlich kurzen Nächten geprägt waren, sind die beiden sichtlich stolz darauf, was sie heute vorzuweisen haben: Als «modernen, flexiblen und zukunftsorientierten Neubau, der alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt», bezeichnet Hintermann die neue Kantonsapotheke, während Obertüfer besonders das «sehr durchdachte Anlagen- und Prozessdesign und die architektonische Klarheit» lobt. Viel Zeit hatten sie nicht für das Projekt: Erst im März 2014 fiel der Entscheid für den Standort Schlieren, im Januar 2015 begann der Aushub, zwei Jahre später begann bereits der etappenweise Umzug.

Noch nicht gezügelt ist die Produktion. Fast etwas gespenstisch sehen die noch leeren Glaskuben aus, die in einem sechs Meter hohen Raum angeordnet sind. Über ihnen winden sich unzählbare Zu- und Abluftrohre zu einem wohl nie mehr entwirrbaren Gebäudetechnik-Knäuel, das sich über die ganze Länge des Neubaus erstreckt. In den einzelnen Räumen, in denen man dank den Glaswänden bei Tageslicht arbeiten kann, warten verschiedene hochkomplexe Maschinen darauf, allerlei Medikamente herzustellen.

Roboter mischen Medikamente

Vieles ist hier automatisiert: Für die Krebstherapien etwa muss man nur noch die gewünschte Zusammenstellung in einen Computer eingeben, danach beginnt die Maschine zu arbeiten, am Ende entnimmt man ihr das fertige Medikament. Andernorts stehen Geräte, die an menschliche Arme erinnern und im Prinzip auch deren Funktion erfüllen. Auch putzen muss man die Maschinen nicht mehr von Hand: Man drückt auf einen Knopf und lässt das Reinigungsprogramm über Nacht laufen.

Bis die Maschinen in Schlieren surren, wird es noch eine Weile dauern. Erst müssen die Qualitätsprüfer zügeln, danach wird im Zweischichtentakt der ganze Lagerbestand nach Schlieren gebracht, dann folgt die Produktion – alles bei laufendem Betrieb. Hintermann, Obertüfer und ihre Mitarbeiter dürften also noch einige Überstunden schieben. Doch man sieht es ihnen an: Der grosse weisse Klotz ist ihnen das wert.