Es wirkt wie Zauberei, was der Geroldswiler Gemeinderat vorschlägt: Mit weniger Geld sollen die Geroldswiler Jugendlichen künftig gleich gut beraten werden. Stimmt die Gemeindeversammlung zu, tritt Geroldswil aus der Jugendberatung Blinker aus – per Ende 2018, wegen der zweijährigen Kündigungsfrist. So spart die Gemeinde ab 2019 viel Geld; denn mit dem Austritt werden die fixen Beiträge an die Jugendberatung abgeschafft, die von der Einwohnerzahl abhängig sind.


Stattdessen will die Gemeinde künftig eine Rechnung, wenn ein junger Geroldswiler die Beratung nutzt. Sie spricht das Geld dann mit einer Kostengutsprache. Das ist günstiger und entspricht dem Verursacherprinzip. Gemeinden wie Unterengstringen, die bei der Jugendberatung Blinker nicht Mitglied sind, aber das Angebot nutzen, verfahren schon heute so.


Zahlenspiele für beide Seiten


Um die Sparmöglichkeit aufzuzeigen, hilft es, die gesamten Jugendberatungskosten auf die einzelnen Beratungsstunden hinunterzurechnen: Von 150 Franken Ende der 2000er-Jahre sind diese für die Gemeinde Geroldswil auf 290 Franken im letzten Jahr gestiegen. Die Gemeinden, die heute nicht der Jugendberatung angeschlossen sind, zahlen hingegen einen fixen Tarif von rund 150 Franken pro Beratungsstunde. Dieser Betrag steht im Antrag des Gemeinderats.

Die Mitgliedsgemeinden kommen aber nicht nur für die Beratung auf, sondern für die Totalkosten. Dazu gehört etwa auch, das Angebot den Oberstufenschülern vorzustellen, Elternbildungen oder Weiterbildungen für Lehrer. Die nicht angeschlossenen Gemeinden zahlen diese Leistungen bei Bedarf separat. Und fahren besser; dank Verursacherprinzip statt Angebot à discrétion.


Dem Geroldswiler Gemeinderat sind die hohen Kosten für Mitgliedsgemeinden schon länger aufgefallen, nun will er sie nicht mehr länger hinnehmen. Blickt man weiter zurück, sind die Totalkosten der Jugendberatung Blinker für Geroldswil sogar gesunken.

Denn 2015 waren sie ein paar hundert Franken tiefer als noch 2005. Je nachdem, welche Zahlen man zum Vergleich bemüht, lässt es sich also von höheren oder tieferen Kosten sprechen. 2017 steigen sie aber sicher, unter anderem da der «Blinker» ein neues Logo erhält.


Doch wie kam es überhaupt zum Kostenmodell, das für Mitgliedsgemeinden ungerecht ist? Ueli Meier, Geschäftsführer des Sozialdiensts Limmattal, zu dem die Jugendberatung Blinker gehört, erklärt es: «Seit den Anfängen bieten wir so den nicht angeschlossenen Gemeinden die Möglichkeit, das Angebot zu testen, damit sie auf den Geschmack kommen und sich doch noch vollständig der Jugendberatung anschliessen. Leider hat das nicht funktioniert.»


Die Drohung des Sozialdiensts


Entsprechend sei bereits geplant, für die Jugendlichen nicht angeschlossener Gemeinden künftig keine Beratung mehr anzubieten, damit diese Gemeinden nicht mehr von viel besseren Konditionen profitieren. «Die Rosinenpickerei, die der Gemeinde Geroldswil sauer aufstösst und die sie nun selber nutzen will, ist also bald nicht mehr möglich», sagt Ueli Meier. Dafür müsste die Geschäftsleitung die Verträge mit den Nicht-Mitgliedsgemeinden kündigen. Sie kann dies in Eigenregie und per sofort tun, da für diese Verträge keine Kündigungsfrist gilt. Doch bis der Sozialdienst die Verträge kündigt, hat die Gemeindeversammlung vielleicht schon den Austritt beschlossen. Und ohne den bevorstehenden Austrittsentscheid wäre der Anreiz für den Sozialdienst gering, überhaupt etwas zu ändern.


Ohne Beratung wird’s sehr teuer


Eine Nachfrage bei allen Mitgliedsgemeinden zeigt, dass sich nur Geroldswil den Austritt überlegt. «Noch kein Thema» oder «steht nicht zur Diskussion» richten die Sozialvorsteher der anderen Mitgliedsgemeinden aus.


Zudem loben sie die Jugendberatung Blinker als sinnvolles niederschwelliges Angebot, mit dem man letzten Endes viel Geld spare. Denn durch die Beratung lasse es sich bei manchen Jugendlichen verhindern, dass sie in Heimen platziert werden müssen. Solche Fremdplatzierungen kosten die Gemeinden schnell hunderttausende Franken. 

Gleich argumentiert auch Kinder- und Jugendpsychologin Ursula Enderli: «Im Endeffekt sparen jene Gemeinden am meisten Geld, die ihrer Jugend unsere Beratung zur Verfügung stellen.»

Enderli kritisiert zudem die Weisung des Geroldswiler Gemeinderats, worin dieser schreibt, dass der «Blinker» sich nicht mit anderen Fachstellen austauschen könne, wegen der Niederschwelligkeit und Anonymität des Angebots. «Das stimmt einfach nicht. Jugendliche können uns von der Schweigepflicht entbinden. Wenn wir ihnen erklären, warum das in ihrem Fall sinnvoll ist, tun sie das auch meistens», sagt Enderli. «Wir haben da andere Erfahrungen gemacht», sagt der Geroldswiler Gemeindeschreiber Beat Meier dazu.


Grundsätzlich sind die Gemeinden nicht verpflichtet, eine Jugendberatung wie den «Blinker» anzubieten. Das Minimum an Jugendberatung für Jugendliche bis 18 Jahre stellt das Kinder- und Jugendhilfezentrum (KJZ) des Kantons in Dietikon sicher. «Das KJZ hilft in Notfallsituationen. Mit unserem niederschwelligen Angeboten können wir schon viel früher ansetzen», sagt Enderli. Der «Blinker» hilft zudem Jugendlichen bis 24 Jahren.


Ob Geroldswil auch nach einem Austritt 2019 den «Blinker» noch nutzen könnte, ist wegen den erwähnten Plänen des Sozialdiensts offen. Bis Ende 2018 liessen sich bessere Konditionen ausarbeiten, um Geroldswil zu einem zeitigen Neu-Beitritt zu bewegen, über den die Gemeindeversammlung entscheiden müsste. Bis Ende 2018 wird Geroldswil zudem als Mitglied mitbestimmen können. Zu möglichen Zukunftsszenarien sagt Gemeindeschreiber Meier: «Der Gemeinderat will jetzt austreten. Die Türen für neue Beitrittsverhandlungen würden aber trotz des Austritts offenbleiben.» Und er fügt an: «Zurzeit sieht es aber nicht so aus, als würden sich die Konditionen massiv verbessern.»