Limmattal vor 60 Jahren

Die Hühner zappelten im Wasser und die Fische auf der Wiese

Schwester Josefa aus dem Kloster Fahr und Rolf Stapfer aus Dietikon erinnern sich an das Hochwasser im Juni 1953, als die Limmat in Dietikon über die Ufer trat, die Dämme brechen liess und ganze Landstriche flutete.

60 Jahre - eine lange Zeitspanne, um sich zurückzuerinnern. Schwester Josefa knetet sich die Finger und überlegt. Aber ja doch, 1953 habe sie noch die Bäuerinnenschule beim Kloster Fahr besucht. «Da war ich noch fast ein Mädchen», sagt die 80-Jährige und lacht. Und dann kommen die Erinnerungen hoch. Die Erinnerungen an die Tage im Juni 1953; die Tage, in denen die schäumende Limmat die Dämme brechen liess und ganze Landstriche flutete, die Ernte unter ihren dreckig gelben Wassermassen vernichtete.

Nach tagelangen Regenfällen und heftigen Gewittern traten Ende Juni 1953 viele Schweizer Gewässer über die Ufer: Aus dem Glarnerland beispielsweise wurden Hangrutsche gemeldet, im Tösstal wurden Bahnlinien unterspült, in der Stadt Zürich riss die Limmat bei der Wühre ein knapp 30 Meter breites Stück des Quais mit, der Hornbach überschwemmte das äussere Seefeldquartier und die Surb ganze Ackergebiete.

Wassermassen ergossen sich über die Gemüsfelder

Am Freitagmorgen, 26. Juni 1953, brach in Dietikon der erste Damm: Die Keller der Liegenschaft Daubenmeier und ein Hühnerstall in der Dietiker Brunau wurden überschwemmt. «Der Limmattaler» berichtete: «Auf der linken Flusslaufseite, unterhalb des Pontonierdepots, ergossen sich die Wassermassen bereits in die Gemüsefelder und Wiesen und suchten ihren Lauf längs der Schiessanlage von Herrn Daubenmeier.»

Die alarmierte Feuerwehr räumte die Kellerräume leer und stopfte Sandsäcke in die Breschen der Dämme, die Männer der EKZ, der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, befreiten im Akkord den Rechen beim Wehr von den angeschwemmten Gegenständen. Und manch ein Einwohner habe sich ein Stück Holz aus den Fluten gefischt und verbotenerweise in Gewahrsam genommen - als Geschenk des Wassers für kalte Wintertage, wie der Redaktor schrieb.

Feuer ist zu bekämpfen, Hochwasser nicht

Am Wochenende dann trat die Limmat auf der ganzen linken Uferseite von der Strassenbrücke Schönenwerd bis zum EKZ-Wehr und in der Silbern über die Ufer. Der ruhige Fluss, der damals im Normalfall rund 150 Kubikmeter Wasser pro Sekunde führte, schwoll zu einem reissenden Strom mit rund 550 Kubikmetern an. Dieser Anblick muss furchteinflössend gewesen sein: «Es hat sich wieder einmal bewahrheitet, dass die verheerenden Elemente des Feuers heute erfolgreich zu bekämpfen sind - wenn aber die Hochwasser der Flüsse durch ihre Läufe toben und schäumen, wenn sie ihre Bette unterspülen und Breschen schlagen, dann steht die Abwehr machtlos diesen grauenhaften Elementen gegenüber», schrieb der Redaktor.

Rolf Stapfer sitzt am Stubentisch seines Hauses im Schönenwerd. Der 83-Jährige blättert durch einen Stapel grauer Kartons, beklebt mit verschiedenen Schwarz-Weiss-Fotos. Es sind Bilder, die sein Vater Hans Stapfer im Juni 1953 gemacht hat. Auf dem Tisch liegt eine Karte von Dietikon und Umgebung; mit dem Finger tippt Rolf Stapfer auf die Standorte, von wo aus sein Vater die Bilder gemacht haben muss. Er selber hat 1953 in Biel gearbeitet, hat die Überschwemmung nur während des Besuchs seiner Eltern am Wochenende erlebt.

Verwirrt Hühner wurden aus dem Wasser gefischt

«Es war die schlimmste Überschwemmung, die ich hier in all den Jahren erlebt habe», sagt Rolf Stapfer. An Einzelheiten kann er sich - damals 23 Jahre alt - aber nicht mehr gut erinnern; wohl aber an die Flossfahrten im überschwemmten Gebiet: «Wir haben Flosse gebastelt und sind dann mit Bohnenstangen durchs Wasser gestochert.» Der Fluss stand am Samstag hoch bis zu den Bahnlinien. Kam man mit dem Floss dem eigentlichen Flussbett zu nahe, wurde es gefährlich: «Wir mussten uns an den Sträuchern festhalten, damit uns das Wasser nicht mitzog, und dann schleunigst zurück ins stehende Wasser stacheln.»

Stapfer glaubt sich weiter zu erinnern, dass die Pontoniere die verwirrten Hühner von Geflügelzüchter Billetter aus dem Wasser fischen mussten. Und als am Sonntag das Wasser zurückging, habe man in den Senken auf den Wiesen zappelnde Fische gefunden. «Eine verkehrte Welt», meint Stapfer nachdenklich.

Weitestgehend vom Hochwasser verschont blieb die rechte Flussseite. Nach den letzten verheerenden Überschwemmungen im Juni 1910 hatte man bei Glanzenberg einen Damm erstellt, um die Fahrweid zu schützen. Die Limmat hatte damals das Gebiet in einen See verwandelt, «aus dem die Häuser und Bäume bei der Limmatbrugg wie Inseln hervorragten», so die Ausführungen im Limmattaler Heimat-Jahrbuch 1954. Die Bewohner mussten mit Weidlingen über die oberen Stockwerke gerettet oder mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser versorgt werden.

Trostloser Anblick des Kloster Fahr

Nicht verschont blieb 1953 aber das Gebiet ums Kloster Fahr. Wie bereits 1910 zerstörte die wild gewordene Limmat die Äcker und Gärten. «Der Limmattaler» beschreibt ein trauriges Bild: «Weite Flächen des Klostergutes mit wertvollem Getreidebestand und schönen Gemüsefeldern sind unter Wasser und bilden einen trostlosen Anblick.»

Schwester Josefa war von ihrem Wohnort in Wislikofen im Bezirk Zurzach mit dem Velo ins Fahr geradelt, um bei einer Feier im Kloster dabei zu sein, als das Wasser von der Limmat über die beiden Giessen-Kanäle kam. «Der ganze Klostergarten stand unter Wasser, im Treibhaus schwammen die Blumentöpfe in einer braunen Suppe», erinnert sie sich. Was an Pflanzen zu retten war, wurde ins Trockene gebracht. Und wie auf der linken Uferseite mussten auch beim Fahr schleunigst die Hühner in Sicherheit gebracht werden.

«Wenn es stark regnet, steigt der Puls»

Schwester Josefa hat in ihren 60 Jahren im Kloster Fahr einige Hochwasser erlebt. Wenige Jahre nach der Überschwemmung 1953 habe sie als Kandidatin im Kloster die Küken füttern müssen, die vor den Fluten gerettet in einem Zimmer im Kloster untergebracht waren. «Im Klosterkeller mussten jeweils die Einmachgläser in die Höhe gestellt werden, weil das Grundwasser stieg», erzählt Schwester Josefa und lacht beim Gedanken an die schwimmenden Konfitürengläser. Das Wasser hätten sie dann jeweils mit Kesseln aus den Räumen geschöpft, bis Jahrzehnte später Pumpen diese Arbeit übernahmen.

Gewöhnt hat sich Schwester Josefa nie an die Hochwassergefahr. «Wenn es stark regnet, steigt der Puls - auch nach so vielen Jahren», sagt Schwester Josefa. Wie gewaltig und stark die Limmat daherkomme, sei immer wieder beängstigend. «Man kann nichts tun, wenn das Wasser kommt. Man kann ihm nur aus dem Weg gehen und hoffen, dass alles gut geht.»

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