Lebenswelten
Die Glocke bestimmte den Alltag der Arbeiter

Um die Jahrhundertwende arbeiteten bereits rund 45'000 Personen im Kanton Zürich in Fabriken. Nur noch jeder fünfte Erwerbstätige verdiente in der Landwirtschaft sein Brot. Trotz harter Arbeitsbedingungen bringt die Fabrikarbeit auch Gutes mit sich.

Florian Niedermann
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Fabriken wie das Gaswerk brachten den Menschen eine neue Zeit mit einem beschleunigten und strengeren Arbeitsalltag.

Fabriken wie das Gaswerk brachten den Menschen eine neue Zeit mit einem beschleunigten und strengeren Arbeitsalltag.

Vereinigung Heimatkunde Schlieren

Dem wirtschaftlichen Aufstieg ärmerer Schichten wie den Tagelöhnern in der Industrie standen Schattenseiten gegenüber: So wurden Kinder etwa in der Heim- wie in der Fabrikarbeit rücksichtslos ausgebeutet.

Aber auch für die Erwachsenen war der Arbeitsalltag kein Zuckerschlecken, wie etwa das Beispiel der jungen Gastarbeiterinnen in der Dietiker Weberei Syz im Jahre 1903 zeigt: Zu den üblichen elf Stunden Fabrikarbeit an sechs Tagen in der Woche kamen bei ihnen noch Unterricht in Haushaltsführung und Handarbeit. Für Unterkunft und Verpflegung im Arbeiterinnenheim Grünau hatten sie pro Tag zwischen 80 Rappen und einen Franken zu bezahlen. Dies bei einem Verdienst von rund Fr. 2.50 pro Schicht.

1877 schuf der Bund wegen der prekären Bedingungen der Arbeiterschaft per Volksabstimmung das erste «Fabrikgesetz». Es limitierte die zulässige Arbeitszeit unter der Woche auf elf und am Samstag auf zehn Stunden (1905 wurde die Samstagsarbeitszeit schliesslich auf neun Stunden gekürzt). Dazu kamen Schutzbestimmungen für Frauen und Kinder sowie die Haftpflicht der Unternehmer für körperliche Schäden bei ihren Angestellten. Der Weg zur generellen Durchsetzung durch die Kantone war allerdings lang und beschwerlich. Ab der Jahrhundertwende organisierten sich die Arbeiter immer mehr und forderten kürzere Arbeitszeiten, bezahlte Ferien, Krankengeld, soziale Einrichtungen und mehr politische Mitspracherechte.

Manche Fabriken im Limmattal verbesserten die Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten bereits vor dem Ersten Weltkrieg über das vom Bund geforderte Minimum hinaus. So etwa das Kohlengaswerk der Stadt Zürich in Schlieren, auch «Gasi» genannt: Mit der Fabrikordnung von 1899 wurde die 60-Stunden-Woche eingeführt und 1909 die tägliche Arbeitszeit schliesslich gar auf neun Stunden begrenzt. Für die Festangestellten wurden sogar bezahlte Ferien eingeführt. Diese betrugen in den ersten vier Dienstjahren sieben Tage und wurden bis zum 50. Dienstjahr stufenweise auf 21 Tage erhöht.

Bereits beim Bau des Gaswerks ein Jahr zuvor liess die Fabrikdirektion ein modernes Wohlfahrtsgebäude mit Aufenthaltsräumen und sanitären Einrichtungen erbauen. Jeder Arbeiter erhielt ein Stück Seife und ein Handtuch. In hygienischer und gesundheitlicher Hinsicht verbesserte sich dadurch der Zustand der Arbeiterschaft. Aber auch die Familien der Angestellten profitierten, weil sich der Reinlichkeitszwang in der Fabrik meist auch auf den Haushalt auswirkte.

Der Wechsel von der Landwirtschaft in die Industrie verlangte den Arbeitern denn nicht nur eine professionelle, sondern auch eine mentale Umstellung ab: Der Alltag richtete sich nicht mehr nach den Jahreszeiten und dem Rhythmus der Natur. Mit den Fabriken brach für die Menschen eine neue Zeit mit einem beschleunigten und strengeren Arbeitsalltag an. Um ihre Arbeiterinnen und Arbeiter zu disziplinieren, liessen die Fabrikdirektoren in den Dietiker Webereien etwa Glocken aufhängen, die zum Arbeitsbeginn und -ende angeschlagen wurden. Wer sich am Morgen verspätete, wurde teilweise mit hohen Beträgen gebüsst.