Der Wettinger Abt war misstrauisch. Dennoch gab er den Dietiker Dorfgenossen 1777 sein Einverständnis, an der Reppisch ein Gemeindehaus zu errichten. Schon bald aber zeigte sich, dass die Skepsis des Gottesmannes nicht unbegründet war.

Kaum war das Haus fertiggestellt, musste er erfahren, dass dort Wein ausgeschenkt und getanzt wird. Das war alles andere als im Sinn des Abtes, dem damals die benachbarte Taverne zur Krone gehörte, der nun Konkurrenz erwachsen war. Sein Missfallen über das aus seiner Sicht ungehörige Treiben machte er den Dietikern in einer Strafpredigt deutlich.

Das Haus, dessen Innenleben einst den Zorn des Wettinger Abtes auf sich zog, steht heute noch. Es befindet sich an der Unteren Reppischstrasse 14.

Daran dürfte sich so bald auch nichts ändern. Denn vor knapp einem Monat hat der Stadtrat bekannt gegeben, dass die Planungen für die Neugestaltung des Kronenareals gestoppt sind. Stattdessen hat er eine Neuorientierung angekündigt. Die stadteigenen, historischen Gebäude auf dem Areal werden demnach nicht abgerissen und neu genutzt. Das gilt auch für das ehemalige Gemeindehaus, das heute besser bekannt ist als Altes Bauamt.


Unterricht für die Katholiken

Damit bleibt der Stadt ein Gebäude erhalten, dessen bewegte Geschichte viel über die Entwicklung des einstigen Bauerndorfes zur modernen Agglomerationsgemeinde erzählt. Obschon bei der Erstellung Gemeindehaus genannt, war Dietikon 1777 noch weit davon entfernt, über eine Gemeindekanzlei zu verfügen. Denn das Gebäude diente in erster Linie als Versammlungsort.

Es war auch nicht das erste Gemeindehaus im heutigen Bezirkshauptort, sondern nur das erste, dessen Geschichte relativ gut dokumentiert ist, wie der Festschrift zur Einweihung des heutigen Stadthauses zu entnehmen ist. Des Weiteren waren im Haus auch Wohnungen untergebracht. Zudem nutzte die katholische Schule – in Dietikon gab es den nachreformatorischen Verhältnissen entsprechend eine katholische und reformierte Primarschule – das Gebäude für den Unterricht.

1784 wurde aus dem Gemeinde- schliesslich definitiv ein Schulhaus, das ab den Jahren 1834/1835 ganz den Reformierten zur Verfügung stand. Die Katholiken waren in einen Neubau an der Oberen Reppischstrasse gezogen.
Während die Schule nun genügend Platz hatte, um zu unterrichten, fehlte in Dietikon jedoch immer noch ein richtiges Gemeindehaus. Alle Behördenmitglieder und die Beamten mussten die erforderlichen Amtslokale selbst zur Verfügung stellen. Daran änderte auch ein Antrag des Gemeindeschreibers nicht, der 1885 eine Gemeindekanzlei einrichten wollte und dafür eine Entschädigung verlangte.

Das Anliegen wurde vom Gemeinderat mit der Begründung abgewiesen, dass frühere Schreiber die Kanzlei auch in ihren Wohnungen untergebracht hätten. Bewegung in die Sache kam erst nach der Jahrhundertwende. Im Jahre 1905 wurde eine Zentralverwaltung angeregt, die schliesslich Ende 1909 realisiert werden konnte. In jenem Jahr bezog die nun nicht mehr konfessionell getrennte Schule das neu erstellte Zentralschulhaus. Die Räume im ehemaligen Gemeindehaus an der Unteren Reppischstrasse 14 konnten jetzt als Gemeindekanzlei genutzt werden.

Gemeindeschreiber erhält Büro

Damit kam der Gemeinderat dem Wunsch der Gemeindeversammlung nach. Denn diese stimmte im Sommer 1909 einem Antrag des damaligen Zivilstandsbeamten zu, der eine Entschädigung für Miete und Heizung von 500 Franken für das in seiner Wohnung untergebrachte Amtslokals verlangte.

Gleichzeitig beauftragte die Gemeindeversammlung den Gemeinderat damit, einen Antrag zur Einführung einer Zentralverwaltung auszuarbeiten. In den neuen Gemeindebüros arbeiteten fortan mit dem Gemeindeschreiber und dem Gemeindekassier zwei vollamtliche Beamte sowie zeitweise Hilfspersonal. Allerdings war es da noch nicht möglich, auf der Verwaltung zu telefonieren. Telefongespräche musste man noch bis im Herbst 1913 in der Taverne zur Krone führen.

Die Erweiterung des Zentralschulhauses 1932 hatte zur Folge, dass nun auch die bis anhin an der Bremgartenstrasse 20, der heutigen Stadtbibliothek, untergebrachte Sekundarschule dort einziehen konnte. Sie machte der Gemeindeverwaltung Platz. Das Gebäude an der Unteren Reppischstrasse 14 diente nun dem Bauamt als Büro und ab 1972 der Associazioni Cristiane dei Lavoratori Italiani, einer in Italien entstandenen Vereinigung von christlichen Arbeitern, als Treffpunkt.