«Wir haben ja einen richtigen Schatz bei uns im Kirchturm!» Ursula Gütlin-Plüer, die Präsidentin der Schlieremer Kirchenpflege, zeigt sich beeindruckt: Gerhard Spielmann, Senior Chef bei der Glockengiesserei Rüetschi AG in Aarau erklärte soeben, dass die fünf Glocken im Turm der Grossen reformierten Kirche in Schlieren insgesamt fast zehn Tonnen wiegen.

«Bei einem Wert von 55 Franken pro Kilo Glockenspeise bedeutet das einen Gesamtwert von mehr als einer halben Million Franken», rechnet er vor.

48 Schlieremerinnen und Schlieremer sind nach Aarau gereist, um die Halle zu besuchen, in der vor 75 Jahren die Glocken für die Kirche der reformierten Gemeinde gegossen wurden. Sie stehen in einer grossen Industriehalle, in der die einzige Lichtquelle vereinzelte Glasziegel im Dach bilden.

Alles hier ist braun und mit einer feinen Staubschicht bedeckt, auch die unzähligen Gussformen, die der Wand entlang nebeneinander aufgereiht stehen: Grosse Statuen, eine Gussform eines Kleinkinderkörpers und - natürlich - Glocken in allen Grössen und Produktionsstadien.

Am Anfang steht die falsche Glocke

Spielmann und sein Mitarbiter Roland Bolliger führen die Mitgereisten in die Welt des Glockengiessens ein. Einige der Anwesenden fröstelt es in der unisolierten Gebäude. «Wir beheizen diesen Raum nie, weil es während der Arbeit ohnehin sehr heiss wird hier drinn», erklärt Bolliger.

Er lenkt die Aufmerksamkeit der Schlieremer Besucher auf einen schlichten Holzpfosten, der auf einem geziegelten runden Fundament steht. Am Pfosten sind sogenannte «Rippenschablonen» befestigt, die - rechtwinklig zum Pfosten stehend - bereits die Form einer Glocke andeuten.

«Die Herstellung jeder Glocke nach dem Lehmformverfahren beginnt mit dieser Vorrichtung», sagt Bolliger. Die Grundform, die die Blechkanten abzeichnen, charakterisiert jede Glocke der Glockengiesserei Rüetschi und bildet die Basis für alle weiteren Schritte des Gussverfahrens (siehe Kontext).

Ab dem Jahr 1800 unterscheidbar

Spielmann betont, wie wichtig diese Form ist: «Sie macht den Klang aus, und unterscheidet unsere Glocken von denen anderer Hersteller.» Etwa ab dem Herstellungsjahr 1800 könne jede Glocke anhand ihrer Form einer bestimmten Giesserei zugeordnet werden.

Auf dem Tisch hat Spielmann die Arbeitsutensilien ausgebreitet, die er benötigt, um jeder Glocke den richtigen Klang zu verleihen: Stimmgabeln verschiedener Tonlagen, ein kleiner Gummihammer und mehrere geschmiedete Eisenklöppel. Mit dem Gummihammer bringt er eine Stimmgabel zum schwingen und hält diese an eine 400 Kilogramm schwere Glocke, die an einem hölzernen Glockenstuhl neben ihm hängt: Es erklingt ein angenehmer, klarer Ton. «Das ist ein B1», sagt Spielmann. Einige Besucher nicken bestätigend.

«Es ist interessant, zu sehen, vie viel es braucht, bis eine Glocke so klingt, wie sie soll», sagt die 79-Jährige Schlieremerin Annemarie Keller. An der Exkursion nimmt sie teil, weil ihre Familie 1937 beim Glockenaufzug einen Wagen für den Transport stellte. «Wir erhielten dafür eine schön verzierte Glocke zum Andenken. Jetzt wollte ich sehen, wo die herkommt.»

Das Handwerk hat sich gewandelt

Früher habe ein Glockengiesser sowohl das handwerkliche als auch das musikalische Wissen haben müssen, um eine Glocke herstellen zu können, sagt Spielmann: «Es hat nicht ausgereicht, Glocken perfekt zu giessen. Man musste auch wissen, wie ein Geläut zu einer Harmonie zusammengestellt werden kann.»

Heute würde der Ton per Messgerät und Hertz-Wertetabelle bestimmt. «So sind unsere Glocken auf einen 16tel Halbton genau stimmbar.

«Ich habe mir vorher noch nie überlegt, wie der Ton einer Glocke entsteht», erklärt die 85-Jährige Lydia Stolz. Die Männer seien da offensichtlich besser bewandert als die Frauen. «Bei uns liegt das Interesse mehr auf den musikalischen Komponenten, wie etwa den Harmonien, die für die Geläute zusammengestellt würden.»

Spielmann erklärt den Schlieremern, dass sich nicht nur der Beruf des Glockengiessers in den letzten Jahrzehnten verändert hat, sondern auch der Markt, in dem er tätig ist: «In den zwei Jahrzehnten zwischen 1955 und 1975 gossen wir hier in Aarau Glocken mit einem Gesamtkewicht von 80 bis 100 Tonnen. Heute sind es gerade noch 5 bis 10 Tonnen.»

Zu gut, um rentabel zu sein

Das Problem sei, dass eine Glocke, wenn sie perfekt hergestellt wurde, hunderte von Jahren halte. «Unser Produkt ist eigentlich zu gut, um rentabel zu sein.» Die älteste Glocke der aus der Giesserei Rüetschi, die in Hilterfingen noch immer ihren Dienst verrichtet, datiert aus dem 14. Jahrhundert.Um den Betrieb am Leben zu erhalten, sei man heute auf Kunstgüsse und Aufträge für Kleinserien von Einzelteilen aus der Industrie angewiesen, so Spielmann.

Am Ende der Führung geleiten Bolliger und Spielmann die Exkursionsteilnehmer in das Entrée des Betriebs. Alle erhalten eine kleine Glocke aus dem Hause Rüetschi. Sofort ertönt ein lautes Gebimmel, und ein Lachen macht sich auf den Gesichtern der Anwesenden breit.