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Die Freude über den geplanten XXL-Tunnel hält sich in Grenzen

Zwei Wände, von Altstetten bis tief in den Aargau: So könnte sich das Limmattal ab 2030 den Pendlern in Richtung Westen präsentieren (Symbolbild). Felix Gerber

Zwei Wände, von Altstetten bis tief in den Aargau: So könnte sich das Limmattal ab 2030 den Pendlern in Richtung Westen präsentieren (Symbolbild). Felix Gerber

Der Dietiker Stadtpräsident ist vom Bau des Tunnels überzeugt, der Schlieremer noch nicht.

Er möge friedlich im Aktenschrank ruhen: Der Honeret-Tunnel zwischen Altstetten und Mellingen hat seit Dienstag den Status Projektleiche. Stattdessen will das Bundesamt für Verkehr einen Tunnel zwischen Zürich Altstetten und dem Aarauer Vorort Rupperswil bauen. 28 Kilometer lang, würde er fast alle Wünsche des Limmattals erfüllen.

«Die SBB brauchen ein fünftes und sechstes Gleis im Limmattal für die künftige Bewältigung des Schienenverkehrs. Das ist nur in einem Tunnel möglich. Oberirdisch gibt das dann mehr Platz für S-Bahnen», sagt der Dietiker Stadtpräsident und Präsident der Zürcher Planungsgruppe Limmattal, Otto Müller. Seit Jahren wiederholt er dieses Mantra, in der Hoffnung, dass endlich etwas geschieht.

Nun freut er sich über den Entscheid aus Bundesbern und ist überzeugt, dass der Tunnel Zürich–Aarau eines Tages realisiert wird. «Aus Dietiker Sicht wäre das sehr erfreulich», so Müller. Nicht nur gäbe es weniger Eisenbahnlärm.

Ein grosser statt zwei kleine Tunnel: Die favorisierte neue Bahnlinie Zürich–Aarau.

Ein grosser statt zwei kleine Tunnel: Die favorisierte neue Bahnlinie Zürich–Aarau.

Der Tunnel würde oberirdisch mehr Kapazität schaffen, insbesondere für eine zusätzliche Haltestelle in Dietikon: die S-Bahn-Station Silbern. Diese ist zwar im kantonalen Richtplan eingetragen, aber das ist schon alles: Weil die Limmattaler Gleise zu stark überlastet sind, verträgt es keine zusätzlichen Haltestellen, heisst es.

«Noch viele Hürden»

Aus dem gleichen Grund hält die S19 in Richtung Flughafen nicht in Schlieren. Auf einen solchen Halt hofft der Schlieremer Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin schon lange. Mit dem geplanten Tunnel rückt dieser Traum etwas näher. Doch Brühlmann zeigt sich eher verhalten begeistert und formuliert seine Freude vorsichtig: «Nicht unglücklich» sei er über den Entscheid des Bundesamts für Verkehr. «Aber es sind noch sehr viele Hürden zu nehmen. Bis 2030 kann noch sehr viel passieren.» Ähnlich skeptisch ist Walter von Andrian, Chefredaktor der «Eisenbahn-Revue». «Dieser Tunnel ist jetzt zwar eine offizielle Absicht des Bundesamts für Verkehr. Aber es gibt noch nicht mal eine Machbarkeitsstudie.»

Wie das Bundesamt für Verkehr auf Anfrage sagt, folgt der nächste Schritt bald: Noch dieses Jahr will das Bundesamt festlegen, ob der Tunnel Zürich– Aarau bis 2030 fertiggestellt oder ob er erst als Teil eines späteren Ausbauschritts vorgeschlagen werden soll.

Bei seiner Entscheidung beruft sich das Bundesamt darauf, wie rasch die Projektplanung vorangeht, welche Bedürfnisse andere Regionen anmelden und wie viel Geld für den Ausbauschritt 2030 zur Verfügung steht. Bis spätestens 2019 entscheidet das Parlament, welche Projekte definitiv bis 2030 verwirklicht werden. Danach ist noch ein Referendum möglich. Ein langer Weg, der, aus Limmattaler Sicht, hoffentlich nicht wieder im Aktenschrank endet.

Auf Anfrage schliesst das Bundesamt für Verkehr nicht aus, dass der Tunnel Zürich–Aarau wiederum durch eine andere Tunnelvariante ersetzt wird, so wie zuvor schon der zweite Heitersberg- und der Honeret-Tunnel. «Das Szenario scheint aber unwahrscheinlich», teilt das Bundesamt mit.

Der Boden, durch den der Tunnel führen soll, wurde zu einem kleinen Teil bereits erforscht. Erste Studien hätten bestätigt, dass ein Tunnelende in Altstetten geologisch möglich sei, so das Bundesamt. Die restlichen 28 Kilometer wurden offenbar noch nicht untersucht, sind aber für die Limmattaler auch nicht entscheidend. So sagt Toni Brühlmann: «Für uns macht es keinen Unterschied, wo der Tunnel aufhört. Wichtig ist, dass er in Altstetten und nicht erst in Schlieren anfängt.» Denn beim Honeret-Tunnel stand zu Beginn der Planung noch ein Tunnelportal in Schlieren zur Diskussion.

Heinz Schröder, Regionalplaner bei der Zürcher Planungsgruppe Limmattal (ZPL), findet den Tunnel attraktiv und drängt auf eine baldige Umsetzung des Projekts. «Wichtig ist, dass das Limmattal nicht erst in 30 Jahren entlastet wird.» Die ZPL erhofft sich vor allem Planungssicherheit. «Die gibt es erst, wenn die Pläne fertig sind und das Projekt entschieden ist. Im Moment wird immer nur abgeklärt, evaluiert und aufgegleist. Wenn das so weitergeht, wäre das sehr schade für die Region.»

Otto Müller befürchtet nicht, dass der Tunnel Zürich–Aarau dereinst begraben wird: «Der Honeret-Tunnel war in etwa so weit geplant wie jetzt der neue Tunnel. Man fängt also nicht wieder von vorne an. Den Entscheid des Bundesamts darf man darum auch nicht als Begräbnis des Honeret-Tunnels ansehen. Das war schliesslich auch nur eine Projektidee.»

Für Müller gibt es trotz aller Vorfreude noch einige offene Fragen. Wann fängt die genaue Planung an? Welche Detailentscheide braucht es noch? Kann die Finanzierung sichergestellt werden? «Wichtig ist jetzt, dass es vorwärtsgeht, egal wie», so Müller.

Die Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker-Späh findet den Ausbau der Strecke Richtung Westen wichtig. «Grössere Priorität für den Kanton Zürich geniessen aber der Brüttenertunnel zwischen Zürich und Winterthur sowie der Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen von drei auf vier Gleise. Diese Ausbauten sind für die Weiterentwicklung der Zürcher S-Bahn und die Verbindungen in die Ostschweiz unabdingbar.» Der Kanton hofft auf eine Realisierung dieser Projekte bis 2030. Damit stehen diese in direkter Konkurrenz mit dem Tunnel Zürich–Aarau.

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