Tag der Frau

Die Frauenzentrale wird 100 Jahre alt: «Viele Frauen rutschen in eine Rolle»

Gemüsesammlungen für bedürftige Familien zählten im 1. und 2. Weltkrieg zu den Aktivitäten der Frauenzentrale Zürich.

Gemüsesammlungen für bedürftige Familien zählten im 1. und 2. Weltkrieg zu den Aktivitäten der Frauenzentrale Zürich.

100 Jahre Frauenzentrale Zürich: Präsidentin Andrea Gisler im Interview über Frauenanliegen 1914 und 2014: «Die rechtliche Gleichstellung ist weitgehend erreicht, es geht es um die Umsetzung punkto Lohngleichheit.»

Vor 100 Jahren, zu Beginn des 1. Weltkriegs, entstand die Zentralstelle für Frauenhilfe – die Geburtsstunde der heutigen Frauenzentrale Zürich. Organisierten sich die Frauen aus Angst, die Männer zu verlieren?

Andrea Gisler: Der Beweggrund war ein anderer. Der Krieg brach ziemlich überraschend aus. Es gab einen spontanen Aufruf, dass sich Frauenorganisationen zusammenschliessen sollten, um Nothilfe zu leisten.

Welche Art von Nothilfe?

Es ging vor allem um materielle Hilfe. Anders als später gab es damals sehr viele Haushalte, in denen Mann und Frau erwerbstätig waren, um ihre Existenz zu sichern. Dann mussten die Männer zur Armee einrücken. Es gab noch keine Erwerbsersatzordnung. Ein Einkommen fiel somit weg. Viele Familien rutschten deshalb in die Armut ab.

Es ging um Essen, Trinken, Kleider?

Ja. In den Kriegsjahren war Armut stark verbreitet und Hunger ein Thema. Auf dem Bürkliplatzmarkt in Zürich kam es zu Szenen, bei denen Arbeiterfrauen den Bäuerinnen das Gemüse entrissen – aus Hunger!

Was tat die Frauenhilfe konkret?

Sie sammelte beispielsweise Gemüse und gab es an bedürftige Familien weiter. Zudem versuchte sie, Heimarbeit zu akquirieren, damit die Frauen eine Existenzgrundlage hatten. Die Frauenzentrale führte auch eine Flick- und Wärmestube. Einerseits, um Arbeit zu akquirieren, andererseits, damit die Frauen ihre alten und kaputten Kleider bringen konnten. Schneiderinnen halfen ihnen, die Sachen zu flicken.

Und eben: Es war auch eine Wärmestube. Die Teuerung war gross, Lebensmittel waren knapp und die Heizkosten hoch. So hatte man wenigstens dort einen Platz an der Wärme.

100 Jahre später: Wofür braucht es die Frauenzentrale heute?

Gleichstellung ist immer noch ein Thema. Die rechtliche Gleichstellung ist zwar weitgehend erreicht. Jetzt geht es um die Umsetzung, vor allem punkto Lohngleichheit. Die echte Wahlfreiheit eines Paars bei der Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit ist erst dann gegeben, wenn die geschlechterbedingten Lohnunterschiede aufgehoben sind.

Mit was für Anliegen kommen die Frauen zu Ihren Beratungsstellen?

Wir haben Budget-, Rechts- und Laufbahnberatungen. In der Budgetberatung holen sich Frauen in prekären finanziellen Verhältnissen Ratschläge. Bei der Rechtsberatung geht es in 80 Prozent der Fälle um Trennung und Scheidung. Die Laufbahnberatung existiert seit über zehn Jahren.

Anfangs kamen vor allem Frauen, die Rat beim Wiedereinstieg ins Erwerbsleben suchten. Heute sind es viele gut qualifizierte Frauen, die sich im Dschungel des Bildungsbereichs und Arbeitsmarkts Tipps abholen.

Die Frauenzentrale war ursprünglich ein bürgerlich geprägter Verein. Wie sieht das heute aus?

Die Abgrenzungen, die man lange betonte, gibt es heute fast nicht mehr. Die Frauenzentrale ist parteipolitisch breit abgestützt. Zu unseren Kollektivmitgliedern zählen die Frauensektionen fast aller Parteien – ausser die SVP-Frauen.

Ist es schwieriger geworden, bürgerliche Frauen für Frauenanliegen zu gewinnen?

So generell lässt sich das nicht sagen. Frauen, die der SVP angehören, haben oft die Haltung, dass die Parteilinie ihre Richtschnur ist. Und unsere Themen stehen nicht unbedingt oben auf der SVP-Agenda. Bei anderen Frauensektionen der Parteien sieht das ganz anders aus.

Wann begannen Sie eigentlich, sich für Frauenanliegen zu engagieren?

Bei mir war es damals so, wie es für viele jüngere Frauen typisch ist: Frauenanliegen waren zunächst kein Thema. Erst als ich bei einer Grossbank arbeitete, merkte ich, dass es gewisse Unterschiede gibt.

Was sind das für Unterschiede?

Kleine Sachen, denen man am Anfang gar keine Bedeutung zumisst. Ich arbeitete am Paradeplatz. Es hiess, selbstverständlich hätte ich Anspruch auf ein Einzelbüro. Aber das Gebäude am Paradeplatz sei überfüllt. Darum müsse ich das Büro mit einer Sekretärin und einer Uni-Abgängerin im Trainee-Programm teilen. Kurz darauf kam ein Mann in die gleiche Abteilung. Der hatte ein Einzelbüro.

Da machte es bei Ihnen Klick und Sie begannen, sich für Frauen zu engagieren?

Ja, da wurde es für mich zum Thema. Und als mir eine Bekannte sagte, die Frauenzentrale suche eine Juristin für den Vorstand, fand ich: Wieso nicht?

Aus Ihrer ganz persönlichen Sicht: Was ist das zentrale Thema, für das die Frauenzentrale heute da ist?

Unser Leitmotiv ist die Selbstbestimmung der Frau. Sie soll selbstbestimmt entscheiden können, welches Leben sie führen will: erwerbstätig oder nicht? Kinder oder keine Kinder? Man sollte diese Entscheide bewusst fällen. Da sehe ich noch Handlungsbedarf. Viele Frauen rutschen einfach in eine Rolle, ohne sich gross Gedanken darüber zu machen. In der Rechtsberatung merkt man dann, was für verheerende Folgen das haben kann, etwa wenn es um Trennung oder Scheidung geht.

Sehen Sie den Handlungsbedarf eher beim Bewusstsein der Frauen oder bei Strukturen und Gesetzen?

Gute Rahmenbedingungen sind natürlich wichtig, das Bewusstsein aber ebenso. Die in vielen Köpfen tief verankerten Rollenbilder hindern Frauen, aber auch Männer, ihr Leben frei zu gestalten. Frauen, die wegen ihrer Kinder zu Hause bleiben, sollten daran denken, wie schwierig es sein kann, wieder ins Berufsleben einzusteigen. Oder eben: Trennung und Scheidung kann ein Armutsrisiko sein.

Die Scheidungsrate liegt immerhin bei 50 Prozent! Und Frauen, die im Konkubinat leben und wegen ihrer Kinder zu Hause bleiben, müssen wir bisweilen darauf hinweisen, dass es Zeit wäre, sich um die Altersvorsorge zu kümmern. Da sind Frauen manchmal etwas blauäugig – oder vielleicht auf rosa Wolken.

Wo sehen sie politischen Handlungsbedarf?

Zum einen beim Thema Lohngleichheit. Weitere Themen, bei denen wir uns engagieren, sind häusliche Gewalt, Prostitution – und grundsätzlich, dass sich Frauen in der Politik engagieren. Wir nehmen deshalb bei Wahlen jedes Mal wieder unsere Postkarte «Ein Drittel ist nicht genug» hervor. Es ist wichtig, dass Frauen angemessen in den Parlamenten und Exekutiven vertreten sind.

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