Limmattal

Die feuernde Kanone läutete eine neue Ära im Limmattal ein

Im Uhrzeigersinn durchs Jahrhundert: Elektrozug und Dampflok von 1932, Lok Be 4/6 1976, Kieszug 1974, Abriss Bahnhof Birmensdorf 1992. hVB/Häni

Im Uhrzeigersinn durchs Jahrhundert: Elektrozug und Dampflok von 1932, Lok Be 4/6 1976, Kieszug 1974, Abriss Bahnhof Birmensdorf 1992. hVB/Häni

22 Kanonenschüsse fielen an jenem Morgen des 30. Mai 1864. Der Donnerschlag verkündete die Abfahrt eines besonderen Zuges: Nicht einer x-beliebigen Abreise – es handelte sich um die Einweihungsfahrt der Strecke Zürich-Affoltern-Zug-Luzern.

Feierliche Musik spielte, als die zwei geschmückten Dampflokomotiven «Sarnen» und «Luzern» aus dem Bahnhof Zürich hinaus Richtung Altstetten zogen. Die Eröffnung der Eisenbahnlinie, von einer Tochtergesellschaft der Nordostbahn-Gesellschaft (NOB) betrieben, läutete ein neues Zeitalter ein: Das Limmattal und das Knonaueramt verfügten nun über einen Bahnanschluss nach Zürich und in die Zentralschweiz.

An jenem Morgen vor 150 Jahren sassen denn auch illustre Persönlichkeiten im Festzug: Eisenbahnpionier und NOB-Direktor Alfred Escher, Staatsschreiber Gottfried Keller und Bundespräsident Jakob Dubs waren nur einige davon. Von Altstetten aus fuhr die Wagenlinie nach Urdorf. An der Station, die auf Schlieremer Gebiet liegt, wartete bereits die versammelte Gemeinde und der Pfarrer. Auch in Birmensdorf, der nächsten Station, gab es Hochrufe – gross war der Stolz über die neue Eisenbahnverbindung. Die Region war bis dahin nur durch wenige Pferdepostkursen verbunden; etwas mehr als 10 000 Reisende jährlich verzeichnete der Kutschenverkehr zwischen Zürich und Luzern in dieser Zeit.

«Das schöne Werk ist vollendet»

Am Abend der Einweihungsfahrt trafen die Abgeordneten wieder in Zürich ein. Im Hotel Baur au Lac gab es ein feierliches Diner und Ansprachen. Wie aus einem 100 Jahre später veröffentlichen Manuskript herausgeht, sagte Rudolf Stehli, Statthalter des Bezirks Affoltern, vor versammelter Gesellschaft: «Und nun ist das grosse, schöne Werk, die direkte Schienenverbindung zwischen (..) den drei Städten und Seen Zürich, Zug, Luzern vollendet (..). Sie ist die schöne Frucht eines glücklichen Zusammenwirkens verschiedener Kräfte, und wie dadurch die drei Städte einander näher gerückt wurden, bildet sie zugleich ein schönes Band zwischen Stadt und Land.»

Tatsächlich legte die Eröffnung der 12 Millionen Franken teuren Strecke die Basis für die industrielle und wirtschaftliche Entwicklung des Limmattals und des Knonaueramts: Die Passagierzahlen verdoppelten sich in den ersten zehn Jahren. Auch die Zugfrequenz pro Tag wuchs bis in die 1890er-Jahre um das zweifache an. Rund um die Bahnhöfe entstanden neue Siedlungsachsen. Firmen der Textil-, Nahrungsmittel- und Baubranchen liessen sich nieder, bereits bestehende Gewerbe und Industrien wuchsen.

In Birmensdorf entstanden in den 1860er-Jahren die Baumwollspinnerei Landikon und Seidenzwirnerei Uf Dorf, 1889 gründete ein Engländer die erste Schweizer Glühlampenfabrik. Neue Industriebetriebe zogen ein, Birmensdorf entwickelte sich zum Zürcher Vorort. In Urdorf nahm 1880 die Jakob Lips Maschinenfabrik ihren Betrieb auf, kurz nach der Jahrhundertwende siedelte eine Pulverfabrik an. Urdorf wuchs in Folge zu einem Zürcher Vorstadtquartier an. Auch Schlieren und Dietikon, die ab 1847 an die «Spanisch-Brötlibahn» angebunden waren, erlebten Ende des 19. Jahrhunderts einen Entwicklungsschub: Heinrich Glättli verlegte 1868 seine Leimfabrik nach Schlieren, später kamen die «Wagi» und das Gaswerk der Stadt Zürich hinzu. Im benachbarten Dietikon entstanden diverse Industrieanlagen; eine Zementsteinfabrik, ein Marmor- und Granitwerk, eine Metallgiesserei, Textil- und Baubetriebe. Heute überwiegen der Dienstleistungssektor sowie Betriebe der Bio- und Computertechnik.

Esprit der Gründerjahre lebt auf

Um die Zürich-Luzern-Linie zu würdigen, organisieren die Reppischtaler Eisenbahnfreunde in Ottenbach einen Tag der offenen Tür. Der in Birmensdorf gegründete Verein lässt auf der 50 Quadratmeter grossen Modelleisenbahnanlage Dampflokomotiven und Züge verschiedener Epochen fahren. Gross und Klein können am Samstag, 24. Mai historische Kompositionen bewundern, die den Esprit Alfred Eschers aufleben lassen.

Quellen: 100 Jahre Eisenbahn Zürich-Affoltern a.A-Zug-Luzern, Historisches Lexikon Schweiz.

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