Sandra sitzt zum ersten Mal auf der Rückbank ihres Autos. Karin vorne rechts ist so angesäuselt und so übermütig geschwätzig, dass sie gar nicht mehr aufhören kann, Fragen zu stellen. Fritz ist ganz Chauffeur und die Ruhe selbst, lässt sich weder von Karin noch von der Rockmusik stören, die aus den Boxen dröhnt. «Stell dir vor, ich hätte mein Billett abgeben müssen. Oder es hätte einen Unfall und Tote gegeben», sagt Karin und schüttelt energisch den Kopf. Nein, nein, das hätte sie nicht verantworten können. Deshalb habe sie bei Nez Rouge angerufen, das erste Mal überhaupt. Fritz biegt irgendwo in Widen in eine Tiefgarageneinfahrt ein. Es ist 02.02 Uhr.

Knappe sechs Stunden vorher: Wir sind zu früh. Der Einlass auf das Gelände des Militärflugplatzes Dübendorf, wo sich die Zentrale von Nez Rouge Zürich befindet, ist um 20.30 Uhr. Nicht um 20.29, nicht um 20.31 Uhr. Also warten wir im kleinen Büro beim Haupteingang - zwei Sessel, eine angetrocknete Zimmerpflanze, ein Stadtplan und Bilder von Militärflugzeugen an der Wand - den offiziellen Badge gut sichtbar an die Jacken geklemmt.

Nez Rouge geniesst seit Jahren Gastrecht auf dem Militärflughafen, zwei Zimmer werden der Aktion zur Verfügung gestellt. Von hier aus schwärmen die freiwilligen Fahrer in den ganzen Kanton aus, bringen heim, wer nicht mehr selber fahren kann. Mit dem Gastrecht sind aber einige Auflagen verbunden: Spaziert wird auf dem Gelände nicht. Schnurstracks gehts zum Auto und zurück, alles andere könnte böse enden: «Die Wache hat freilaufende Hunde, welche reagieren müssen», steht auf einem laminierten Zettel, der in der Fahrerzentrale hängt.

Um 21.30 Uhr kommen die Fahrer. Alle müssen ihren Fahrausweis zeigen. Jeder jeden Abend. Selbst, wenn es noch der Alte, Himmelblaue ist, der bei jedem Auseinanderfalten zu reissen droht. Marguerite Weber, Aktionsverantwortliche bei Nez Rouge Zürich, kennt alle beim Namen und begrüsst jeden herzlich. Alle sind per du, egal ob Rentnerin oder Student.

In dieser Nacht fahren 20 Teams à zwei Personen. An Silvester, der Nacht der Nächte, sollen es 50 sein. Waren die Freiwilligen früher meist männlich und zwischen 40 und 50, ist heute querbeet alles vertreten. Männer, Frauen, Junge, Alte, Arbeitslose, Schwerbeschäftigte. Was sie eint, ist der Wille, Gutes zu tun. Und ihr Status: Mangelware. Sie suche immer Leute, sagt Weber, genug habe sie nie. Geld gibt es für den Einsatz keines, dafür habe sie anderes zu bieten: «Einen unterhaltsamen Abend, die Möglichkeit, ganz verschiedene Autos zu fahren, und neue Leute kennen zu lernen.» Ausserdem kann man im Aufenthaltsraum so viel Kaffee trinken und Erdnüssli, Mandarindli und Lebkuchen essen, wie man will.

22.00 Uhr, die Telefonleitungen werden geöffnet. Sekunden später schellt es bereits. Katharina nimmt den Namen auf, Start- und Zielort, Automodell und Telefonnummer, und trägt alles ins System ein. Das erste Team rückt aus.

Wir begleiten Team 20: Rainer Paierl, Keyaccount-Manager aus Urdorf, und Fritz Keller, pensionierter Polizist aus Niederglatt. Rainer fährt seit vier Jahren für Nez Rouge, Fritz ist seit Anfang Dezember dabei. «Ich will was tun, sonst wird mir langweilig», sagt Fritz zu seiner Motivation. Und Rainer: «In der Adventszeit will ich meinen Beitrag leisten. Andere Leute spenden, ich leiste Frondienst.»

Unser erstes Ziel tönt mehr nach Tirol denn nach Zürich: Berg am Irchel. Drei von vier Insassen haben noch nie davon gehört. Ein Glück ist Fritz an Bord, ein begeisterter Velofahrer. Er kennt sich aus, wir staunen über uns fremde Dorfnamen wie «Bebikon» und «Gräslikon». Es geht vorbei an hübschen Riegelbauten, über weite Felder, ein Fuchs schlüpft im Scheinwerferlicht ins Gebüsch am Strassenrand.

Die Kunden warten schon auf der Strasse. Nico und Nico, zwei Schreinerlehrlinge nach dem Weihnachtsessen. Der eine Nico plappert ohne Punkt und Komma und raucht wie ein Schlot. Die Nicos wollen nach Bülach, zum Bahnhof, und von da weiter mit dem Zug nach Winterthur. Für sie sei noch lange nicht Feierabend, jetzt gehe die Party erst richtig los. Weshalb sie Nez Rouge angerufen hätten? Um das Bild der betrunken fahrenden und rasenden Jugendlichen zu revidieren. «Das mached mir nööd», sagt der rauchende Nico und lässt sich auf den Beifahrersitz fallen.

Es ist 23.23 Uhr. Wir stehen am Bahnhof Bülach, Nico und Nico sind auf und davon. Rainer und Fritz warten auf einen Anruf aus der Zentrale, vielleicht gibt es einen Einsatz in der Nähe. Zeit, ein bisschen über ihre Erfahrungen zu reden: Je nach Zustand der Kunden seien die Fahrten sehr unterhaltsam, sagt Rainer, da bekomme man ganze Lebensgeschichten zu hören. Schlechte Erfahrungen habe er noch nie gemacht. «Ausfällig geworden ist noch nie einer, aber zur Haustür begleiten musste ich schon einige.» Fritz lächelt und nickt. «Und was wir immer wieder zu hören bekommen: ‹Eigentlich hätte ich schon noch fahren können.›»

Der Anruf aus der Zentrale kommt: kein Auftrag in der Nähe, zurück nach Dübendorf. Es ist 23.52, der Mond hängt wie ein bleicher, ausgelutschter Zitronenschnitz knapp über dem Horizont.

Es ist kurz nach Mitternacht. In Dübendorf sitzt ein gutes Dutzend Freiwillige an den Tischen. Ein paar Männer diskutieren über die Bundesratswahl, ein paar andere über die letzte Fahrt. Eine Gruppe lässt sich zu einer Runde Uno überreden. Die Kaffeemaschine knirscht und zischt, der Minutenzeiger kriecht langsam vorwärts und die Müdigkeit die Beine hoch. Kommt jemand durch die Tür, recken alle die Köpfe; keiner sitzt hier gern und wartet, jeder will auf die nächste Tour. «Es ist ein rechter Abend, aber streng ist das falsche Wort», sagt Manu von der Zentrale. Sie rechnet mit 40 bis 50 Fahrten in dieser Nacht.

00:54 Uhr. Gottseidank, die zweite Tour. Von Dübendorf gehts nach Affoltern am Albis. Zwei Frauen wollen nach Widen. In Affoltern warten wir schlotternd vor der Bar, bis Sandra und Karin ausgetrunken und bezahlt haben. Das gehört dazu, gedrängt wird nicht. Höflichkeit ist das oberste Gebot. «Wir haben Zeit», hat Marguerite den Fahrern bei der Instruktion eingebläut.

Widen, 02.02 Uhr. Der Fiat steht in seiner Parklücke, Fritz gibt Sandra die Schlüssel zurück und sie unterschreibt, dass der Wagen heil zuhause abgeliefert wurde. Die beiden überschlagen sich vor Dankbarkeit, schütteln Rainer und Fritz die Hände, versprechen, irgendwann selber mal für Nez Rouge zu fahren. «Wir sind gottenfroh um euch», sagt Sandra und drückt Fritz 70 Franken in die Hand. «Gottenfroh.» Ein Winken zum Abschied, dann geht es zurück nach Dübendorf. Zum nächsten Einsatz.