Seit 32 Jahren steht Alberto Wanderley als nebenberuflicher Figurenspieler auf der Bühne und im Atelier. Der 55-Jährige macht aber kein Figurentheater für Kinder. «Mein Programm richtet sich an Jugendliche und Erwachsene», sagt er. Morgen tritt Wanderley zusammen mit drei weiteren nebenberuflichen Figurenspielerinnen und Marionettenspielern am zweiten Deutschschweizer Figuresco-Festival auf, das dieses Jahr in Dietikon stattfindet.

Wanderley ist in Dietikon aufgewachsen und hat den Figurentheatertag eingefädelt. Dabei erfuhr er Unterstützung von der Dietiker Theaterszene. So stellt eine der letzten professionellen Kasperli-Spielerinnen, die Dietikerin Monika Schmucki, ihre Bühne an der Zürcherstrasse 43 den Rapperswiler Marionetten zur Verfügung.

Wanderley mit seinem Figurentheater Federflug, das Figurentheater Lirum-Larum und die Festival-Gründerinnen von La Turlutaine aus der Romandie werden ihre Tisch- und Handfiguren im Stadtkeller inszenieren. Nach den Vorstellungen wird das Publikum im Raum One, vis à vis des Stadtkellers, vom Verein Theater Dietikon bewirtet.

Migration und Multikulti

Wanderleys Figurentheater spielt im Brasilien des 17. Jahrhunderts und ist doch hochaktuell. Es setzt sich mit Migration und multikulturellen Gesellschaften auseinander. «Damals entwickelte sich Brasilien zum Schmelztiegel der Kulturen», sagt der gebürtige Brasilianer.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte seines Geburtslandes habe ihn dazu inspiriert, das aktuelle Stück zu schreiben. «Es handelt sich um eine Legende, ist teilweise Wahrheit und teilweise Fiktion», sagt er. Wanderley hat Brasilien schon oft besucht und findet, dass in den alten Stadtteilen von Recife und Olinda die barocke Stimmung des 17. Jahrhunderts noch immer spürbar sei. Auch am Karneval lebe der Geist von damals weiter. «Am Karneval durften sich die Sklaven als Könige verkleiden», sagt er.

Zwischen Ordnung und Chaos

Wanderley sagt von sich selbst, dass er in seinem Leben einen Bogen zwischen Ordnung und Chaos spanne. «Chaos ist nicht negativ gemeint. Wenn in meinem Atelier eine neue Puppe entsteht, dann ist das ein chaotischer Prozess» sagt er. Doch wenn er auf der Bühne stehe, dann müsse alles in Ordnung sein.

Ursprünglich wollte Wanderley Comic-Zeichner werden. «Ich wollte immer verrückte Figuren entwerfen», sagt er. Der Berufsberater habe ihm aber davon abgeraten, das habe keine Zukunft. In Olinda entdeckte er dann als junger Mann ein Puppenmuseum. Die fantasievoll gestalteten Figuren faszinierten ihn. Das sei mit ein Grund gewesen, dass aus seiner Passion der Nebenberuf geworden sei, den er heute ausübt.

Er kann das Puppentheater in seinen Beruf einbringen und ist damit auch therapeutisch unterwegs. Wanderley ist Sozialpädagoge und arbeitet mit Menschen mit Behinderungen. Er führt ihnen gerne Stücke seines Figurentheaters vor, was sehr gut ankomme. Das Bauen von und Spielen mit Figuren könne helfen, innere Blockaden zu lösen, sagt der diplomierte Puppenspieltherapeut. «Schon in der Steinzeit machten die Menschen mit Wurzeln Figuren», sagt er.

PET-Flasche wurde zu Ritter

In letzter Zeit kam er von den klassischen Tisch- und Handfiguren weg und begann, Figuren mit ungewöhnlichen Materialien zu Objekten zu gestalten, wodurch sie abstrakter wirken. So wurde aus einer silbernen Cola-PET-Flasche ein Ritter und aus einer orangen Rivella-PET-Flasche eine Prinzessin. «Die Entstehung einer neuen Figur ist für mich ein magischer Moment», sagt er. Beim morgigen Theater wird er auf Schaumstoff-Figuren setzen.