Zürich

Die Elf Routen im neuen Buch von Barbara Hutzl-Ronge offenbaren Überraschendes

Die Zürcher Stadtführerin und Autorin Barbara Hutzl-Ronge lässt Vergangenes aufleben und lädt auf spannende Spaziergänge ein. In ihren Geschichten spielt auch der in Dietikon bekannte Name Pestalozzi eine wichtige Rolle.

Die Autorin Barbara Hutzl-Ronge greift in ihrem neuen Werk «Zürich – Spaziergänge durch 500 Jahre überraschende Stadtgeschichten» historische Begebenheiten auf, die aufhorchen lassen. Als langjährige Stadtführerin lädt sie ihre Leserinnen und Leser dazu ein, sich ihr Buch zu schnappen und durch die Zürcher Innenstadt zu flanieren. Anhand einzelner Themenschwerpunkte, die elf Rundgängen angepasst sind, macht sie die Zürcher Stadtgeschichte erlebbar. Eine Karte mit einem Routenplan ist jedem Kapitel vorangestellt. «Es gibt so viel Wissenswertes über das vergangene Zürich zu berichten und nur wenige haben Kenntnis davon», sagt die Zürcherin. Drei Jahre Arbeit stecken in ihrem fünften Buch und die Nachfrage ist so gross, dass es nun in zweiter Auflage gedruckt wurde.

Die Erzählweise von Hutzl-Ronge ist so erfrischend, weil sie die geschichtlichen Begebenheiten anhand von Einzelschicksalen und erfolgreichen Lebenswegen aufzeigt. Sie berichtet beispielsweise über das Leben von Antonio Pestalozza. Auf alten Dokumenten ist er auch unter dem Namen Johann Anton Pestalutz aufgeführt. Der aus Chiavenna stammende Pestalozza habe eine zentrale Rolle für den erfolgreichen Fernhandel in der Stadt gespielt, führt die Autorin aus. «Er half Zürich 1564 aus der Patsche, indem er den Fernhandel über Chiavenna abwickelte. Im entscheidenden Moment rettete er nach einem Handelsverbot die Investitionen der Locarner und ihrer heimlichen Zürcher Financiers», sagt sie. Dafür seien ihm die Zürcher so dankbar gewesen, dass sie Antonio Pestalozza 1567 das Bürgerrecht zuteilwerden liessen. Hervorzuheben sei, dass Pestalozza noch vor der Glaubensflüchtlingswelle in Zürich ankam. «Er war bereits seit fünf Jahren in der Stadt und kam als Austauschschüler hierher.» Dank seinem Wirken habe die Familie Pestalozzi ab 1568 den ganzen Zürcher Fernhandel organisiert und der Stadt zu grossem Reichtum verholfen.

Es gibt keinen Zusammenhang zur Dietiker Pestalozzi-Gruppe

Der Name Pestalozzi lässt auch im Limmattal aufhorchen. Die Pestalozzi-­Gruppe ist ein bekanntes Familienunternehmen und hat ihren Hauptsitz in Dietikon. Sie kann auf eine über 250-jährige Firmengeschichte im Metall- und Stahlhandel zurückblicken. «Einen direkten Zusammenhang gibt es nicht», sagt Dietrich Pestalozzi. Er ist Verwaltungsratspräsident und übernahm 1988 in achter Generation die Führung, bevor er 2014 das Ruder seinem Sohn Matthias übergab.

Auch er weiss Bescheid über Antonio Pestalozza, den Hutzl-Ronge in ihrem Buch beschreibt. «Johann Anton Pestalutz strebte das Zürcher Bürgerrecht an, um unter dem Schutz der Stadt und in Anspruchnahme der entsprechenden Privilegien sein Handelsgeschäft betreiben zu können», sagt er. Gemäss Eintrag im Bürgerbuch der Stadt Zürich vom 25. März 1567 habe Pestalozza dafür Gutsprachen gebraucht und musste zwanzig Rheinische Gulden bezahlen. Für diesen Beitrag konnte eine vierköpfige Familie ihren Brotbedarf für mehr als ein halbes Jahr decken. «Auf jeden Fall kaufte Johann Anton Pestalozzi das Haus zum Brünneli an der Froschaugasse und beteiligte sich später am Haus zur Trülle am Rennweg», so Pestalozzi weiter.

Die Firmengründung der Pestalozzi-­Gruppe gehe aber auf das Jahr 1763 zurück. Damals führte ein gewisser Johann Heinrich Wiser den Eisenhandel. Erst 1850 trat Rudolf Alexander Pestalozzi durch Heirat in das Unternehmen ein. «Der in armen Verhältnissen aufgewachsene Pfarrerssohn Rudolf Alexander Pestalozzi wurde Kaufmann, trat in die Firma des Zürcher Eisenhändlers Heinrich Wiser-Balber ein, heiratete seine Tochter Emilie und übernahm 1850 die Firma», sagt Pestalozzi.

Eine historische Tatsache, die hingegen mit der Firma zusammenhängt, ist die zentrale Bedeutung des Münsterhofs. «Hier, direkt an der Seite des Fraumünsters, stand bis Mitte des letzten Jahrhunderts – angebaut wie ein Schopf – die Eisenhandlung der Pestalozzi. Daran mögen sich noch viele erinnern», erzählt Hutzl-Ronge auf einem gemeinsamen Spaziergang. «Wenn ich Stadtführungen mache, dann ist diese Erinnerung bei den Zürchern präsent und noch fest in den Köpfen verankert.» Für die Autorin mit österreichischen Wurzeln steht zudem fest: «Nichts kann besser demonstrieren, wie erfolgreich die verzweigte Familie Pestalozzi mit ihrem Handel bereits zu Zeiten der Reformation gewesen ist, als das Pestalozzi-Zimmer im Zürcher Landesmuseum.» Das Zimmer geht auf Johannes Antonius Pestaloza (1537 bis 1615) zurück, ein Neffe zweiten Grades des Zürchers Johann Anton Pestalutz. In seinem 1581 erstellten Palazzo an der Via Francesco Dolzino 103 in Chiavenna liess er dieses Zimmer 1585 einbauen. «Das Prunkzimmer wurde 1892 von der Eidgenossenschaft erworben, finanziert von der Gottfried-Keller-Stiftung; der Einbau des Zimmers im Zürcher Landesmuseum erfolgte mit der Eröffnung 1898», führt Dietrich Pestalozzi aus.

Identische Vornamen erschweren die Recherchearbeiten

Die Familienzweige der Pestalozzi und anderer bekannten Familien­namen wie beispielsweise die Orelli sind äusserst kompliziert: «Ich musste bei der Recherche ganze Stammbäume aufzeichnen und dann war es oft so, dass die Nachkommen dieselben ­Vornamen bekamen», sagt Hutzl-­Ronge. Den Überblick zu behalten, sei nicht einfach, aber die Zentralbibliothek sei mit hervorragenden Quellen und historischen Forschungsarbeiten ausgestattet. Solche Schätze ans Licht zu bringen, sei ihr ein Vergnügen: «Ich habe eine grosse Freude daran, Geschichte und die mit ihr verbundenen Geschichten lebendig zu erzählen», sagt sie.

Sie sei bei ihrer Arbeit als Schriftstellerin auch immer wieder begeistert, wie die Schweiz in der Vergangenheit politisch agiert habe. So habe während der Zeit der Glaubenskriege nach
der Reformation in der Eidgenossenschaft kein dreissigjähriger Krieg gewütet, wie das in Mitteleuropa der Fall war. «Nach einer anderthalbstündigen Schlacht bei Kappel und einer Schlacht am Gubel haben die reformierten Städte mit den altgläubig gebliebenen inneren Orten einen Frieden geschlossen, den die Eidgenossen fast 300 Jahre miteinander halten konnten», sagt sie.

Das Buch «Zürich – Spaziergänge durch 500 Jahre überraschende Stadtgeschichten» eignet sich gut für Aus­flüge, denn Hutzl-Ronge gibt hin und ­wieder Tipps für lauschige Plätze und nette Cafés. Ihre Erzählungen im Buch sind mit aktuellen Bildern der Foto­grafin Martina Issler ausgeschmückt. Es sei ihr wichtig gewesen, die Geschichte in der heutigen Stadt erlebbar zu machen. «In der Form, wie sich die Stadt heute zeigt und wie sie immer wieder neu entdeckt werden kann.»

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Autor

Cynthia Mira

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