Es hatte etwas Surreales, als am Freitag bei klirrendem Schneerieseln die Strassen in Schlieren beinahe menschenleer waren. Einzig auf dem Weg hinauf zur katholischen Kirche fanden sich zahlreiche Menschen wieder. Sie suchten jedoch keine Zuflucht, sondern liessen sich von den «Elenden» anlocken: Die Kantonsschule Urdorf lud zum grossen Chorkonzert ein. Auf dem Programm standen Auszüge aus dem Musical «Les Misérables» von Claude-Michel Schönberg und Alain Boubil, das auf dem Roman von Victor Hugo basiert.

Der Kirchensaal war zum Bersten voll. Das Publikum drängte sich geradezu auf die Bänke, was doch einige zum Schmunzeln anregte. «Wäre die Kirche jeden Sonntag so gefüllt, käme das einem Wunder gleich», so eine Besucherin. Das Wunder an diesem Wochenende ist dem Grossprojekt zu verdanken, das die Kantonsschule alle zwei Jahre auf die Beine stellt. In Zusammenarbeit mit dem Orchester der Jugendmusikschule Knonauer Amt wurde seit Sommer intensiv geprobt.

Bevor es musikalisch zur Strassenrevolution nach Paris ging, stand zuerst ein Ausflug nach England auf dem Programm. Im ersten Teil des Konzerts brillierte das Orchester mit Werken britischer Komponisten. Bereits die «St. Pauls Suite» von Gustav Holst wurde beschwingt gespielt, sodass das zahlreiche Publikum nach dem ersten Satz vehement applaudierte. Wohl ein Fauxpas für zartbesaitete Liebhaber der E-Musik – Dirigent Jonathan Brett Harrison bat mit stummer Geste um Ruhe.

Grossartig das Solo der Flötistin Vanessa Sutter, die die «Suite Antique» von John Rutter höchst gefühlvoll intonierte. Mit der «English Folk Song Suite» wurde dieser Teil des Konzerts mit viel Verve der Musikerinnen und Musiker abgerundet und das Publikum durfte sich endlich dem Applaus hingeben. Nun stieg die Spannung, denn «Les Misérables» ist spätestens seit der Verfilmung mit Hugh Jackman und Anne Hathaway in aller Munde und Ohren.

Natürlich sprangen bei der Aufführung in der Kirche keine Revolutionäre über den Altar; das Musical wurde konzertant dargeboten. Der hundertköpfige Chor benötigte einen Moment, bis alle Sängerinnen und Sänger ihren Platz vor dem Kreuz gefunden hatten, und Leiter Marc Bundi bat auch hier das Publikum, doch bitte erst nach dem ersten von zwei Akten zu applaudieren. Nichtsdestotrotz wurde der Prolog der Elenden mit Spannung eröffnet und die Kirche schien ob der Wucht des Chors zu beben.

Die Ohrwürmer des Musicals wurden dabei im wechselnden Licht dargeboten, was zusätzlich für Gänsehaut sorgte, wie etwa bei «I Dreamed a Dream», dem wohl bekanntesten Song aus dem Werk. Eine Videoprojektion sorgte dafür, dass das Leben des Sträflings Jean Valjean einigermassen nachgezeichnet wurde. Wer «Les Misérables» allerdings nicht kannte, diesen Kampf zwischen Gut und Böse zu Zeiten des Königs Louis-Philippe I., hatte das Nachsehen, konnte sich aber an der zeitlosen Musik und der fantastischen Leistung des Chors erfreuen.