Einzelne Sterne schimmern durch das Blätterdach, darunter mäandriert der Schäflibach in Dietikon pittoresk durch den Wald. Irgendwo schreit ein Käuzchen, eine Ratte raschelt am Ufer im Laub. Im fahlen Mondlicht wirkt die Szene mystisch, verwunschen, beinahe surreal.

Zwei Männer durchbrechen die nächtliche Idylle. Sie waten trittsicher durch den knöcheltiefen Bach und zünden mit kopfgrossen Taschenlampen ins Wasser. Ihre Mission: Sie wollen dem Krebsbestand auf den Grund gehen.

Das eingespielte Duo der Krebszähler, Rolf Schatz und Pascal Stricker der Interessengemeinschaft für eine nachhaltige Fischerei, kartieren im Kanton Zürich Krebse und setzen sich für deren Schutz ein.

Enttäuschung im Bezirk Dietikon

Die Daten übermittelt Schatz an das Bundesamt für Umwelt und die kantonale Fischerei- und Jagdverwaltung. Dem Kanton dienen sie als Grundlagen für einen Krebsatlas. Im Bezirk Dietikon wurden die beiden Krebssucher bis jetzt nur enttäuscht. Einzig in Geroldswil tummelten sich einige Kamberkrebse. Diese sind den Naturliebhabern allerdings ein Dorn im Auge. Die aus Amerika eingeschleppte Art trägt die Krebspest, eine für einheimische Tiere tödliche Pilzkrankheit, in sich. Die unerwünschten Einwanderer besetzen die ökologische Nische ihrer Schweizer Artgenossen und verdrängen diese bis zum Aussterben.

Gemäss einem Bericht des Bundesamts für Umwelt könnten bereits in wenigen Jahrzehnten einheimische Flusskrebsarten verschwunden sein. «Menschen können auf den Mond fliegen, aber einheimische Tiere nicht vor dem Aussterben bewahren», kommentiert Schatz nicht ohne Bitterkeit.

Doch dann kippt die abenteuerliche Goldgräberstimmung des nächtlichen Ausflugs mit bitterem Beigeschmack plötzlich in Begeisterung: Ein handgrosses Edelkrebs-Weibchen versucht dem Lichtkegel der Taschenlampe zu entkommen. Doch Schatz ist schneller. Geschickt packt er das Tier am Schalenkörper. Im Gegensatz zum Krebs hat Schatz an der seltenen Begegnung sichtlich Freude: «Das ist ein Lucky Punch!» Indes steckt das Weibchen rhythmisch alle acht Beine von sich und fuchtelt bedrohlich mit den feuerroten Scheren.

Die erste Begegnung von Mann und Krebs sollte an diesem Abend auch die letzte bleiben.

Ist Krebs gleich Krebs?

Ob es denn eine Rolle spiele, dass sich robuste, eingeschleppte Krebsarten hier wohler fühlen als die sensiblen, einheimischen Tiere? Diese Frage müsse er häufig beantworten, sagt Schatz und lächelt bittersüss. Er kontert mit einer Gegenfrage und trifft damit den wunden Punkt schlechthin: «Spielt es denn eine Rolle, ob in der Schweiz Schweizer leben?»

Veränderungen habe es in der Natur schon immer gegeben, fügt Schatz hinzu. Allerdings könne man deren Auswirkungen auf das Ökosystem nicht abschätzen. «Viele einzelne Arten bilden einen einmaligen Kreislauf im Netzwerk Natur. Dem müssen wir Sorge tragen. Wir sollten uns speziell im Lebensraum Wasser nicht nur für Fische interessieren, die wir in die Pfanne hauen können».

Mit quietschenden Gummistiefeln marschieren die beiden Krebszähler zügig in die Nacht. Mann ist mit Eifer dabei – schliesslich will das ambitionierte Ziel von 14 Koordinaten an allen Bächen auf dem Gemeindegebiet Dietikons noch diese Nacht erreicht werden. Auch wenn es nichts zu zählen gibt, bleibt noch viel zu tun.