Der Wald verändert sich stetig und sorgt deshalb für vielfältige Impressionen. Dass der Wald auch digital erfasst werden kann und zu virtuellen Rundgängen einlädt, ist hingegen relativ neu. Das Projekt «Sylvotheque» der Abteilung für Forstwissenschaft der Berner Fachhochschule HAFL unter der Leitung von Professor Christian Rosset nimmt sich dieser Art der Erkundung an. Ziel ist das Erstellen einer virtuellen Waldbibliothek, die nicht nur die Waldbewirtschaftung unterstützen, sondern auch für Laien ungewohnte Einblicke bieten soll. Was das genau bedeutet und wie das Vorhaben funktioniert, zeigte Rosset gestern interessierten Personen auf einem Rundgang im Wald der Holzkooperation Oberurdorf.

Bislang ist «Sylvotheque» sowie deren Internetplattform noch in der Anfangsphase. Das Vorgehen benötigt Geduld: In verschiedenen Wäldern wurden 360-Grad-Panorama-Bilder gemacht, um eine Art «Google Street View» für den Wald herzustellen. Bislang haben Rosset und sein Team bereits an 50 Standorten Aufnahmen gemacht. Auch im Wald bei Urdorf wurden vor zwei Jahren erste virtuelle Rundgänge erstellt, die online abrufbar sind. «Es ist ein interessantes Gebiet und man kann die Entwicklung des Waldes sowie die Folgen der Bewirtschaftung hier sehr schön beobachten», so Rosset. Weitere Aufnahmen an gleicher Stelle sollen folgen und werden die bestehenden ergänzen. So wird nicht nur ein virtueller Rundgang geboten, sondern auch die mehrjährige Entwicklung kann verfolgt werden. Gerade für Fachleute kann das beispielsweise wegen waldbaulichen Entscheidungen wertvoll sein.

Ein Zeitfenster im Dickicht

Das ist nur einer der Vorteile des digitalisierten Waldes. «Das Projekt soll keinesfalls von realen Waldspaziergängen abhalten, sondern diesen zu neuem Interesse verhelfen», sagt Rosset. Statt zu Hause auf der Couch können Benutzer mit einem Smartphone direkt im Wald vom Programm lokalisiert werden und erhalten eine Art «Zeitfenster», wie die Gegend vor Jahren aus den gleichen Blickwinkeln ausgesehen habe. «So lassen sich auch an Ort und Stelle die Veränderungen verfolgen», so Rosset. In einem weiteren Schritt sind didaktische Rundgänge geplant – herkömmliche Infotafeln würden damit überflüssig, stattdessen sind die Informationen über das Smartphone abrufbar.

Es gibt noch viel zu tun für Rosset, denn seine Arbeit werde immer gefragter. «Wir erhalten Anfragen aus der ganzen Schweiz, um weitere Waldstücke zu digitalisieren.» Der Wald sei wie ein offenes Buch, man muss es nur zu lesen wissen, so der Professor während des Rundgangs. Moderne Technologie könne vieles vereinfachen. Bereits heute kann man in der Forstwirtschaft Pläne des Waldes und damit deren Bestände online abrufen. So macht die Digitalisierung auch vor dem Wald, einem der letzten Rückzugsorte unserer Zeit, keinen Halt.