Dietikon
«Die Batterien waren leer»: Jean-Pierre Balbiani spricht über seinen Rücktritt

Jean-Pierre Balbiani tritt zurück – zunächst als Limeco-Verwaltungsratspräsident, dann als Stadtrat.

Sophie Rüesch
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Schaut auf über 13 Jahre Engagement für Dietikon und die Region zurück: Jean-Pierre Balbiani (SVP).

Schaut auf über 13 Jahre Engagement für Dietikon und die Region zurück: Jean-Pierre Balbiani (SVP).

Sandra Ardizzone

Mehr als 13 Jahre ist es her, dass Jean-Pierre Balbiani in den Dietiker Stadtrat gewählt wurde. Nun hat er genug: Der SVP-Politiker kündigte gestern seinen Rücktritt an – oder besser: seine Rücktritte. Per sofort gibt er sein Amt als Präsident des Verwaltungsrats der kommunalen Anstalt Limeco ab, dem er aber bis Herbst 2018 noch als Mitglied erhalten bleibt. Zu den Gesamterneuerungswahlen des Dietiker Stadtrats im März 2018 wird er zudem nicht mehr antreten.

Balbiani gibt die Ämter, die er seit seiner Wahl als Nachfolger von Parteikollege Arthur Hess im Jahr 2004 innehat, nicht gerne ab. «Ich musste mit mir ringen, es war kein leichter Entscheid», sagt er. Doch die Dreifach-Belastung durch Exekutivamt, Limeco-Präsidium und Beruf wurde ihm in der letzten Zeit zu viel. Vor eineinhalb Jahren hatte er sich aufgrund eines beginnenden Burnouts bereits eine mehrwöchige Auszeit ausbedungen, «die Batterien waren leer». Danach habe sich sein Zustand verbessert, doch die Belastung wurde nicht weniger. So hätten sich vor kurzem erneut Ermüdungserscheinungen angekündigt.

Deshalb hat der 65-Jährige nun entschieden, vorerst kürzer und in absehbarer Zeit ganz abzutreten. «Wenn man merkt, dass die Arbeit an einem nagt, ist es der richtige Zeitpunkt, zu gehen», sagt er. In der Limeco hat er in den letzten Jahren zudem Meilensteine wie den Ausbau des regionalen Fernwärmenetzes mitgestaltet, auch die Verhandlungen über einen neuen Standort für die Kehrichtverbrennungsanlage in Dietikon sind vorbehältlich eines Jas des Stimmvolkes unter Dach und Fach.

Mit seinem jetzigen Rücktritt ermögliche er zudem Kontinuität im Limeco-Verwaltungsrat, dem er noch gut neun Monate erhalten bleibt. Nach über 13 Jahren als Präsident ist ihm die Institution, die er damals noch unter dem Namen Kläranlageverband Limmattal übernommen hatte, ans Herz gewachsen. Wichtige Weichen für die Zukunft seien gestellt, doch die Arbeit sei im dynamischen Umfeld des Energiesektors nie zu Ende.

Stefano Kunz wird Limeco-Verwaltungsratspräsident

Die Nachfolge von Jean-Pierre Balbiani als Präsident des Limeco-Verwaltungsrats tritt per sofort der Schlieremer Werkvorstand Stefano Kunz (CVP) an, der bisher Vizepräsident war. An seine Stelle tritt der Unterengstringer Finanzvorstand Marcel Balmer (SVP).

Kunz freut sich sehr auf die «ausserordentlich vielfältige und spannende, aber auch sehr herausfordernde Aufgabe, vor der ich grossen Respekt habe», wie er auf Anfrage sagt. Die zentralen Aufgaben seien nun, die Zukunft der Kehrichtverbrennungsanlage zu sichern sowie den Ausbau des Regiowärmenetzes in enger Zusammenarbeit mit den Trägergemeinden zu realisieren.

Die Arbeit wurde fordernder

Die Fragestellungen seien während seiner Amtszeit um ein Vielfaches komplexer und zeitintensiver geworden. Dasselbe gilt für die Dietiker Schule, der er seit 2010 vorsteht. Kostenabwälzungen des Kantons auf die Gemeinde, fortwährende Umstrukturierungen und nicht zuletzt auch der hohe Ausländeranteil machen die Schule zu einem der herausfordernderen Ressorts im Dietiker Stadtrat. Es waren aber weniger die Probleme, die sich seit dem Nein zu einem Mietschulhaus Limmatfeld im Jahr 2012 vor allem um Schulraumknappheit drehen, die Balbiani zugesetzt haben. «Probleme gibt es überall», sagt er. «Spannend ist es, Lösungen für sie zu suchen.»

Es sei ihm völlig bewusst gewesen, dass es ein heisses Eisen ist, das er von seinem Vorgänger im Schulpräsidium, Gaudenz Buchli (CVP), übernahm. «Doch genau das hat mich gereizt.» Dennoch hat der Spardruck Balbianis Arbeit zusehends schwerer gemacht. Zwar sagt er, dass es durchaus auch sinnvolle Sparübungen gebe, doch: «Bildung ist unser Rohstoff. Diesen zu fördern, kostet einfach etwas.» Trotz der Herausforderungen zieht Balbiani auch als Schulpräsident ein positives Fazit: «Die Schule Dietikon ist auf dem richtigen Weg», sagt er.

So war es letztlich vor allem die zeitliche Belastung, die Balbiani nun zum Gehen bewogen hat. «Ich habe nur noch funktioniert, bin von Sitzung zu Sitzung geeilt», sagt er. Für einen, der von sich sagt, «wenn ich etwas mache, will ich es richtig und gut machen», wurde das zunehmend zur Belastung. Zwischenmenschlich habe es allerdings nie Probleme gegeben, betont Balbiani, «die Zusammenarbeit im Stadtrat, mit meiner Partei wie auch im Verwaltungsrat war immer sehr gut».

Wenn Balbiani seine Ämter abgegeben hat, will er sich vermehrt wieder seinen Hobbies widmen, die in letzter Zeit zu kurz gekommen sind: Velofahren etwa, oder das Piccolo-Spiel, das er seit vielen Jahren in der Stadtmusik ausübt. Sein Treuhandgeschäft hat er schon vor einem Jahr zwei Mitarbeitenden übergeben, er wird ihnen aber weiterhin noch eine Weile im Teilzeit-Pensum zur Verfügung stehen.

SVP will Sitz verteidigen

Balbianis Partei bedauert seinen Entscheid; mit ihm verliere man ein «Behördenmitglied, das über grosses Wissen und Know-how verfügt und durch und durch Mensch ist». Die SVP Dietikon will den freiwerdenden Sitz am 4. März 2018 verteidigen. Erste Gespräche für die Suche nach einer geeigneten Nachfolge liefen bereits seit rund einem Jahr, wie die Partei mitteilt.

Ob die beiden bisherigen SVP-Stadträte Roger Brunner und Roger Bachmann noch einmal antreten, ist noch unklar. Brunner hat noch nicht entschieden, wie er auf Anfrage sagt; auch Bachmanns Pläne sind laut Ortsparteipräsident Rochus Burtscher noch nicht bekannt. Die SVP wird aber so oder so mit einem Dreierticket antreten: «Wir haben gute Kandidatinnen und Kandidaten zur Verfügung», schreibt sie. Definitiv entscheiden wird die SVP im Frühherbst.