Bei den Kantonsratswahlen am 24. März können erstmals 2000er-Jahrgänge antreten. Sie tun dies. Wie wurden Sie politisiert?

Valeria Meier: Bei uns in der Gemeinde sind einige Leute in der EDU. Ich wurde auf der Strasse angefragt, und nach einer Überlegungszeit bin ich der Partei beigetreten.

Leandro Putzengruber: Von klein auf habe ich miterlebt, wie meine italienische Grossmutter die Nachrichten verfolgt und sich über die Politik aufregt. Meine Tante und meine Cousine (Manuela und Christina Schiller, Anm. der Redaktion) gehören zur Alternative Liste. Ich beteiligte mich bei verschiedenen AL-Benefizessen. Weil meine Mutter sowie meine Grosseltern einen Migrationshintergrund haben, interessiere ich mich für Ausländerpolitik. Beim Essen hat mich meine Tante gefragt, ob ich mich auf die Liste schreiben lasse.

Brauchte es Überzeugungsarbeit?

Putzengruber: Nicht wirklich.

Meier: Ich machte mir schon Gedanken über meine Kandidatur, weil Flyer mit meinem Foto im Dorf verteilt werden. Dann wissen ja alle von meinem Engagement. Nach einer Bedenkzeit habe ich mich dafür entschieden.

Was sprach für oder gegen eine Kandidatur?

Meier: Ich errege ungern viel Aufmerksamkeit. Das war sicher ein Kontra-Argument. Das Pro war, dass ich bei meiner Arbeit in der Bank oft mit wirtschaftlichen und politischen Themen in Kontakt komme. Ich interessiere mich dafür und finde deshalb eine Beteiligung daran wertvoll.

Putzengruber: Bei mir war es so, dass sich früher mein Grossvater und Vater auf die Liste schreiben liessen. Ich habe kein Problem damit, in der Zeitung zu sein, denn diese Erfahrung habe ich schon gemacht. Während meiner Schulzeit im Fricktal konnte ich ziemlich gut schwimmen und erschien bereits einige Male in der lokalen Presse.

Bei Ihnen, Herr Putzengruber, ist es nun klar, weshalb Sie AL-Mitglied sind, aber . . .

Putzengruber: Dazu muss ich anmerken: Ich bin nicht in der Partei. Ich bin zwar für die Partei und habe Familienmitglieder, die in der AL sind, aber ich bin kein Parteimitglied. Ich befürworte nicht alle AL-Positionen. Politisch bin ich ein Freigeist. Ich bin schon links, aber nicht ganz. Es gibt Themen, die ich und die Rechten befürworten. Ich fand bis jetzt keine Partei, zu der ich mich wirklich zugehörig fühle.

Meier: Ich bin in der EDU. Vorher kannte ich die Partei nicht so gut, da sie eher klein ist. Ich habe meine Berufsmatura-Arbeit über die Schweizer Migrationspolitik geschrieben, und damals hatte ich eher mit anderen Parteien zu tun. Aber als ich von der EDU angefragt wurde, habe ich mich mit der Partei auseinandergesetzt – etwa welche Konfession und welche Werte sie vertritt. Sie stimmen mit meinen persönlichen Ansichten überein. Deshalb bin ich EDU-Mitglied.

Sehen Sie die geringe Parteigrösse als Vor- oder Nachteil?

Meier: Wenn man als kleine Partei wirkt, ist es schwieriger, durchzudringen. Wir haben in diesem Sinne noch Wachstumspotenzial.

Putzengruber: Die kleinen Parteien sehe ich eher als geschlossene Gemeinschaft, in der SP oder SVP sind so viele Leute, dass man nicht einmal alle Mitglieder kennt. In einer kleinen Partei kennt man sich, weiss, was das Gegenüber denkt. Aber um ein Referendum oder eine Initiative durchzusetzen, hat man als kleine Partei ohne die Unterstützung von anderen Parteien keine Chance.

Wieso kandidieren Sie ausgerechnet für den Kantonsrat?

Putzengruber: Schon mein Grossvater stand auf der Liste, damit man seinen Namen streicht und einen AL-Namen doppelt schreibt – quasi als Bauernopfer. Bei mir ist es das Gleiche. Ich schreibe mich darauf, damit man meinen Namen streicht und meine Cousine oder meine Tante doppelt wählt. Und es macht auch noch ein gutes Bild, junge Leute in der Partei zu haben.

Meier: Ich glaube nicht daran, dass man als 18-Jährige ohne politische Erfahrung einfach so in den Kantonsrat kommt. Ich habe mich auf die Liste schreiben lassen nicht in der Hoffnung, dass ich gewählt werde, sondern weil ich die Partei unterstütze. Als junge Frau trage ich damit zur Repräsentativität bei.

Falls Sie doch gewählt würden: Was wären Ihre konkreten Ziele im Rat?

Meier: Ich will die EDU politisch stärken. Mir ist ausserdem die Meinungsfreiheit wichtig. In der Schweiz kann man zwar schon sagen, was man will, aber es wird unterschiedlich aufgenommen. Man hört nur das, was man hören will.

In Bezug auf den Bezirk Dietikon oder den Kanton Zürich: Sehen Sie Probleme, die gelöst werden müssen?

Meier: Bei uns in der EDU wird die Familie grossgeschrieben. Ich unterstütze etwa die kantonale Volksinitiative für die Erhöhung der Familiengeldzulagen.

Putzengruber: Ich interessiere mich für Ausländerpolitik und will, dass das Volk Flüchtlinge besser versteht und Rücksicht auf sie nimmt. Einige verstehen ihre Beweggründe, andere nicht. Man darf einfach nicht alle in den gleichen Topf hineinwerfen. Wenn der eine oder andere blöd tut, werden automatisch alle abgestempelt. So etwas muss man wirklich aus der Welt schaffen, schliesslich sind wir alle Menschen. Die Europäer sind auch nicht ganz unschuldig daran, dass viele zu uns kommen. Was in der Kolonialzeit passierte, darf man nie vergessen.

Falls Ihr Gegenüber gewählt wird: Was erwarten Sie von ihr oder ihm?

Putzengruber: Ich erwarte, dass sie ihren Job richtig macht. (lacht) Das mit der Meinungsfreiheit finde ich gut. Ich erlebe es oft, dass ich jemandem etwas sage, und am Schluss schreien sie mich an, weil sie es nicht verstanden haben. Das ist mega mühsam. Deswegen finde ich gut, dass sie es angesprochen hat.

Meier: Ich finde die Ausländerpolitik auch etwas Spannendes. Ich habe je nach Thema andere Ansichten, aber dass man den Mensch als Mensch sieht und respektiert sowie das historische Bewusstsein für unsere Fehler in der Vergangenheit verstärkt, finde ich wichtig.

Können Sie sich vorstellen, eine Karriere in der Politik anzustreben?

Putzengruber: Nein. Ich wurde sehr von meinen Vorfahren und Verwandten geprägt. In Italien sind alle bestechlich, in Brasilien sind alle bestechlich. In der Schweiz ist es sicher besser, aber man weiss nie, was passiert. Ich würde lieber meinem Job nachgehen und ein schönes Familienleben führen, als in der Politik zu sein und an Ratssitzungen teilnehmen zu müssen. Ich interessiere mich für Politik und gehe fast immer wählen, aber selber Politiker werden war noch nie und wird nie mein Ziel sein.

Meier: Ich könnte mir eine Karriere in der Politik schon vorstellen. Junge Leute regen sich immer auf, wenn etwas entschieden wird, aber stimmen selber nicht ab. Und das Durchschnittsalter im Nationalrat ist etwa 50. Es gibt immer mehr 60-Jährige. Das ist schon gut, weil sie Erfahrung mitbringen. Aber schliesslich sind wir von ihren Entscheidungen am meisten betroffen. Deswegen finde ich es wichtig, dass Jugendliche mehr Engagement zeigen. Ich weiss auch von meinen Kolleginnen, dass die wenigsten abstimmen. Wenn wir etwas ändern können, müssen wir die Chance ergreifen.

Was erleben Sie im Wahlkampf?

Putzengruber: Ich verteile Flyer für die AL. Das habe ich zwar schon letztes Jahr gemacht, aber nun verdiene ich ein bisschen Geld damit. Die Arbeit an sich macht keinen Spass, aber wenn man die Kollegen mitnimmt und die Arbeit einteilt, dann ist es lustiger. Wenn wir das Benefizessen veranstalten, helfe ich in der Küche mit.

Meier: Ich habe an einem Partei-Brunch teilgenommen und Flyer verteilt.

Fühlt man sich ernst genommen, wenn man auf der gleichen Liste wie viele erfahrene Politikerinnen und Politiker steht?

Putzengruber: Für mich ist es nicht schlecht, auf dieser Liste zu stehen. Aber ehrlich gesagt: Es ist ein Blatt Papier mit einigen Namen auf einer Liste. Ich fühle mich deswegen nicht besonders.

Meier: Wenn ich neben all diesen Politikern bin, fühle ich mich schon ernst genommen. Aber ja, man muss realistisch bleiben. Die Reaktionen aus meinem Umfeld waren ganz verschieden. Viele Freunde oder Bürokollegen kamen auf mich zu. Einige fanden es toll, andere haben es ein bisschen belächelt. Etwa so: «Oh, 18-jährig und im Kantonsrat?» Sie fragten nach meinen Beweggründen.

Und wie haben Sie geantwortet?

Meier: Dass meine Kandidatur vor allem repräsentativ ist. Ein erster Schritt.

Wie könnte man junge Leute motivieren, um vermehrt am politischen Geschehen teilzunehmen?

Meier: Zum Teil sind die Initiativen wie etwa die Hornkuh-Initiative für viele Jugendlichen realitätsfern. Wie können sie sich dafür begeistern? Es betrifft sie nicht und sie kennen das Thema meist auch nicht.

Putzengruber: Man soll schon in der Schule anfangen, Leute zu politisieren. Ich habe zwar eine politische Familie, aber wenn die Eltern des Kindes das Abstimmen und Wählen egal finden, dann denken die Kinder das Gleiche.

Ein brennendes Thema ist aktuell der Klimawandel …

Meier: Dort machen viele Junge mit, gehen auf die Strasse und demonstrieren.

Putzengruber: Das Problem ist eben, dass viele es nutzen, um den Unterricht zu schwänzen. Ich kenne viele Leute, die das tun. Und es gibt genauso viele, die sich dafür interessieren. Darum sollten die Demos ja am Samstag sein.

Haben Sie selber daran teilgenommen?

Putzengruber: Nein, ich gehe lieber in die Schule. Ich habe vor einem Jahr auf dem Bau gearbeitet, ein ganzes Schuljahr verpasst und muss jetzt aufholen. Ich hatte Prüfungen und schreibe sie lieber jetzt, als diese irgendwann nachholen zu müssen. Natürlich finde ich den Klimawandel wichtig, aber wenn ich an eine Demonstration gehe, dann am Samstag und nicht am Freitag. Ganz einfach. Meine Pflicht ist, am Freitag in die Schule zu gehen. Wenn es am Samstag ist, gehe ich gern mit.

Meier: Ich ging auch nicht hin. Ich kann es mir schlicht nicht leisten. Am Freitagmorgen muss ich arbeiten. Zudem: Viele junge Leute gehen zwar demonstrieren, aber fahren Dieselautos und produzieren Abfall, ohne zu überlegen. Ich finde es wichtig, dass sie sich engagieren, aber auf mich bezogen ist es mir halt zu wenig wichtig, dass ich dafür nicht ins Büro gehe.

Sie sehen aber Handlungsbedarf?

Putzengruber: Ja. Aber auch wer demonstriert, macht eben nachher weiter und geniesst sein komfortables Leben.

Meier: Es gibt immer Gewinner und Verlierer. Wenn bei uns etwas nicht erlaubt ist, dann macht man es halt in Afrika. Wie Guantánamo. Was in Nordamerika nicht erlaubt ist, macht man halt in Zentralamerika.

Was würden Sie konkret vorschlagen, um hier in der Schweiz dem Klimawandel entgegenzuwirken?

Meier: Wir könnten Fachkräfte hier ausbilden und in andere Länder schicken, damit sie dort etwas bewirken könnten.

Also eine Art Entwicklungshilfe?

Meier: Ja.

Putzengruber: Ein kleines Land wie die Schweiz kann alleine nichts bewirken. Ohne Kooperation von anderen Ländern ist dieses Problem unlösbar. Wir müssten die Weltmächte dazu bringen, etwas zu verändern.

Durch die Politik Druck ausüben?

Putzengruber: Genau.

Wenn Sie ein Gesetz verabschieden und etwas verändern könnten: Was würden Sie unternehmen?

Meier: Ein konkretes Gesetz kann ich nicht auf Anhieb formulieren, aber ich sehe sicher Handlungsbedarf bezüglich der Einbürgerung. Es gibt viele gut integrierte Ausländer, die keinen Schweizer Pass haben. Andere können kaum Deutsch und sind Schweizer Staatsbürger. Es wäre interessant zu erfahren, wie das geregelt wird. Im Nachbarsdorf gibt es eine sehr gut integrierte Familie, die ausgeschafft wird. Und dann gibt es andere Familien, die keiner kennt und kein Wort Deutsch können, und diese dürfen bleiben.

Putzengruber: Für mich ist Gleichberechtigung sehr wichtig. Ich bin für die Lohngleichheit und auch für die Ehe für alle. Man muss die Leute akzeptieren, so wie sie sind. Man soll Menschen möglichst gleich behandeln auf dieser Welt. Das Einzige, was ich will, ist den Weltfrieden.