Ausbildung
Deutsch oder Englisch? Im Schlieremer Stadtbüro geht beides

Zweisprachige Lehrgänge sind am Kommen und haben auch Einzug in das Schlieremer Stadtbüro erhalten. Areta Duraku ist die erste Lernende der Stadtverwaltung, die ihre kaufmännische Ausbildung in Deutsch und Englisch absolviert.

Esther Laurencikova
Merken
Drucken
Teilen
Berufsbildnerin Astrid Romer (links) und Lehrtochter Areta Duraku (rechts) am Schalter der Stadtverwaltung Schlieren.

Berufsbildnerin Astrid Romer (links) und Lehrtochter Areta Duraku (rechts) am Schalter der Stadtverwaltung Schlieren.

Esther Laurencikova

«Thank you and have a nice day!» Wenn Lehrtochter Areta Duraku ihren Schalterdienst im Schlieremer Stadtbüro leistet, freut sie sich immer, wenn sie Kunden auf Englisch bedienen kann. Was für Duraku eine gute Übung ist, ist für die Stadt Schlieren eine Premiere. Denn die 17-Jährige ist die erste Lernende der Stadtverwaltung, die ihre kaufmännische Ausbildung auf Deutsch und Englisch absolviert.
In ihrem Alltag im Stadthaus spricht und schreibt Duraku Deutsch. Englisch kommt am Schalter zum Einsatz, wenn Kunden die deutsche Sprache nicht gut genug beherrschen. Ausserdem wird in der Berufsschule grösstenteils auf Englisch unterrichtet.

Dass sie ihre Ausbildung zweisprachig absolviert, unterscheidet sie nicht von den anderen fünf Lehrlingen im Stadthaus Schlieren. «Alle Lernenden bekommen etwa die gleichen Aufgaben», sagt Astrid Romer, Durakus Berufsbildnerin und Zuständige für Kommunikation und Öffentlichkeit des Präsidialamts Schlieren.

Nicht alle Lernenden sind dem Pensum gewachsen

Romer erfuhr von der Möglichkeit der zweisprachigen Lehre bei einer Informationsveranstaltung der KV Business School in Zürich. Sie befürwortet die Ausbildung. Doch seien ihrer Ansicht nach nicht alle Lernenden dem Pensum gewachsen. «Der Aufwand ist sehr gross. Arbeiten, zur Schule gehen und in der Freizeit lernen, das kann für manche zu viel sein», sagt Romer.
Gemäss KV Business School müssen die Lernenden die Bereitschaft mitbringen, neben dem normalen Lernpensum Zeit in ihr englisches Fachvokabular zu investieren. Doch als die Bewerbung von Duraku auf Romers Tisch lag, war sie zuversichtlich: «Sie war eine gute Schülerin, ich war überzeugt, dass sie das schafft.»
Bevor Areta Duraku ihre Lehre in Schlieren begann, besuchte sie während vier Jahren das Langzeitgymnasium in Urdorf. Die Überlegung, das Gymnasium abzubrechen und eine Lehre zu absolvieren, stand für sie schon einige Zeit im Raum. Dass im Schulunterricht viele Themen allgemein und theoretisch behandelt werden, hat sie gestört. Der Bezug zur Praxis habe ihr oft gefehlt, so Duraku. Diesen erhoffte sie sich von der kaufmännischen Ausbildung. Ihre Erwartungen wurden erfüllt.

Praxisnähe für den Alltag

«Im Fach Politik lernen wir grundlegender, wie das politische System der Schweiz funktioniert. Das bringt mir in meiner Lehre und meinem Alltag viel» sagt sie. Sie sei glücklich, dass sie sich für eine Lehre entschieden habe. Im Gymnasium legte sie ihren fachlichen Schwerpunkt auf Wirtschaft, den sie in der Berufsmaturität an der KV Business School erneut gewählt hat.
Um in die bilinguale Klasse aufgenommen zu werden, musste Duraku gute Noten in den Hauptfächern vorweisen. Die Aufnahmeprüfung für die Berufsmaturität der «Bili»-Klasse unterliegt einer speziellen Regelung. Die Englischprüfung muss mit Note 4,5 bestanden werden, im Gegensatz zu den anderen Fächern, in denen die Note 4 ausreicht.

Bilinguale Kaufmännische Lehre mit Berufsmaturität («BILI»)

Die Bilinguale Kaufmännische Lehre mit Berufsmaturität wird von
der KV Business School Zürich seit August 2011 angeboten. Die Fächer
Finanz- und Rechnungswesen, Wirtschaft und Recht, Mathematik, Politik, Geschichte, Informatik, Korrespondenz, Administration und Sport werden im Semester zu 60 Prozent in englischer Sprache unterrichtet. Schlüsselbegriffe der jeweiligen Fächer (wie etwa «Buchungssätze») werden im englischsprachigen Unterricht jedoch nach wie vor in deutscher Sprache vermittelt.

Die Fachlehrpersonen müssen gemäss der KV Business School über eine Zusatzausbildung im bilingualen Unterrichten sowie gute Englischkenntnisse verfügen. Die «Bili»-Ausbildung erfreut sich steigender Beliebtheit
bei den KV-Lehrlingen.

Während sich im Schuljahr 2014/2015 47 Lernende für das Modell entschieden, waren es 2015/2016 bereits 67. Der finanzielle Aspekt des bilingualen Lehrgangs falle kaum ins Gewicht. Die Lehrmittel würden leicht höhere Kosten generieren, der Unterricht selber führe für den Lehrbetrieb jedoch nicht zu zusätzlichen Ausgaben.

An zwei Tagen pro Woche besucht Duraku die KV Business School. Die Lehrpersonen der auf Englisch unterrichteten Fächer reden oft auch ausserhalb der Unterrichtszeiten Englisch. Die Schülerinnern und Schüler würden sich noch etwas zurückhalten, sagt Duraku. Es sei aber kein Problem, auch während des englischsprachigen Unterrichts mal etwas in deutscher Sprache nachzufragen oder zu sagen. Laut einem Informationsschreiben der KV Business School soll die deutsche Sprache nicht verdrängt, sondern nur die englische gefördert werden.
Negative Reaktionen wegen des Fokus auf die Fremdsprache haben weder Romer noch Duraku erlebt. Sie sind sich einig, dass diese Ausbildung viele Vorteile bringt. «Englisch ist ja eine Weltsprache», sagt Duraku. «Wenn man im Ausland oder bei einer internationalen Firma arbeiten will, muss man Englisch gut beherrschen.»
Nach Abschluss ihrer Ausbildung wird sie das Zertifikat «Cambridge Advanced Certificate C1» in der Tasche haben, das ein hohes Sprachniveau attestiert. Gemäss Infoblatt arbeite der Lehrgang auf dieses hin. Ziel sei ein souveräner Umgang mit komplexen Sachverhalten, im geschriebenen und gesprochenen Wort.

«Englisch fällt mir immer leichter»

Bisher sagt Duraku die zweisprachige Unterrichtsform sehr zu. «Mir ist aufgefallen, was ich für Lernfortschritte gemacht habe. Englisch fällt mir immer leichter.» Auch in ihrer Freizeit habe sie regelmässig Kontakt mit der englischen Sprache. Serien und Filme aus den USA schaue sie sich gerne im Original an. Auch Bücher lese sie gerne auf Englisch, neben der Ausbildung bleibe dafür aber weniger Zeit.
Durakus Berufsalltag spielt sich zurzeit im Bereich der Schulverwaltung Schlierens ab. Dort unterstützt sie die Mitarbeitenden in allen Bereichen, so macht sie beispielsweise die Stellenausschreibungen für Lehrpersonen oder kontrolliert Rechnungen. Die Arbeit mache ihr Spass, weil sie vielfältig sei, sagt sie.
Wie es nach der Lehre weitergehen soll, weiss Duraku noch nicht. «Ein Englischstudium oder bilinguales Wirtschaftsstudium an der Zürcher Hochschule der angewandten Wissenschaften würde mich interessieren», sagt sie. Definitiv muss sie sich aber erst in zwei Jahren entscheiden – dann macht Duraku voraussichtlich ihren Abschluss. Auch will sie einmal nach Amerika oder England reisen. «Für mich ist alles noch offen, ich würde aber sicher gerne einmal später eine Zeit im Ausland arbeiten», sagt sie.